Hull, England: Change is happening!

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Change is Happening – Das neue Motto von Hull

Die Einwohner von Hull sind sehr stolz auf ihre Stadt, finden es aber absolut verständlich, dass auf dem Kontinent nur wenige Leute von ihrer Stadt gehört haben, eher schon von den Nachbarstädten Liverpool, Manchester und Leeds. Schließlich hat Hull gerade mal eine Viertel Million Bewohner und setzt (wenn überhaupt) nur Assoziationen als Endpunkt der Route einer Fähre von und nach Rotterdam frei. Dass viele in Großbritannien die Stadt mit dem naheliegenden Homoioteleuton „Hull is dull“ kennzeichnen, wollen wir mal beiseite lassen. (Irgendwie fällt einem dabei Bielefeld ein, mit dem es das Schicksal auch nicht besonders gut gemeint hat ..)

Jedenfalls sollte sich seit 2018 einiges ändern für Kingston-on-Hull, wie der offizielle Name für das 1299 gegründete Städtchen in Nordengland lautet. Der Hintergrund sind besonders die enormen Bemühungen anderer britischer Städte, sich neue und eindrucksvolle kulturelle Images zu schaffen. Liverpool wurde nach wirklich enormen Anstrengungen bereits 2008 die Auszeichnung zur Europäischen Kulturhauptstadt verliehen und Leeds strengt sich derzeit mächtig an, in die Auswahl für das Jahr 2023 zu kommen. Wobei das Entscheidende immer die Nachhaltigkeit ist – alle Projekte sollen auch nach einer europäischen Anerkennung fort- und weitergeführt werden und die jeweilige Stadt einschließlich ihrer Umgebung, ihres Hinterlandes kulturpolitisch nachhaltig weiter entwickeln.

Touristisch interessant, dass man in Nordengland eine Art kulturelle Themenstraße propagiert. Das macht Sinn, weil der moderne Tourist immer ganz viel auf einmal will. Daher verbindet sich Hull zusammen mit Leeds, Manchester und Liverpool zu den Cities of Northengland,.

Um das zu realisieren, ist man dabei, dafür ein neues Verbindungssystem mit der Eisenbahn, deren Image in Britannien eigentlich ein ziemlich bejammernswertes ist. Das seit einiger Zeit agierende private Unternehmen Transpennine Express verbindet alle großen Städte in Nordengland mit neuen, modernen und komfortablen Zügen zu überraschend zuverlässigen Ankunfts- und Abfahrtszeiten (– für die nächsten Jahre soll eine halbe Milliarde £ in die Erneuerung der Züge gesteckt werden). Gerade für die erkundungswilligen Touristen vom Festland, die das Risiko des Linksverkehrs mit gemieteten Wagen lieber nicht eingehen wollen, ist das eine interessante Alternative.

Die Marina von Hull

Genug der Vorrede. Hull also ist aktuell eine Stadt, deren Image, sagen wir, verbesserungs- oder ausbaufähig ist. Lange Zeit eine Walfang- und Kabeljaufischerstadt, sind jetzt die Boote und verarbeitenden Fabriken so gut wie verschwunden, sind die Docks leer und schon seit längerem ziemlich leerstehend.

Die Lösung ist: Kultur. Und zwar geballt und eindrücklich. Und Aufsehen erregend. Hull ist zum Beispiel, was sich irgendwie in Deutschland gar nicht herumgesprochen hat, in diesem Jahr „UK’s city of culture“. Diese Auszeichnung wird alle vier Jahre vergeben und bedeutet einiges an staatlichen Zuwendungen und die Vergabe von mindestens nationalen Contests und Preisveranstaltungen. Das Ziel der vom Department for Culture, Media and Sport organisierten Initiative ist, wie wir Wikipedia entnehmen können, „to build on the success of Liverpool’s year as European Capital of Culture 2008 which had significant social and economic benefits for the area.“ Der Vorgänger war 2013 übrigens Londonderry. 2017 konnte sich Hull gegenüber Dundee, Swansee Bay und Leicester durchsetzen.

Konkret heißt das, dass an wirklich 365 Tagen in Hull etwas Kulturelles stattfindet. Das ist für ein relativ kleines Städtchen wie Hull natürlich ein enormer Gewinn, aber auch eine gewaltige Anstrengung. Schliesslich bedeutet es zum einen das Aktualisieren der schon bestehenden kulturellen Einrichtungen, sprich Museen, mit spektakulären neuen Schwerpunkten. So wurde das traditionelle Ferens-Museum, auf das die Huller traditionell sowieso mächtig stolz sind, mit über 5 Mio. £ Kosten renoviert – und man organisierte neue Ausstellungen mit einigen durchaus spektakulären Leihgaben. Kirsten Simster, die Kuratorin, freute sich besonders über ein gerade geliehenes Gemälde von Rembrandt, das den Schiffsbauer Jan Rijcksen und seine Frau von 1633 zeigt. Der flämische Meister soll womöglich selbst einmal in Nordengland gewesen sein. Der Sache wird noch nachgegangen…

Der Philanthrop Thomas Ferens, Gemälde von Frank Dicksee
Kuratorin Katrin Simster im Saal der niederländischen Meister

Eigentlich ist die Ferens-Gallery, benannt nach dem Gründer und Mäzen Thomas Ferens, und eröffnet vor genau 90 Jahren, eines der überschaubaren, hübschen Museen, in die man Schulklassen hineinschicken kann, ohne zu riskieren, dass die Kids schon nach ein paar Minuten müde oder übellaunig werden oder beides. Außerdem können sich die Kinder kreativ in einer eigenen Children’s Gallery beschäftigen. (Und bei dieser Gelegenheit sollte auch erwähnt werden, dass hierzulande der Eintritt in die meisten öffentlichen Museen total kostenlos ist. Hoffentlich bleibt das auch nach dem Brexit so ..)

Schulklassen-Besuch im Ferens
Sehr beliebt bei den Kids: Die eindrucksvolle Skulptur von Michael Scrimshaw, The Bigger Man, in der Lobby des Ferens Museums

Man kann hier nicht alles aufzählen, was im Ferens zu sehen gibt, aber zum Beispiel diese Sachen hier: Frans HalsPorträt einer Frau (ca. 1660), Canalettos Canal Grande dal palazzo Balbi fino al ponte di Rialto, im Saal Viktorianisches England das Gemälde von Herbert James Draper, Ulysses and the Sirens (1909) und im Saal Mittelalter als große Attraktion das Gemälde des Sienesers Pietro Lorenzetti Christus mit Paulus und Petrus (ca. 1320).

Wer es moderner mag, schaut sich sicher die fünf Gemälde der Screaming Popes-Reihe von Francis Bacon aus den 1950er Jahren an, diese verfremdenden Erinnerungen an das Gemälde Papst Innozenz X. von Velasquez. Und sehr aktuell ist Mark Wallingers sechsteilige irritierende Fotoserie Passport Control (1988).

The Blade auf dem Queen Victoria Square
Das propellerähnliche Rotorblatt vom Blade

Über Kunst soll man stolpern, das könnte das leitende Prinzip für das Aufstellen des Blade gewesen sein, ein 75 Meter langes und 28 Tonnen schweres Windturbinen-Rotorblatt, konzipiert vom Multimedia-Künstler Nayan Kulkarni und fabriziert in der Siemens-Fabrik in Hull, das man unübersehbar auf dem bzw. längs über dem Queen Victoria Square aufstellte. Um einen Eindruck von der massiven, bewusst stören wollenden Kunst zu gewinnen: die typischen Doppeldeckerbusse passen gerade noch unter dem Blade durch, das quer über den Platz verläuft. Es soll übrigens ein Symbol für den ökonomischen Wiederaufstieg der Stadt sein.

Hull besitzt ein Museums Quarter, das aus vier verschiedenen Museen und einem kleinen Park besteht. Eine Attraktion, die man unbedingt besuchen sollte, ist das Streetlife Museum of Transportation: ein vergnüglicher Querschnitt durch die Geschichte der Bewegung und Fortbewegung. Das Besondere: Es werden nicht einfach – wie etwa in vielen Automuseen – teure oder alte Stücke nebeneinander steril aufgestellt, sondern sie sind in ihren geschichtlichen Kontext eingebunden. Dadurch wird die jeweilige Zeit richtig be-greifbar, wie etwa in der historischen Tram von 1940, mit der man sogar eine Station im Museum fahren kann. Auch historisches Spielzeug und Comics finden sich hier – in diesem wirklich netten Museum.

Eingang zum Streetlife-Museum
Streetlife-Museum
Im Streetlife-Museum, Oldtimer und eine britische Cartoonfigur

Die zweite Must-do-Attraktion, gleich daneben, ist das Wilberforce-House Museum, gewidmet der großen historischen Figur William Wilberforce (1759-1833), ein großer Sohn der Stadt Hull. Als Parlamentsabgeordneter, der sich für die Abschaffung des transatlantischen Sklavenhandels einsetzte, spielte Wilburforce die zentrale Rolle – und erreichte vor 210 Jahren nach über 20 Jahren hartnäckigen Kampfes die Annahme des ersten Antisklavereigesetzes durch das britische Parlament:

„Mir erschien die Verderbtheit des Sklavenhandels so enorm, so furchtbar und nicht wiedergutzumachen, dass ich mich uneingeschränkt für die Abschaffung entschieden habe. Mögen die Konsequenzen sein, wie sie wollen, ich habe für mich beschlossen, dass ich keine Ruhe geben werde, bis ich die Abschaffung des Sklavenhandels durchgesetzt habe.“

Denkmal für den großen William Wilberforce

Sein Geburtshaus wurde in eine Gedenkstätte für die von ihm mit großer Energie angetriebene frühe Bewegung des Abolitionismus umgewandelt. 1906 eröffnet, gilt es als das erste englische Museum zur Geschichte der Sklaverei und Sklavenbefreiung

2006 wurde Wilberforces Leben und Kampf von Michael Apted in „Amazing Grace“ verfilmt – mit u.a. Ioan Gruffudd, Benedict Cumberbatch und Albert Finney in den Hauptrollen.

Die Silhouette vom Aquarium The Deep!

Wieder ganz was anderes ist: The Deep! Ein vierstöckiges, in den Untergrund gehendes Aquarium in einem futuristisch-maritimen Gebäude, das an die Silhouette eines gerade untergehenden Ozeanschiffes erinnert. In diesem architektonisch ungewöhnlichen Aquariumsbau, 2002 eröffnet, das als eines der spektakulärsten in Großbritannien gewertet wird, und von den Machern als the world’s only submarium bezeichnet, könnten sich Schulklassen ganze Tage aufhalten und sich zum Beispiel von Skeletten des Superriesen-Megalodons beeindrucken lassen, des ungeheuren Vorläufers der heutigen Haie. Am beliebtesten ist hier wie anderswo natürlich der Underwater Viewing Tunnel, wo sieben Arten von Haien, Rochen und hunderte anderer Arten Fische an den Wänden oder über den Köpfen der Besucher dahingleiten. Bei den kleineren Kindern ist der große Favorit die Pinguinwelt, die hier Kingdom of Ice heißt – und natürlich der riesige Shop, wo bisher noch jeder sein spezielles maritimes Schmusetier gefunden hat.

Der eindrucksvolle Ur-Haifisch Megalodon im Aquarium The Deep!

Noch einmal zurück zur (Post-)Moderne. Ihr Symbol ist die für Kulturereignisse aller Art reservierte Humber Street, direkt an der Marina. Hier hat sich einiges geändert, was man nicht zuletzt an den neuen bunten Grafitti sieht.

Fröhlich bemalte Graffiti-Wand in der Humber Street

Sehr beliebt ist auch in Hull die Kombination von Cafe-Snackbar und Kunstgallerie – die Humber Street Gallery, 64 Humber Street, wo es unten Imbiss und Café und natürlich Tee bei rastafarischer Musik gibt, und in allen fünf Stockwerken häufig wechselnde, dabei auch kontroverse und überraschende Beispiele moderner Kunst. (Unter anderem stellte man hier Werke des in Hull beheimateten Künstlerkollektivs COUM aus.)

Die Humber Street

2017 z.B. gab es eine Ausstellung von Skulpturen von Sarah Lucas, die irgendwie irgendetwas mit feministischer Kritik zu tun haben sollen; der naive Besucher findet Torsi weiblicher Körper, denen die Künstlerin seltsamerweise Filterzigaretten in Vagina und Anus gesteckt hat. Einerseits etwas gewöhnungsbedürftig, andererseits zeigt das aber auch den Mut zur modernen Kunst

Fertig ist dieses Musterbeispiel einer Gallerie mit Café aber noch nicht. Demnächst wird ein Dachcafé fertig, von dem aus die Besucher, jedenfalls die, die an den Küstenwind gewöhnt sind, weit über die Dächer von Hull und die Nordsee schauen können.

Sarah Lucas Torsi-Ausstellung „The Power in Woman“

Adressen und Infos:

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