Klagenfurt am Wörthersee: Wo der Lindwurm ruht und ein Wald im Stadion wächst

by Götz A. Primke
Klagenfurt am Wörthersee
Klagenfurt am Wörthersee

Es gibt Orte, deren Mythos tief in der Landschaft wurzelt. Klagenfurt, die südlichste Landeshauptstadt Österreichs, ist so ein Ort. Einer Legende nach entstand die Stadt, als mutige Männer ein gefräßiges Ungeheuer erschlugen – den Lindwurm, der in einem Sumpf hauste, wo heute der glitzernde Wörthersee liegt. Was bleibt, ist nicht nur der Lindwurmbrunnen auf dem Neuen Platz, sondern auch ein lebendiger Geist zwischen Geschichte, Natur und einer überraschend progressiven Kulturszene. Und manchmal wachsen in Klagenfurt sogar Wälder an den ungewöhnlichsten Orten.

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Klagenfurt am Wörthersee

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Dieser Artikel ist Teil unserer Sommer-Serie rund um Kulinarik, Hotels & Ausflugsziele am Wörthersee.
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Bernhard von Spanheim

Historisches Herz mit mediterranem Flair

Klagenfurt ist keine Stadt der Superlative – und genau das macht sie so charmant. Mit rund 100.000 Einwohnern wirkt sie überschaubar, beinahe familiär. Die Altstadt ist ein Renaissance-Kleinod mit italienischem Einschlag: Arkadengänge, pastellfarbene Fassaden, verwinkelte Innenhöfe. Wer durch die engen Gassen zwischen Domplatz, Alter Platz und Heiligengeistplatz schlendert, entdeckt liebevoll restaurierte Bürgerhäuser, Kopfsteinpflaster und versteckte Cafés.

Am Arthur Lemisch-Platz beginnt unsere Stadtführung, vorbei am Denkmal Bernhard von Spanheim – dem Stadtgründer – weiter zum imposanten Wappenbrunnen im Landhaushof. In dessen Innerem befindet sich auch der historische Wappensaal mit seinen über 650 kunstvoll bemalten Wappen – zugänglich mit der Klagenfurt +Card. Ebenfalls nicht zu übersehen: das Denkmal von Maria Theresia, das Rathaus, das Theater am Stadthauspark und das von Gustav Mahler, Ingeborg Bachmann und Erzherzog Johann bekränzte kulturelle Erbe.

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Ingeborg Bachmann

Kultur zum Anfassen – und auf Augenhöhe

Klagenfurt ist eine Stadt der Dichterinnen und Denker, der Kunst und der Überraschungen. Es ist kein Zufall, dass der Ingeborg-Bachmann-Preis jedes Jahr hier vergeben wird. Ein Ort, der sich selbst nie ganz ernst nimmt, aber seine kreative Seele leidenschaftlich pflegt. Das zeigt sich auch im Projekt For Forest, das den Bogen schlägt zwischen Kunst, Umwelt und Stadtwahrnehmung – aber dazu später mehr.

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…. einmal am Platz von Jörg „Jörgl“ Haider sitzen…

Ein Highlight für alle, die sich für das Zusammenspiel von Architektur, Geschichte und Politik interessieren, ist ein Besuch im Landhaus Kärnten, wo du sogar auf dem Sessel des Landeshauptmanns Platz nehmen darfst – zumindest für ein Erinnerungsfoto.

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Wörthersee Mandl
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Die Wörthersee-Legende: Von Lindwurm und Weinfass

Wenige Schritte vom Hauptplatz entfernt befindet sich eine kleine Figur, die bei Besuchern oft ein Lächeln auslöst: das Wörthersee-Mandl. Dieses bronzezeitliche Männlein mit Weinfass ist ein Quellgeist und erinnert an die Wörthersee-Legende: Angeblich tanzten einst reiche Bürger in ihrer Dekadenz in einem Palast, bis ein Männlein sie warnte, der See würde sie verschlingen. Niemand hörte auf ihn – bis es zu spät war. Der Palast verschwand, der Wörthersee entstand. So will es der Mythos. Und Klagenfurt wäre ohne diesen märchenhaften Ursprung vermutlich nie entstanden.

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Natur und Sport mitten in der Stadt

Die Stadt ist nicht nur ein Kulturzentrum, sondern auch ein Paradies für Outdoor-Fans. Ob per Leihfahrrad, eBike oder zu Fuß – das Wegenetz rund um Klagenfurt ist hervorragend ausgebaut. Besonders beliebt: die Tour entlang des Lendkanals, einem romantisch schmalen Wasserarm, der sich vom Wörthersee bis ins Zentrum zieht. Ein echtes Juwel für Läufer, Radfahrer und Spaziergänger.

Im Sommer bietet Klagenfurt eine breite Palette an Aktivitäten: Schwimmen im Strandbad, Wassersport auf dem Wörthersee, Wandern im Kreuzbergl, Bootstouren zu den Schlössern am See oder ein Ausflug zum Pyramidenkogel, dem höchsten Holzaussichtsturm der Welt. Wer mag, macht einen Abstecher nach Maria Loretto oder kehrt in einem der urigen Gasthäuser entlang des Sees ein – etwa im Landhaushof oder der „Osteria dal Conte“, wo regionale Küche auf modernes Ambiente trifft.

So kehrte ich bei meinem Besuch zum Mittagessen im Gasthaus im Landhaushof ein und speiste dort wirklich vorzüglich. Die Speisekarte wartete mit einigen Gerichten auf, die ich am liebsten alle bestellt hätte… – aber das geht ja dann leider doch nicht. So entschied ich mich für die Tagessuppe – eine klassische Rinderbrühe mit Nudeln, anschliessend gönnte ich mir die halbe Hofente und schloss den leichten Lunch ab mit einer Marillenpalatschinke.

Mein Abendessen gönnte ich mir dann in der urigen Osteria dal Conte – die wohl leider über keine eigene Webseite verfügt. Dieser Italiener versteht die Kombination aus italienischer Küche mit österreichischen Spezialitäten. Nach einem Risotto mit Caciocavallo Käse und Kürbiskernen freute ich mich auf die Forelle mit Butter und Sonnenblumenkernen. Bei meinem Besuch war das Lokal erstaunlich leer, was hoffentlich nur an dem Tag oder der Uhrzeit lag. Die Kritiken bei Falstaff und Rolling Pin sprechen für sich.

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For Forest: Ein Wald im Stadion

Im Herbst 2019 wurde das Wörthersee Stadion zum wahrscheinlich ungewöhnlichsten Kunstort Europas. Der Schweizer Künstler und Kurator Klaus Littmann verwirklichte hier die Vision des österreichischen Künstlers Max Peintner, der 1970/71 in seiner Bleistiftzeichnung „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ einen Wald im Stadion skizzierte – als dystopische Warnung: Wird Natur irgendwann nur noch als Schauobjekt existieren?

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Littmann nahm das Bild wörtlich – und setzte im Stadion einen echten Mischwald mit fast 300 Bäumen um. Der temporäre Wald war frei zugänglich und wurde zum Medienspektakel, zur kontemplativen Installation, zum Instagram-Hotspot – und zur Diskussion über den Umgang mit Natur in urbanen Räumen.

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Woher kamen die Bäume wirklich?

Trotz früherer Ankündigungen, die Bäume aus lokalen österreichischen Baumschulen zu beziehen, zeigte sich im Verlauf der Vorbereitung 2019, dass diese dort nicht verfügbar waren. Stattdessen wurden die 299 Bäume laut offiziellen Planungen und Medienberichten aus Italien (region Bologna), Deutschland und Belgien importiert. Diese Entscheidung trafen die Planer – darunter Landschaftsarchitekt Enzo Enea – aus logistischen Gründen: In den drei großen europäischen Baumschulregionen standen Pflanzen in der nötigen Größe, Qualität und Anzahl zur Verfügung, was den Transport effizienter machte als über zahlreiche Teilstandorte in Österreich.

Klaus Littmann erklärte auf einer im Vorfeld (am 13.06.2019) abgehaltenen Pressekonferenz in München den versammelten Journalisten, dass es außerdem ökologisch-nachhaltiger sei, die Bäume über längere Entfernungen via Autobahnen zu transportieren als über kleine, verwinkelte österreichische Landstraßen. Dies wäre zwar in Kilometern kürzer – jedoch in Zeit gemessen durchaus länger.

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Was geschah danach mit den Bäumen?

Verbleib und Verpflanzung

Nach dem Ende der Ausstellung (27. Oktober 2019) begann der Abbau: Rund 200.237 Besucher hatten die Installation erlebt. Ursprünglich war vorgesehen, die Bäume „1:1“ auf einem stadtnahen Grundstück in Klagenfurt (zwischen Lakeside-Park und Universität) dauerhaft zu pflanzen – eine Idee, die von Klaus Littmann, der Stadtregierung und Enzo Enea favorisiert wurde.

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Diese Pläne scheiterten jedoch an praktischen Problemen: Schwierigkeiten bei der Grundstücksuche – etwa hoher Grundwasserspiegel oder Unkraut – machten eine dauerhafte Verpflanzung in Klagenfurt unmöglich. Stattdessen gab Geschäftsführer Herbert Waldner auf einer Pressekonferenz am 28. Oktober 2019 bekannt, dass die Bäume nach Niederösterreich (Tullnerfeld / Michelhausen) übersiedeln sollen, wo ein For Forest Campus entstehen solle.

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Verteilung der Bäume

Letzten Endes verblieben etwa 100 Bäume in Kärnten, einige wurden später in Gärtnereien oder Stadtprojekten eingepflanzt – andere 200 Bäume übersiedelten nach Niederösterreich zur Baumschule Praskac in Tulln, wo sie überwinterten und laut Berichten weiterhin wachsen sollten. Die endgültige Verwendung (z. B. Campus, Kunst- oder Forschungsprojekt) war im November 2019 noch in Planung. 2022 wurde zudem gemeldet, dass hundert Bäume gar nicht geholt wurden – was vor Gericht zu einem Urteil führte: For Forest musste rund 22.500 € an Miete zahlen plus Prozesskosten für die in der Klagenfurter Gärtnerei verbliebenen Bäume.

Die angekündigte dauerhafte Verpflanzung in Klagenfurt wurde also nicht realisiert, und das Grundstück nahe Lakeside Park blieb ungenutzt. In Niederösterreich sind die Bäume zwar eingetroffen und überwinterten, eine tatsächliche und dauerhafte Bepflanzung als Campus oder Skulptur blieb jedoch unbestätigt – konkrete Umsetzung bislang unklar oder verschoben.

Klagenfurt am Wörthersee - Götz A. Primke - For Forest

Fazit: Was blieb vom „Wald im Stadion“? Eine kritische Bewertung

  • Die Bäume kamen entgegen früheren Erwartungen nicht aus österreichischen Baumschulen, sondern aus Importquellen in Italien, Belgien und Deutschland.
  • Die ursprüngliche Idee, die Bäume dauerhaft in Klagenfurt zu pflanzen, scheiterte aus logistischen und technischen Gründen – etwa wegen fehlender Grundstücke oder ungünstiger Bodenverhältnisse.
  • Mehrheitlich wurde der Wald nach Niederösterreich verlagert. Dort befindet er sich seit Ende 2019 in einer Gärtnerei, die weitere Verwendung bleibt jedoch offen.
  • Nur rund 100 Bäume verblieben formal in Kärnten – doch auch sie wurden nicht im ursprünglich geplanten Gelände gepflanzt.
  • Ein Rechtsstreit um nicht abtransportierte Bäume zog sich bis 2022 hin.

Warum ist das wichtig?

Diese Faktenlage zeigt klar: Das Projekt war ambitioniert, aber in der Nachnutzung zerrissen. Während die mediale Wirkung enorm war (Werbewert ca. 13 Mio € durch internationale Berichterstattung), hinterließ es in der realen, nachhaltigen Umsetzung mehr offene Fragen als greifbare Ergebnisse. Für die Stadt Klagenfurt blieb ein symbolisches Kunstprojekt, nicht eine bleibende Naturinstallation. Und auch in Niederösterreich warten die Bäume meist auf ihre endgültige Bestimmung.

Touch Wood, Literatur & mehr: Kultur mit Tiefgang

Parallel zu For Forest und den dystopisch und teilweise verstörenden Bildern von Max Peintner wurde die Ausstellung „Touch Wood“ in der Stadtgalerie gezeigt – ein poetisch-philosophischer Blick auf das Material Holz. Zudem kuratierte das Robert-Musil-Literaturmuseum eine Lesung von Bodo Hell auf dem Neuen Platz. Die Stadt vibrierte in diesen Tagen – irgendwo zwischen Kunstinstallation, kulinarischer Alpen-Adria-Küche und kultureller Tiefenschärfe.

Besonders verstörend finde ich das Bild, in dem Max Peintner den Suizid des Germanwings-Piloten nahezu hellseherisch voraussagte. Alle anderen Bilder sind nahezu irrrealistisch. Aber das eine Bild ist brutale Realität geworden…

Klagenfurt: Zwischen Weltoffenheit und Wurzeln

Vielleicht ist Klagenfurt gerade deshalb so spannend, weil es Widersprüche vereint: mediterrane Leichtigkeit trifft auf österreichische Tiefgründigkeit, Renaissance auf Moderne, Natur auf Konzeptkunst. Die Stadt ist ideal für ein verlängertes Wochenende – oder als Ausgangspunkt für einen Urlaub am Wörthersee, wie etwa zu den See.Ess.Spielen. Oder ein kleiner Abstecher nach Krumpendorf zur Feinschneckerei Salanda und den köstlichen Weinbergschnecken. Sie ist leise, aber nie langweilig. Schön, aber nicht gekünstelt. Und manchmal steht sogar ein Wald im Stadion.


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Disclosure: Wir verbrachten eine kurze, doch unvergesslich schöne Zeit in Klagenfurt am Wörthersee. Wir danken für die Einladung, ohne die dieser Artikel nicht möglich gewesen wäre. Dennoch bleibt unsere Meinung nicht käuflich. Hotels und Restaurants überzeugen und begeistern mit ihrer Leistung. Dafür nochmals herzlichen Dank!

Allerdings möchte ich in Frage stellen, Journalisten erst genau zum letzten Tag der Veranstaltung einzuladen. Daher empfand ich damals eine tagesaktuelle Berichterstattung ziemlich sinnlos. Eine kritische Retrospektive hingegen in Verbindung mit anderen Wörthersee-Themen ist hingegen meines Erachtens absolut angebracht.


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