Colli Piacentini: Burgen, Banker und Bonarda

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Wenn wir Weinjournalisten, Sommeliers und Weinhändler fragen, was Sie von den Colli Piacentini und den Weinen dort wissen, sehen wir meist ein Schulterzucken. Warum ist das so? Warum fällt uns bei Namen wie Ortrugo oder Gutturnio nichts ein? Und wo sind die eigentlich, die „Hügel von Piacenza“? Welche Menschen leben dort, welche Landschaft erwartet einen und welche Geschichte hat sie zu erzählen. Eine Gruppe von zehn internationalen Journalisten und Bloggern war eingeladen diese Region kennenzulernen. Und so viel sei verraten. Es lohnt sich die Colli Piacentini zu entdecken. Vielleicht bei einem Besuch der Expo in Mailand.GAP 3 EXPO

Nach einem ruhigen Hinflug von München nach Mailand  mit Lufthansa werden wir in Malpensa von Egle Sutinyte, unserer Hostess aus Litauen empfangen und mit einem Kleinbus, der uns in den nächsten drei Tagen sicher zu allen Orten bringen wird, abgeholt. GAP 2 Egle EmpfangNach einer guten Stunde Fahrt über die Autostrada kommen wir zum Relais Cascina Scottina in Cadeo. www.relaiscascinascottina.it Hier werden wir von Fabio Tavazzani (Bild Mitte) begrüßt.GAP Begrüssung

Bei einem kleinen Mittagessen mit Weinen der DOC Region Colli Piacentini können wir uns erst einmal stärken und einen ersten Eindruck von der ausgezeichneten Küche der Emilia-Romagna und den Weinen hier bekommen.GAP 6 Seppiasalat

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GAP 7 Riso venereInsalata di seppia dazu „Lady Gio“ Ortrugo & Chardonnay Spumante brut in traditioneller Flaschengärung von Podere Pavolini www.poderepavolini.it

Riso venere con verdure e calamari mit Aquapazza Colli Piacentini DOC Malvasia 2013 von Podere Pavolini. Danach gibt es Tasca di vitello ripiena mit einem Rosso del Boardo 2011, eine Cuvée von Merlot, Barbera und Bonardo im Stahl ausgebaut und als Vergleich dazu die gleiche Cuvée im Barrique (2. Belegung – vorher war da Barbaresco von Gaja drin) von gleichnamigen Weingut Boardo. Scotina DesertZum Abschluss noch Millefoglie con crema chantilly e fragole mit einem Glas „Iperga“ Colli Piacentini DOC Malvasia passita 2010. Beide Winzer sind anwesend. Alles in Allem schon mal ein guter Einstieg.


 Am Nachmittag um 16 Uhr erreichen wir unser Domizil für die beiden nächsten Tage. Um es salopp zu sagen. Jwd! Mitten in der Pampa. Der Ort San Pietro in Cerro ist ein Örtchen mit weniger als 1000 Einwohnern. Weg zum CastelloAber mit einem Castello, das es in sich hat. www.castellodisanpietro.it. Wir werden im ehemaligen Bedienstetenhaus untergebracht. Auch die Stallungen hatten sich dort befunden. Heute erinnert daran so gut wie nichts mehr. Locanda 1

Das Albergo „Locanda del Re Guerriero“ ist eine 3 Sterne Unterkunft mit herzlichen Gastgebern, großzügigen Zimmern und allem Komfort, den es braucht. Locanda Kaminzimmerwww.locandareguerriero.it Wir haben leider keine Zeit die Zimmer richtig kennenzulernen geschweige denn unsere Koffer auszupacken. Deshalb sind hier auch keine Bilder des Zimmers. Es geht gleich hurtig weiter. Egle, unsere ständige Begleiterin, sorgt dafür das wir viel zu sehen bekommen. Und wir sind schon ein wenig aus dem Zeitplan. Planung in Italien. Ich sage jetzt mal nichts dazu. Aber es funktioniert dann doch meistens.


Wir besuchen das Schloss und machen die erste Entdeckung. Der trutzige Bau mit seinem schönen Arkadehof beherbergt das MiM Museum in Motion, eine Sammlung zeitgenössischer, einheimischer Kunst, die es sicherlich wert ist eingehender betrachtet zu werden als es bei einem kurzen Rundgang möglich ist. www.museuminmotion.it. MiM 1Die alten Räume sind jedenfalls ein würdiger Rahmen für die Kunst.


Nach einer kurzen Einführung geht es los. Wir fahren in westlicher Richtung. Ziel ist das Val Tidone. Und schon sind wir bei einem kleinen Problem. Die Fahrten dauern oft lange. Das Gebiet ist groß und San Pietro liegt im Osten. Es grenzt schon ein wenig an Situationskomik, wenn die englisch sprechende Reiseführerin von den wunderschönen mittelalterlichen Gebäuden der Stadt Vicenza schwärmt, wenn wir just in dem Augenblick an einer großen Industrieanlage vorbei fahren. Aber nach ca. einer dreiviertel Stunde sehen wir endlich – Weinberge!


Wir befinden uns also im Val Tidone, genauer im Gemeindegebiet von Ziano Piacentino. Kleine Dörfer mit teilweise verlassenen Häusern, kurvenreiche Straßen und schier endlose Weinberge prägen sich ein. Angeblich ist das sogar das größte zusammenhängende Gebiet das in Italien mit Rebstöcken bepflanzt ist. Unser erster Besuch auf einem Weingut:GAP 9 Torre 4

Torre Fornello von Enrico Sgorbati GAP 9 Torre 1 www.torrefornello.it. Enrico erzählt uns ein wenig über die Geschichte des Gutes und die Weinberge. Torrefornello ist der größte Betrieb in privater Hand in den Colli Piacentini. Und auch dort ist es wieder die Liebe zur Kunst die uns begegnet.GAP Torre Fornello Enrico gibt jungen Künstlern und Designern Platz in seinem großen Anwesen. Ein Besuch, der sich nicht nur für Weinenthusiasten lohnt.

Ach ja. Wir probieren natürlich auch. Den „Olubra“ 2011. Spumante Extra dry aus 90% Marsanne und 10% Malvasia di Candia aromatica. Klassische Flaschengärung. Leicht grünliche Noten in der Nase, gute Süße-Säure Balance. Ein Wein, der in Frankreich sogar die Silbermedaille geholt hat.


Es wird Abend und das Programm des ersten Tages läuft auf seinen Höhepunkt zu. Der Bus biegt auf den Hof des Weingutes Mossi www.mossi1558.com ein. Was für ein Empfang! Die gesamte Belegschaft scheint da zu sein. Die Eigentümer, die Familie Profumo stellen sich vor. GAP 11 Mossi 2Marco ist der Weinmacher, der von seinem Betriebsleiter Mattia Biffi unterstützt wird. Seinem Vater gehört das Weingut, das als eines der ältesten in Italien gilt. Die Familie hat es im Juni 2014 vom letzten Eigentümer Luigi Mossi nach 14 Generationen Mossi übernommen.
Alessandro Profumo und Roberto Miravalle
Aber Moment! Da klingelt es doch bei diesem Namen. Und tatsächlich. Es ist Alessandro Profumo, der ehemalige CEO der Unicredit Group, der hier im eleganten Anzug neben Roberto Miravalle, dem Präsidenten des Consorzio Colli Piacentini DOC steht www.piace-doc.it. Wein in den Colli Piacentini scheint wohl ein gutes Investment zu sein. Sein Sohn Marco sieht im hellen zu engen Anzug nicht halb so gut aus. Man sieht ihm gleich an, dass er sich in bequemerer Arbeitskleidung wohler fühlt. Nun steht die Besichtigung der angrenzenden Weinberge an.Weinberge von Mossi Ortrugo und Malvasia, Bonarda und Barbera wachsen hier.

Im Hof wird der Apertif gereicht: Ortrugo DOC Spumante Brut. Dazu gibt es typische Produkte der Region und des Hauses. GAP 12 Mossi ProdukteDenn die Colli Piacentini stehen eben nicht nur Wein, sondern auch typische Culinaria, die ebenfalls DOP sind. Also Denominazione d’Origine Protetta. Dazu gehören Pancetta, Coppa und Salame Piacentino DOP. Von Mossi selber stammt der Mostardo in verschiedenen Geschmacksrichtungen z.B. mit roten Zwiebeln.GAP 12 a ServiceDie Schüler des Instituts Raineri-Marcora in Piacenza haben den Service übernommen. Herzlichen Dank.

Hier fühlt man sich willkommen. Alle plaudern, die große Kastanie auf dem Hof blüht in voller Pracht und vom Haus her wehen die Klänge klassischen Klavierspiel. Ach! Es könnte perfekter nicht sein. Aber halt wir wollen ja berichten.
GAP 13 Pastamachen
Also geht’s hier weiter. Zwei Frauen demonstrieren ihre Fingerfertigkeit und zeigen uns die Herstellung von Tortelli con coda und Pisarei. Das sind kleine Gnocchi, die aus Brotteig und Mehl hergestellt werden. Selbstverständlich in Handarbeit. Sie sind der Hauptbestandteil von Pisarei e fasö, einem einfachen Bauerngericht, das hier in der Region seine Heimat hat.

Wir werden zum Abendessen im ersten Stock gebeten. Hier hat das Weingut Mossi ein kleines Museum des handwerklichen Weinbaus eingerichtet. Ein schöner Rahmen für das bevorstehende Essen. Ich sage bewusst nicht Dinner, da das was heute aufgetischt wird eher mit einem besseren Bauernessen zu tun hat, im Gegensatz zum nächsten Abend. Aber ich will nicht vorgreifen. Und um Mißverständnisse gleich von vorn herein zu begegnen. Die italienische Küche hat ihre Wirkung in der Einfachheit und nicht im Chichi.

GAP 15 Mossi Tafel
Ein Salat mit Selerie, Walnuß und Parmesan wird serviert. Ob es sich hier um Industrieparmesan oder um echten Parmigiano Reggiano handelt. Ich vergesse zu fragen und widme mich lieber dem Gericht. Es erschließt sich nicht recht. Das passt nicht so zusammen. Und der Malvasia DOC Dry Spumante „Terre Pian del Paradiso“ wäre solo getrunken sicher auch besser zur Geltung gekommen. Dann kommen die Tortelli con le code mit einer Füllung aus Ricotta, Eiern und Roter Bete auf den Tisch. Der trockene Malvasia DOC „Gocce di Sole“ dazu ist was die Nase betrifft, nun ja, kein Wein für den Mainstream. Könnte seine Stärke sein. 12 Monate im Eichenfass hinterlassen ihre Spuren. Aber es liegt vielleicht an den Gläsern, die eindeutig zu klein sind. Wenden wir uns dem nächsten Gang und dem nächsten Wein zu.

Jetzt wird es Rot. Gutturnio DOC „San Lupo“. Der Wein schäumt ein wenig, ist ja auch ein frizzante. Nicht so prickelnd wie Spumante, aber eben doch zu vielen herzhafteren Gerichten, die keinen Weißen vertragen und bei denen der klassische stille vollmundige Rotwein auch nicht recht passt, ist er ideal. Die Pisarei e faso (Gnocchi mit Bohnen) sind wie bereits erwähnt ein einfaches Gericht. Zusammen mit dem einfachen Gutturnio funktioniert es wunderbar. Das nach dem Primo Piatto der Secondo im Form der Hauptspeise kommt ist eh klar:

Es sind zwei Stücke Fleisch. Einmal gebratene Coppa und ein Schenkel vom Perlhuhn. Dazu Bratkartoffeln und Gemüse. Gibt es mehr dazu zu sagen? Nein. Wein gibt es wieder dazu. Und wieder ist es ein Gutturnio, die Cuvée aus Barbera und Bonarda, der hier ein Classico Superiore DOC ist und Oh Freude! endlich in einem größeren Kelch kredenzt wird. Er ist keine Bombe, eher schlank und wird zum Essen immer besser. Genau so sollte ein guter Wein sein. Ein Begleiter – kein Drängler.

Das Desert steht an und mit ihm gleich drei Weine. Auf dem Teller finden wir Limonen-Halbgefrorenes, Schokoladensalami und einen kleinen Amarettokuchen. Verschiedener Geschmack, verschiedene Konstistenzen. Nichts weltbewegendes aber ein guter Abschluss des Essens.
GAP 14 Mossi Desertweine
Die drei Weine: Malvasia DOC Spumante, Malvasia Rosa „Rosa di Vigna“ Späte Lese und Vin Santo DOC „Le Solane“. Jeder für sich ein Genuß.
Mossi Regal
Ja, doch. Es war ein schöner Abend. Wir werden ins Hotel gebracht. Jetzt ist erst einmal Ruhe.

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