Dörfer in der Stadt: Groninger Gasthuizen

Middengasthuis
Dank Geocaching versteckte Stadtschönheiten finden. Wer ist nicht darauf aus, innerhalb einer Großstadt eine Oase des Friendes zu finden? Touristen, die Groningen besuchen, sehen oftmals nur die offensichtlichen Highlights der Stadt. Den Martinitoren, das Stadhuis, den Grote Markt, Vismarkt und die Aa-Kerk. Eventuell trinken sie noch ein Biertje bei den „Drie Gezusters“, Europas größter Bar. Aber damit haben sie die eigentlichen Schmuckstücke der Stadt gar nicht gesehen. Als aktive, geradezu davon besessene Geocacherin, komme ich in den Städten die ich besuche, an die schönsten Stellen. Sehr oft sind diese nicht mal den Einheimischen bekannt. Auf einer dieser Touren fand ich in Groningen die sogenannten Gasthuizen. Dessen Schönheit ist atemberaubend, die Zeit scheint stillgestanden zu sein und es mutet an, wie in einer Puppenstube.

Den Lärm der Stadt hinter sich lassen, ohne dazu die Stadt zu verlassen? Ist das überhaupt möglich? In Groningen ist diese Frage mit Ja zu beantworten. Denn hier gibt es in der Innenstadt die sogenannten „Gasthuizen“. Dieses sind Innenhöfe, teilweise noch aus dem Mittelalter, oftmals mit kleinen Parkanlagen und manchmal auch einer Kirche.

Gasthuizen haben eine Jahrhunderte lange Tradition. Durch den Erlass von Papst Stephan V. im Jahr 816, war jeder Bischof dazu verpflichtet, ein Armenhaus zu unterhalten. Jahrhunderte später wurde diese  Tradition von frommen Mitbürgern übernommen. Fortan boten diese den Armen, Witwen, Alten, Kranken und manchmal auch Pilgern, aus reiner Nächstenliebe und natürlich gegen einen kleinen Obolus Obdach an.

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In der Stadt Groningen gab es über die Jahrhunderte 32 Gasthuizen. Inzwischen sind noch 22 übrig geblieben. In denen wohnen nun oftmals nicht mehr die Bedürftigen, sondern ganz normale Menschen.

Oftmals werden Sie durch ein unscheinbares Portal betreten. Beispielsweise steht auf einer schweren Holztür in einer geschlossenen Häuserzeile, dass „die Kirche“ geöffnet wäre. Durch die Tür wird ein Hohlgang betreten, oftmals mit einem Schaukasten in dem Informationen über das jeweilige Gasthuis sowie die Hausregeln zu finden sind. Es wird  immer darum gebeten, den Bewohnern nicht in die Wohnungen zu schauen, Lärm zu verursachen, den Rasen zu betreten oder auf eine andere Art und Weise zu stören. Des Weiteren gibt es auch Besuchszeiten die meistens zwischen 9.00 und 18.00 liegen.

Orgel im Pelstergasthuis
Diese Regeln sind durchaus verständlich, denn es entsteht ein sofortiges Gefühl von Ruhe und Frieden. Gab es zuvor noch den Lärm der Innenstadt mit Menschen, Fahrrädern und Autos, ist dieser schlagartig abgeschaltet. Automatisch wird die Stimme zu einem Flüsterton gesenkt. Am Ende eröffnet sich eine neue Welt. Der Innenhof ist von kleinen, roten Backsteinhäusern gesäumt, in der Mitte ist zumeist ein wunderschöner Garten angelegt. Einige sind verwinkelt und haben mehrere Innenhöfe und auch mehrere Ein- und Ausgänge. Andere haben Kapellen mit wunderschönen Orgeln. In einigen Gasthuizen bieten die Bewohner ehrenamtlich Führungen an. Trotz aller Schönheit, drängte sich mir immer das Gefühl auf, bei jemand anderem im Wohnzimmer zu stehen.

Innenhof Pelstergasthuis

Pelstergasthuis – vor 1267

Der offizielle Name ist das „Heilige Getrudengasthuis“, ist aber unter dem Namen der Straße bekannt, in der es sich befindet. Es ist das größte und höchstwahrscheinlich auch das älteste Gasthuis in Groningen, da es laut den Aufzeichnungen bereits vor 1267 gegründet worden ist. Insgesamt verfügt es über drei Innenhöfe. Einer beheimatet eine gusseiserne Pumpe aus dem 19. Jahrhundert.

Pepergasthuis

Pepergasthuis – 1505

Dieses Gasthuis wird oft auch Pelstergasthuis genannt, der richtige Name ist allerdings “Geertruidengasthuis”. Ursprünglich war es eine Herberge für die Pilger, die die Reliquie von Johannes dem Täufer in der Martinikerk besuchen wollten. Die Kapelle, erbaut 1482, wurde nach der Schutzpatronin der Reisenden, der heiligen Gertuid van Nijvel bekannt. Nach dem Jahr 1594 war es als Alten- und Pflegeheim für Groninger ab 50 Jahren. Sie konnten sich dort einkaufen und bis zu ihrem Tod bleiben. Seit 1954 sind es ganz normale Mietwohnungen.

Mepschengasthuis – 1479

Die Witwe des Groninger Bürgermeisters Otto ter Hansouwe stiftete das „Sint-Annengasthuis“ welches sich inder Oude Kijk in’t Jatstraat befindet. Syerd Lewe wohnte direkt neben dem Gasthuis und stifte es zur Ehre der heiligen Anna, Mutter Marias, nachdem es seinen Namen erhielt. Heutzutage wird es von einer Stiftung unterhalten, welche an alleinstehende Frauen vermietet.

Jacob en Annagasthuis – 1495

Das Ehepaar Jacom Grovens und seine Frau Eteke Sluchtinge stifteten das Gasthuis, das nach dem Apostel Jacobus und der Mutter von Maria benannt wurde. Es wurde auch „Leckerbekjesgasthuis“ genannt, weil das essen dort so gut war. Anfangs bot es Raum für 12 Arme, wurde aber 1539 um fünf weitere Plätze erweitert. 1982 wurde es zu Wohnungen für maximal zwei Personen umgebaut und es gibt einige gemeinschaftlich genutzte Räume.

Sint Anthonygasthuis – 1517

Dieses Gasthuis am Rademarkt ist wahrscheinlich durch die Gemeinde Groningen gestiftet worden. Es wurde damals direkt an die Stadtmauer gebaut und diente unter anderem als Pesthaus, ab 1844 als Irrenhaus und danach als Altersheim. Aktuell sind die Wohnungen zu mieten.

Aduardergasthuis – 1613

Heute ein Studentenwohnheim wurde das Gasthaus am Munnekeholm vom Klosterabt Wilhelmus Emmius testamentarisch für „acht alte bedürftige weibliche Personen“ erreichtet.

Armhuiszitten Convent – 1621

„Arme Huiszittenden“, nach denen das an der A-Kerkstraat liegende Gasthuis benannt worden ist, waren Bedürftige, die sich zwar eine Wohnung leisten konnten, aber nicht in der Lage waren für ihren weiteren Lebensunterhalt aufzukommen.

Anna Ververs Conven – 1635

Anna Varvers, die Witwe von Andires Jaspers Varvers, gründete 1635 (laut den Aufzeichnungen 1632) das Gasthaus für fünf oder sechs Frauen. Es liegt in der Nieuwe Kijk in’t Jatstraat.

Zeylsgasthuis – 1646

Das Zeylgasthuis liegt in der Visserstraat und wurde von Berend Seilmaker, seiner Ehefrau und der Witwe seines Bruders gestiftet. Es bot Wohnraum für fünf Witwen, die größtenteils Familienmitglieder der Vögte waren. 2003 wurde es restauriert und wird bis heute als Gasthuis genutzt.

Wytzes- of Schoonbeeksgasthuis 1696/1911

Lubbina van Daelen, Witwe von Hindrick Wytzens stiftete das ursrpünglich an De Laan gelegene Gasthuis, welches 1911 an die Visserstraat umgezogen ist. Der zweite Teil des Names weist auf Vogt Jacibus Schoonbeek hin, der einst einer der Vögte des Gasthuises war.

Aaffien Olthofsgasthuis – 1767

Auch Vrouw Wilsoorgasthuis genannt, liegt es an der Kattengage. Es wurde aus der Hinterlassenschaft von Aaffien Wilsoor, Ehefrau von Jan Olthof gestiftet. Ursprünglich für drei Frauen, wurde es 1861 und 1901 erweitert. 1975 wurden die Häuser restauriert und als Eigentumswohnungen verkauft.

Juffer Tette Alberdagsthuis – 1778

Juffer (Fräulein) Tette Alberda stiftete 1658 das Gasthuis für sechs alte Frauen in zwei Gebäuden an der Nieuwe Boteringerstraat wo sie selbst auch ein Haus bewohnte. Es zog 1778 in das Gebäute am Nieuwe Kerkhof.

Corneliagasthuis – 1854

Die katholische Familie Cremers stiftete das auch Tellegengeasthuis genannte Gebäude. Das hatte sieben Räume die für bedürftige katholische Frauen und Witwen bestimmt waren. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz und wurder1984 zum Wohnhaus umgebaut.

Juffer Margarethagasthuis – 1858

Margaretha Muller war die Tocher eines Verwalters der Lutherischen Kirche. Das Gasthuis war in einem ehemaligen Waisenhaus und dem dazugehörigen Neubau untergebracht.

Gerada Gockingagasthuis -1870

Junker Wpolther Gockinga stiftete das an der Grote Rozenstraat gelegene Gasthuis zu Ehren seiner Frau Gerade Wolthers. Es wurde 1882 und 1891 erweitert. Im Gasthaus lebten unverheiratete Frauen und Witwen.

Doopsgezind Gasthuis – 1872

Durch eine Schenkung des Doodsgeszinde Gemeente Mitglieds Jacob Dijk, konnte dieses Gasthaus gebaut werden. Es wurde in den Jahren 1883, 1924 und 1957 um jeweils mehrere Wohnungen erweitert.

Middengasthuis

Middengasthuis (Kleine Rozenstraat) – 1872

Die Algemeen Diakengezelschap stiftete das erste Middengasthuis von Gronigen. Es liegt an der Südseite der Kleine Rozenstraat. Es konnten dort nur Reformierte „Minderbemittelte“ ab 55 Jahren dort Wohnraum kaufen. Da das Gasthuis zu klein war, wurde in der nahegelegenen Grote Leiliestraat ein zweites gebaut. 1978 war es vom Abriss bedroht, wurde aber dann doch 1981 renoviert.

Pieternellagasthuis – 1877

Ludewé Vink, Witwe von Antoni Janson, stiftete dieses Gasthuis zum Gedenken an ihre drei verstorbenen Ehemänner und zwei Kinder. Der Name ist der Name der zwei Kinder: Pieter und Pieternella. Voraussetzung für eine Aufnahme war ein vorbildlicher Lebenswandel, keine Ruhestörungen und keinen Alkohol. Schiffer wurden bevorzugt behandelt, da ihr letzter Ehemann Reeder war. Ende der 60er Jahre wurden zwei der ältesten Flügel abgerissen und etliche Wohnungen zusammengeführt.

Sint Martinusgasthuis – 1880

Dieses an der Grote Leiliestraat gelegene Gasthuis wurde anfangs von älteren römisch-katholischen Groningern bewohnt. Diese mussten sich anständig, unauffällig und moralisch benehmen.

Remonstrants Gasthuis – 1890

Durch einen hohen Bedarf von Sozialwohnungen, insbesondere für die Mitglieder der Remonstrantse Gemeente, wurde das an der Noorderbinnensingle gelegene Gasthuis gestiftet. Anfangs bestand es aus achtzehn Wohnungen. Später kamen noch fünf weitere dazu. Durch die vielen Rosenstöcke im Innenhof wird es auch Rozenhof genannt.

Het Middengasthuis (Grote Leliestraat) – 1895

Da das erste Middengasthuis zu klein war, wurde dieses im Auftrag der Algemeen Diakengezelschap gebaut. Das Gasthuis mit einem sehr großen Innenhof wurde in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts verkauft, da an derartigen Einrichtungen nicht mehr so viel Bedarf bestand.

Typografengasthuis – 1903

Dieses Gasthuis wurde im Auftrag der Groninger Boekenverkoopers College gebaut und lieft an der Petrus Cmpersingle. Die Wohnungen wurden 1972 an Privatpersonen verkauft und es wurde auch viel an Studenten vermietet. Heute leben dort rund 60 Menschen aller Generationen.

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Anika-Okje Erdmann

Anika Erdmann ist eine Journalistin, digitale Strategin und lokale Expertin für San Francisco, interessiert in der Geschichte und dem Wandel der Stadt am Ende des Regenbogens.