Ludwig II: Mythos und Musical im Festspielhaus Füssen

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Ludwig II
Ein Déja-vu mit Untoten. Die Bayern können nicht loslassen. Insbesondere nicht am pompösen König Ludwig II. Dieser war zwar daran schuld, dass Bayern fast pleite war und mit Bismarck paktieren musste gegen die Franzosen. Doch spülen seine Schlösser heute, 100 Jahre nach dem „Märchenkini“ soviel Gelder ins Staatssäckel, dass keiner dem damaligen Größenwahn böse ist. Nur das Musical über ihn geht immer wieder pleite. Am 17. August hatte eine neue Version des Märchenkönigs im Festspielhaus Füssen Premiere. Je nachdem, wie man zählt, ist es die dritte oder vierte. Und die Premiere war ein großer Erfolg, das anwesende Publikum begeistert, teils euphorisch, wie unser Co-Autor Dr. Jürgen Kagelmann berichtet.

Ludwig II
Regisseur Benjamin Sahler © Big DimensionAn den künstlerischen Leistungen gab es nichts zu mäkeln, sowohl die Darsteller des Ludwig, als auch der Elisabeth (Anna Hofbauer, übrigens gebürtig aus dem nahen Marktoberdorf) und Dr. Guddens (Uwe Kröger, den man nun wirklich nicht mehr vorstellen muß), waren einfach phantastisch gut. Letztlich ist der Musicalort einfach ideal – unmittelbar am Forggensee gelegen, mit einem traumhaften Blick auf die Berge und natürlich das Schloss Neuschwanstein, und dann herrschte noch hervorragend sonniges Wetter. Es wäre außerordentlich schade, wenn, wie in Füssen umlaufende Gerüchte berichten, tatsächlich aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen an einen Abriß gedacht wird.

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Ludwig II Am Premiereabend; im Garten des Festspielhauses © Kagelmann

Ludwig II: Aussen hui, innen pfui?

Jedenfalls ist von außen alles einzigartig, innen gibt es zu mäkeln: die Sitzgelegenheiten sind durchaus optimierbar, um es vorsichtig auszudrücken, und die Soundanlage ist einfach katastrophal. Sie lässt die Stimmen der Protagonisten häufig nur verzerrt zur Geltung kommen, und vieles von der Handlung geht einfach unter. Über das Restaurant soll gar nicht viel mehr gesagt werden als die Empfehlung, lieber schon zu Hause gut und reichlich zu essen. An den kostenlos gereichten Häppchen vor dem Event gab es jedenfalls nichts auszusetzen, und überhaupt war das Ganze ein lokaler Event von Rang, mit viel Prominenz aus Politik und Kultur.

Ludwig II Am Premiereabend; im Garten des Festspielhauses © Kagelmann
Festspielhaus innen, am Abend vor der Premiere © Kagelmann

Ludwig II: Woher kommen die Gäste?

Die spannende Frage, über die in der Bevölkerung Füssens heftig diskutiert wird, ist die nach dem – finanziellem – Erfolg des neu aufgelegten Musicals. Warum sind die bisherigen, mit viel Intelligenz und Herzblut angelegten Versionen denn gefloppt? Und kann das beim neuen Ludwig 2 „gedreht“ werden? – Zum Beispiel läßt sich darüber diskutieren, ob es für ein solches Musical überhaupt eine genügend große Zielgruppe gibt. Ein dazu interviewter Hotellier meinte klipp und klar, es fehle in Füssen grundsätzlich am Hinterland, und deswegen müsse alles floppen: Kein genügend großer Einzugsbereich unter den Einheimischen, und das Touristenpublikum falle aus, weil es sich im Fall von Füssen mehrheitlich um Tagestouristen und Familien handele, die andere Interessen pflegten und jedenfalls die großen Geldausgaben scheuten, die mit einer Übernachtung verbunden seien.

Ludwig II Festspielhaus Füssen © Kagelmann
Dies sind alles richtige Bemerkungen und Beobachtungen. Tatsächlich ist es aber ein Grundproblem, unter dem das Musical seit seiner ersten Version leidet – und das wahrscheinlich nicht zu lösen ist. Es betrifft den Stoff Ludwig.

Nicht selten sind es emotional, psychologisch interessante, neudeutsch „zerrissene“ Figuren, die im Mittelpunkt von Musicals stehen – und damit wären wir beim „Märchenkönig“. Zumindest in früheren Jahrzehnten und zumindest in bayerisch-südlichen Regionen gab es ein reges Interesse an Leben und Handeln, gerade auch dramaturgisch gut vermittelbaren Leidens des von 1864 bis 1886 regierenden bayrischen Königs und an seinen Lebenskonflikten.

Ludwig II, Portrait von Gabriel Schachinger

Ludwig II: Wen interessiert der noch?

Allerdings drängt sich ketzerisch die Frage auf, ob Figur und Mythos Ludwig II heute ein großes Publikum überhaupt noch interessieren. Viele Mythen sind ja zeitgebunden, haben eine Hoch-Zeit, sind auch für bestimmte philosophische oder ideologische Strömungen wesentlich und überleben sich irgendwann. Arminius etwa, der so tapfere und clevere Römenbezwinger, hat mit dem Ende des deutschen Kaiserreichs seine Funktion als nationalistischer Mythos verloren, geriet ins Vergessen. Die Kaiserin Elisabeth – Sissi – war für die eskapistischen Bedürfnisse, heile Welt-Denken und platter Romantiksuche der deutschen und östereichischen Bevölkerung der 1950er Jahre angemessen und darauf zugeschnitten, ist jedoch seit mehreren Jahrzehnten „out“: ein Mythos, der nicht mehr gebraucht wird, weil sich die Verhältnisse und das Denken der Menschen geändert haben.

Die Hartnäckigkeit, mit der (teilweise) in Bayern der Mythos Ludwig II aufrechtgehalten wurde, weist darauf hin, dass er für verschiedene Zwecke nützlich erschien – z.B. als Teil eines bayerisch-nationalistischen, in gewisser Hinsicht separatistischen Bewußtseins, das sich als Gegenpol zu einem vereingemeinden deutschen Staat verstand. Das spielt heute nur noch eine geringe Rolle – und wird immer seltener verstanden. Aber auch andere Facetten des Ludwig-Mythos wirken bei näherer Betrachtung schlicht überflüssig und können daher heutzutage, abgesehen von den hardcore-Fans, niemanden mehr wirklich vom Hocker reissen. Zum Beispiel interessiert die früher heiß oder verstohlen diskutierte Frage, ob und wie der Kini schwul war, die heutige Generation, erst recht die zwischen 15 und 40-jährigen, überhaupt nicht mehr.

Eher schon die Frage der unendlichen Verschwendungssucht dieses ach so friedliebenden, um seine Bayern so sehr besorgten, menschenscheuen Sonderlings mit gelegentlichen dispotischen Anwendungen. Königs. Da denkt man an den Palast Erdogans, die Basilika von Yamoussoukro, die wahnwitzigen Hochhaussiedlungen in Dubai und China und dergleichen. Kein Zweifel, dass Neuschwanstein nach wie vor eine internationale Sehenswürdigkeit ist, aber ob der Bauwahn Ludwigs nun Ausdruck einer schizophenen oder schizotypen Persönlichkeit gewesen ist, wie neuerdings wieder diskutiert wird, ist doch für die zehntausenden von Besuchern nebensächlich, und jedenfalls kaum ein Grund, länger in der “romantischen Seele Bayerns” (Werbung für Füssen) zu bleiben und ein nicht ganz billiges Musical zu besuchen.

Ludwig II Logo des neuen Musicals
Ludwig² – das Musical – der König kommt zurück
Service:
Karten gibt’s hier

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Dr. Jürgen Kagelmann

Diplom-Psychologe, Verleger, Reisejournalist, Dozent bei Profil Verlag GmbH
Derzeit
– Dozent für Tourismuswissenschaft an der Dualen Hochschule Ravensburg (Freizeit- u. Reisesoziologie; Gesundheitstourismus)
– Verleger des Profil Verlags München Wien
– Fachjournalist Reise und Freizeit (Gesundheits-, Wellnesstourismus; Erlebniswelten, v.a. Freizeitparks, Wasserparks; Spanien, Lateinamerika, Florida)
Letzte Artikel print/online zu: Peru und sein Pisco-Schnaps; Hotels auf den Malediven; Originelle Hotelprojekte in Asien; Mythos Geomantie u.a.m.
– Medien-Interviewpartner für: Süddeutsche Zeitung, Welt am Sonntag, Augsburger Allgemeine, Nürnberger Nachrichten, Hör Zu Bayern 3-TV, WDR-5 u.v.a.m.