Von Kabinett bis Großes Gewächs: Das deutsche Qualitätssystem entschlüsselt

by Götz A. Primke
Beeren in unterschiedlichen Reifezuständen - (c) Deutsches Weininstitut

Wer im Weinregal nach einer Flasche greift, sieht sich oft mit einer wahren Flut an Begriffen konfrontiert. Da prangen Bezeichnungen wie QualitätsweinKabinett oder Trockenbeerenauslese neben kryptischen Zahlenkombinationen und Siegeln. Die deutschen Qualitätsstufen beim Wein können kompliziert sein. Für viele Konsumenten gleicht der Blick auf die Flasche einem Buch mit sieben Siegeln. Doch das muss nicht sein. Das deutsche Herkunfts- und Bezeichnungssystem gehört zwar zu den detailliertesten der Welt, folgt aber einer inneren Logik.

Die Qualitätsstufen bei deutschem Wein befinden sich derzeit mitten in einer historischen Transformation. Während jahrzehntelang rein der Zuckergehalt der Trauben bei der Ernte (das sogenannte Mostgewicht) über den Status entschied, gilt heute im modernen Weinbau das internationale Credo: „Je enger die Herkunft, desto höher die Qualität.“

Um Licht ins Dunkel zu bringen, dröseln wir das System logisch auf – von der klassischen Pyramide des Weingesetzes bis hin zur heutigen Elite-Klassifikation.

Weingeniesser, (c) Deutsches Weininstitut
Deidesheim, Etikettensammlung, (c) Deutsches Weininstitut

Teil 1: Die klassische Pyramide (Das Weingesetz von 1971)

Das traditionelle deutsche System basiert primär auf dem Reifegrad der Trauben zum Erntezeitpunkt, gemessen in Grad Oechsle. Je mehr Sonne die Traube getankt hat, desto mehr Zucker enthält der Most – und desto höher steigt sie in der klassischen Pyramide.

Die Basis: Deutscher Wein & Landwein

  • Deutscher Wein: (Früher schnöde Tafelwein genannt) Die simpelste Stufe ohne Herkunftsbezeichnung. Er präsentiert sich unkompliziert, darf aber nicht angereichert werden.
  • Deutscher Landwein: Ein gehobener Schoppenwein, der aus einer der 26 ausgewiesenen Landweinregionen stammen muss und immer trocken oder halbtrocken ausgebaut wird.

Die Qualitätsstufe: Qualitätswein bestimmter Anbaugebiete (QbA)

Die mit Abstand größte Menge des deutschen Weins fällt in diese Kategorie. Die Trauben müssen zu 100 % aus einem der 13 offiziellen Weinanbaugebiete stammen.

Der Unterschied zur Spitze: Bei einem QbA darf der Winzer dem Most vor der Gärung etwas Zucker zusetzen (Chaptalisation), um den späteren Alkoholgehalt im fertigen Wein anzuheben – ein wichtiges Werkzeug in kühleren Jahren. Jeder dieser Weine muss die amtliche Qualitätsprüfung bestehen und trägt die berühmte A.P.-Nr. auf dem Etikett.

→ Der Große Deutsche Wein Guide Spezial auf Le Gourmand – Das Genießer-Magazin
Dieser Artikel ist Teil unserer exklusiven Serie über die Spitzenkulinarik und den Weinbau in Deutschland. Suchen Sie nach tiefergehenden Informationen zu den besten Lagen, Terroirs und sensorischen Geheimnissen? Finden Sie alle Facetten des Genusses gebündelt auf unserer zentralen Hub-Page: Grosse Gewächse – Erste Lagen: Der ultimative Wein-Guide

Qualitätsstufen bei Wein, (c) Deutsches Weininstitut
Trockenbeerenauslese und ihre Aromen

Die Krone: Qualitätswein mit Prädikat (Prädikatswein)

Hier beginnt der anspruchsvolle Genuss. Prädikatsweine dürfen unter keinen Umständen künstlich mit Zucker angereichert werden. Sie spiegeln die pure Natur des Jahrgangs wider. Die Hierarchie staffelt sich nach oben:

  1. Kabinett: Feine, leichte, oft alkoholärmere Weine aus reifen Trauben. Der ideale, elegante Aperitif.
  2. Spätlese: Die Trauben werden – wie der Name sagt – später geerntet, sind vollreif und zeigen mehr Körper und Tiefe. Kann trocken oder mit edler Restsüße ausgebaut werden.
  3. Auslese: Hierfür werden vollreife und oft bereits edelfaule Trauben von Hand selektiert. Kraftvolle, dichte Weine mit enormem Reifepotenzial.
  4. Beerenauslese (BA) & Trockenbeerenauslese (TBA): Die absolute, raritätische Spitze. Aus Rosinen-artig eingeschrumpften Trauben, die von der Edelfäule (Botrytis cinerea) geküsst wurden. Es entstehen dickflüssige, hochkomplexe Elixiere von ewiger Lebensdauer für die feine Dessertbegleitung.
  5. Eiswein: Eine Naturgewalt. Die Trauben müssen bei mindestens minus 7 Grad Celsius gefroren gelesen und noch im gefrorenen Zustand gekeltert werden. Das Ergebnis ist eine explosive Konzentration aus glasklarer Fruchtsäure und opulenter Süße.
Qualitätsstufen beim Wein - Weingut Schreiber, Schönste Vinothek 2021, (c) Deutsches Weininstitut

Teil 2: Die moderne Evolution (VDP & das neue Weinrecht)

Das klassische System hat ein Problem: Eine „Spätlese“ kann knochentrocken sein oder üppig süß – der Verbraucher sieht es dem Begriff nicht an. Zudem sagt das Mostgewicht nichts über die handwerkliche Qualität oder die Güte des Bodens aus.

Deutsche Qualitätsstufen beim Wein im Wandel

Deshalb hat der Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) vor Jahren ein revolutionäres System etabliert, das sich am französischen Burgund orientiert und seit der jüngsten Reform des deutschen Weingesetzes nun schrittweise für das gesamte Land gesetzlich bindend wird. Hier regiert das Herkunftsprinzip.

Ein moderner Spitzenwein teilt sich heute in vier Stufen auf:

      / \
     /   \     GROSSE LAGE (z.B. Großes Gewächs)
    /     \    ---------------------------------
   /       \   ERSTE LAGE
  /         \  -----------------------------------------
 /           \ ORTSWEIN
/_____________\-------------------------------------------------
       GUTSWEIN

1. VDP.GUTSWEIN – Die Visitenkarte des Hauses

Die Basis der herkunftsgeprägten Hierarchie. Diese Weine stammen aus gutseigen Weinbergen innerhalb einer Region und erfüllen bereits die strengen, handwerklichen Standards der Spitzenweingüter (z. B. Ertragsreduzierung und Handlese). Sie sind der perfekte Einstieg in den Stil des jeweiligen Winzers.

2. VDP.ORTSWEIN – Der Botschafter der Gemeinde

Die nächste Stufe. Die Trauben stammen ausschließlich aus den Weinbergen einer bestimmten Gemeinde oder Stadt (z. B. Niersteiner oder Würzburger). Sie spiegeln den typischen Charakter des lokalen Bodens und des Mikroklimas wider.

3. VDP.ERSTE LAGE – Die erste Klasse

Diese Weine stammen aus erstklassigen, historisch urkundlich erwähnten Weinbergen mit eigenständigem Charakter. Hier herrschen optimale Wachstumsbedingungen für langlebige Weine mit ausgeprägter Identität.

4. VDP.GROSSE LAGE (Das Große Gewächs) – Die absolute Weltklasse

Das Äquivalent zum französischen Grand Cru. Dies sind die Filetstücke der allerbesten deutschen Weinberge, parzellengenau abgegrenzt. Die Erntemengen sind extrem stark limitiert, die Handlese ist obligatorisch.

  • Das Große Gewächs (GG): Bezeichnet den absolut trockenen Wein aus einer Grossen Lage. Er wird traditionell in der markanten Flasche mit dem eingeprägten „GG“-Logo präsentiert und kommt für Weißweine frühestens im September des Folgejahres, für Rotweine sogar erst nach zwei Jahren Reife auf den Markt.
  • Die frucht- und edelsüßen Weine aus diesen Spitzenlagen behalten hingegen ihre traditionellen Prädikate (z. B. Große Lage Spätlese oder Große Lage Auslese).

Über Geschmack lässt sich nicht streiten

Weintrinker stecken scheinbar voller Widersprüche. Mit Verachtung sprechen sie einmal von „süßem“ Wein und ein anderes Mal loben sie „edle Süße“ eines Weins. Wie paßt das zusammen?

Die Kunst der Harmonie gibt Antwort auf diesen scheinbaren Widerspruch: Wenn die Süße das Aroma, den Eigengeschmack der Rebsorte, die feine fruchtige Säure und das Bukett überlagert, wirkt der Wein unharmonisch und aufdringlich. Steht die „dienende Restsüße“ jedoch in ausgewogener Harmonie zu Säure und Geschmacksstoffen, entwickelt sich der Reichtum von Aroma und Bukett. Diese Erfahrung zeigt sich auch in anderen Bereichen: So nehmen wir beispielsweise das Fruchtaroma von Erdbeeren oder Himbeeren wesentlich deutlicher wahr, wenn die Früchte eine gewisse Süße haben.

Wie entsteht Restsüße?

Wein entsteht, wenn Hefe den Traubenzucker, der sich während der Reifung in den Trauben gebildet hat, zu Alkohol und Kohlensäure vergärt. Die Kohlensäure entweicht – Alkohol, Bukett- und Aromastoffe bleiben im Wein zurück. Wenn jedoch die Vergärung des Zuckers zu Alkohol nicht vollständig erfolgt, bleibt der natürliche Fruchtzucker des Traubenmostes teilweise erhalten.

In jedem guten Weinjahr gibt es Trauben mit einer sehr hohen Zuckerkonzentration in den Beeren. So entstehen die Spätlesen, Auslesen, Beeren- und Trockenbeeren-Auslesen, bei denen u.U. der Traubenzucker nicht restlos vergoren wird. Dieser Rest Traubenzucker bleibt also im Wein erhalten. Ihn bezeichnet man als Restsüße. Zusammen mit den übrigen Extraktstoffen des Weins, den Säuren und weiteren Geschmacksteilen bildet diese Restsüße jene Harmonie, die gerade bei den Spitzenerzeugnissen der Deutschen Weine einzigartig in der Welt ist.

Harmonie durch Süße und fruchtige Säure

Weinmost mit weniger natürlicher Zuckerkonzentration vergärt in der Regel vollständig, das heißt, der gesamte Fruchtzucker wird restlos in Alkohol und Kohlensäure umgewandelt. Diese vollständig durchgegorenen, also trockenen Weine finden die meisten Anhänger im In- und Ausland. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Nach wie vor gibt es zahlreiche Freunde „restsüßer“ Weine.

Hier beginnt die eigentliche Kunst des Kellermeisters: Denn bevor der durchgegorene Wein abgefüllt wird, müssen Süße und Säure fein aufeinander abgestimmt werden. Nur so können das volle Fruchtaroma und das Bukett des Weines wirklich zu Entfaltung kommen.

Dazu wird schon bei der Einlagerung ein kleiner Anteil des geernteten Traubenmostes filtriert, also die Hefen entfernt und steril eingelagert, damit die Vergärung gar nicht beginnt. So bleibt der Zucker des Mostes in der sogenannten „Süßreserve“ vollständig erhalten. Im Grunde nicht anders als bei Traubensaft. Diese „Süßreserve“ wird in geringen Mengen dem füllfertigen, durchgegorenen Wein zugesetzt, so daß der Wein nach der Abfüllung die richtige Harmonie zwischen Säure und Süße aufweist. Dabei dürfen als „Süßreserve“ nur gleichwertige Moste gleicher Qualitätsstufe aus demselben Anbaugebiet und gesetzlich genau definierten Herkünften verwendet werden.

Die Zuckern des Mostes: Kein Geheimnis

In den nördlichen Anbauregionen gedeihen aufgrund des relativ kühlen Klimas Weine, die von Natur aus wenig Alkohol, aber viel Aroma und eine elegante Fruchtsäure mitbringen. Manchmal erreichen die Trauben jedoch nicht das Mostgewicht, das zur Bereitung eines harmonischen, kräftigen Weines benötigt wird. Ist der Zuckergehalt des aus den Beeren gepreßten Mostes zu gering, um dem Wein den nötigen Alkoholgehalt zu schenken, darf dem Most vor oder während der Gärung Zucker (Saccharose) zugesetzt werden.

Dieses Verfahren wird als Anreicherung, in der Fachwelt auch Chaptalisation genannt, bezeichnet und ist in allen Anbaugebieten der gemäßigten Klimazonen Europas üblich und EU-weit einheitlich gesetzlich geregelt. Dies gilt gleichermaßen für die französischen Gebiete Bordeaux, Loire, Burgund, Champagne und Elsaß sowie für alle deutschen Anbaugebiete sowie Luxemburg, Österreich und die Schweiz. In der europäischen Anbauzone A (wozu fast alle deutschen Weinanbaugebiete gehören) ist eine Alkoholerhöhung auf maximal 3 % vol. begrenzt. Im wärmeren Baden (Anbauzone B) liegt das Limit sogar bei maximal 2 % vol.

Der Zucker wird niemals dem Wein, sondern nur dem Most zugesetzt. Beim durch die Hefen in Gang gebrachten Gärprozeß werden sowohl der aus der Traube stammende als auch der zugesetzte Zucker in Alkohol und Kohlensäure umgewandelt. Die Kohlensäure entweicht, der Alkohol und die anderen Inhaltsstoffe verbleiben und geben dem entstehenden Wein Fülle und Aroma.

Eine Anreicherung bedeutet also grundsätzlich eine Erhöhung des Alkohols und niemals eine „Süßung“ des Weines. Auch trockene Weine im Tafel- und Q.b.A.-Bereich können angereichert sein.

Die moderne Ausnahme beim Säuern: Während der Zusatz von Fremdsäuren früher kategorisch verboten war, zwingt der Klimawandel die Gesetzgeber zum Umdenken. In außergewöhnlich heißen Jahren dürfen Winzer heute bei den Behörden Ausnahmegenehmigungen beantragen, um den Most oder Wein mit weineigener Säure (wie Wein- oder Äpfelsäure) sanft zu korrigieren. So bleibt die animierende Frische und Langlebigkeit erhalten, für die deutsche Spitzenweine weltweit gefeiert werden.

Jede Anreicherung ist meldepflichtig. Winzer, die in deutschen Anbaugebieten ihren Most mit Zucker anreichern wollen, müssen dies 48 Stunden vorher bei der zuständigen Behörde melden und in die Kellerbücher eintragen.

Prädikatsweine dürfen nicht angereichert werden

In Deutschland dürfen nur Moste angereichert werden, aus denen „Deutscher Wein“ (früher Tafelwein), Landweine oder schlichte QbA-Weine bereitet werden. Für die Qualitätsweine mit Prädikat haben sich Deutschlands Winzer für ein anderes Qualitätsprinzip entschieden. Prädikatsweine ab Kabinett werden ausnahmslos nicht angereichert. Der Alkohol im Glas darf ausschließlich aus dem natürlichen Fruchtzucker stammen, den die Traube am Stock gebildet hat.

Das Anreicherungsverzicht bei Prädikatsweinen bringt es mit sich, daß diese Erzeugnisse als die leichtesten und damit bekömmlichsten Weine geschätzt werden. Das deutsche Weinrecht geht hier seinen eigenen Weg.

Wein und Essen kombinieren, (c) Deutsches Weininstitut DWI

Öchsle – Reifeprüfung für den Wein

Im Herbst, wenn die Trauben reifen, beginnen die Winzer den Zuckergehalt in den Weinbeeren zu messen. Der Zucker, der dann später bei der Vergärung in Alkohol umgewandelt wird, ist der Maßstab für die Reife, er bestimmt das Mostgewicht, das in Öchslegraden ausgedrückt wird. Der Name dieses amtlichen Mostgewichtes stammt von dem Apotheker, Goldschmied und Physiker Christian Ferdinand Oechsle (1774 – 1852), der in Pforzheim lebte und sich oft über seinen Wein ärgerte.

„Wenn man den Zuckergehalt des Mostes messen könnte, müßte es möglich sein, die Entwicklung des Weins besser voraussehen zu können“, sagte sich Oechsle und begann, ein Instrument zur Messung des Mostgewicxhtes zu bauen. Das Resultat von Oechsles Arbeiten war eine thermometerähnliche Schwimm- oder Senkwaage.

Das Fundament der Pyramide: Was bedeuten eigentlich Oechsle-Grade?

Diese Methode entscheidet bis heute im Herbst über das Schicksal der Ernte: die Messung des Mostgewichts. Die Funktionsweise ist im Grunde reine Physik, die die Winzer im Weinberg heute meist mit einem optischen Refraktometer (oder klassisch mit einer Senkwaage, der Oechsle-Spindel) ermitteln:

  • Die physikalische Formel: Ein Oechsle-Grad (1∘Oe) zeigt an, um wie viel Gramm ein Liter Traubenmost bei 20 °C schwerer ist als ein Liter reines Wasser.
  • Ein konkretes Beispiel: Hat ein Most ein spezifisches Gewicht von 1080 Gramm pro Liter, dann weist er exakt 80∘Oe auf.

Warum das Mostgewicht der Gradmesser für Qualität ist

Dieses zusätzliche Gewicht im Most stammt fast ausschließlich vom natürlichen Fruchtzucker (Glucose und Fructose) in den reifenden Weintrauben. Je mehr goldene Herbstsonne die Beeren tanken, desto höher steigt der Zuckergehalt und damit der Oechsle-Wert.

Für den Winzer ist das Mostgewicht die wichtigste Kennzahl, denn daraus lässt sich mathematisch der potenzielle Alkoholgehalt des späteren Weins berechnen (80∘Oe entsprechen voll durchgegoren etwa 10 % vol. Alkohol). Gleichzeitig gilt: Mit steigender Reife lagert die Rebe nicht nur Zucker, sondern auch wertvolle Extrakte, komplexe Aromastoffe und reife Geschmackskomponenten in der Beere ein.

Wein und Essen kombinieren, (c) Deutsches Weininstitut DWI

Die gesetzlichen Hürden für die Prädikate

Da das deutsche System traditionell auf der Reife zum Erntezeitpunkt basiert, schreibt der Gesetzgeber für jede Stufe der Qualitätspyramide ein striktes Mindest-Mostgewicht vor. Je nach Rebsorte und Weinanbaugebiet variieren diese Untergrenzen leicht, folgen aber einer klaren Logik:

  • Spätlese: Hier liegen die Werte in der Regel zwischen 80 und 90° Oechsle. Die Trauben müssen vollreif geerntet werden.
  • Auslese: Die Aristokratie im Weinberg beginnt ab 90° Oechsle und reicht oft bis etwa 120° Oe. Hier wird im Weinberg bereits streng selektiert.
  • Beerenauslese & Eiswein: Hier gilt eine kompromisslose Untergrenze von 125° Oechsle – diese Weine leben von einer enormen natürlichen Konzentration.
  • Trockenbeerenauslese: Die absolute, edelsüße Spitze des deutschen Weinbaus verlangt astronomische 150° Oechsle und mehr. Diese Elixiere entstehen nur, wenn die Beeren Rosinen-artig am Stock einschrumpfen.

Der Praxis-Check: Wie Sie ein Weinetikett richtig lesen

Wenn Sie nun eine Flasche vor sich haben, können Sie die wichtigsten Qualitätsmerkmale anhand von fünf Kernbereichen sofort entschlüsseln.

Die Pflichtangaben auf einen Blick:

  • Der Erzeuger / Abfüller: Steht hier der Begriff Gutsabfüllung, bürgt der Winzer dafür, dass die Trauben aus seinen eigenen Weinbergen stammen und der Wein in seinem eigenen Keller ausgebaut wurde. Das ist das ultimative Qualitätsversprechen im Gegensatz zu anonymer Fassware.
  • Das Anbaugebiet: Zeigt sofort die geografische Identität (z. B. Mosel oder Baden).
  • Jahrgang & Rebsorte: Verraten das Alter und die geschmackliche DNA der Traube.
  • Die A.P.-Nr. (Amtliche Prüfungsnummer): Eine mehrstellige Zahlenkombination (z. B. A.P.-Nr. 4 567 089 26). Sie ist der amtliche Personalausweis des Weines und beweist, dass der Tropfen im Labor und von einer Blindverkostungs-Jury fehlerfrei geprüft wurde.

Der Geheimcode auf dem Etikett: Die A.P.-Nummer entschlüsselt

Jedes Mal, wenn Sie in Deutschland einen Qualitäts- oder Prädikatswein kaufen, prangt auf dem Etikett eine kryptische Zahlenkombination: die A.P.-Nr. (Amtliche Prüfungsnummer). Sie ist der lückenlose Herkunftsnachweis und die absolute Qualitätsgarantie, die erst nach einer strengen Laboranalyse und einer amtlichen Blindverkostung vergeben wird.

Doch was bedeuten die Ziffern eigentlich? Wenn Sie beispielsweise die Nummer A.P. Nr. 5 151 123 009 26lesen, lässt sich diese wie folgt lesen:

  • 5 (Die Prüfstelle): Zeigt an, in welcher regionalen Prüfstelle der Wein verkostet wurde (hier z. B. in Rheinland-Pfalz).
  • 151 (Der Ort): Die Kennziffer der Weinbaugemeinde, in welcher der Betrieb liegt.
  • 123 (Der Winzer): Die spezifische Betriebsnummer des Weinguts.
  • 009 (Die Abfüllung): Die laufende Nummer der Weinpartie, die dieser Winzer in diesem Jahr zur Prüfung angestellt hat.
  • 26 (Das Prüfungsjahr): Das Jahr, in dem der Wein die amtliche Zulassung erhalten hat – hier also ganz frisch im Jahr 2026(Achtung: Das Prüfungsjahr ist oft das Jahr nach der Ernte und daher nicht zwingend identisch mit dem Jahrgang des Weins!)
  • Das Etikett richtig zu dechiffrieren und die passende Qualitätsstufe zu wählen, ist der erste Schritt zum Weinkenner. Doch ein edler Prädikatswein oder ein trockenes Großes Gewächs entfalten ihre komplexe Magie erst dann, wenn sie auch die richtige Bühne bekommen.

Das Geschmacks-Mosaik: Trocken, Halbtrocken & Co.

Während die Angabe der Rebsorte und des Jahrgangs selbsterklärend ist, sorgt die Geschmacksangabe oft für Verwirrung. Das Gesetz regelt den Restzuckergehalt (gemessen in Gramm pro Liter) extrem präzise:

  • Trocken: Der Wein ist komplett durchgegoren. Er darf maximal 4 g/l Restzucker besitzen – oder bis zu 9 g/l, sofern die Gesamtsäure maximal 2 g/l niedriger ist als der Zuckergehalt (die berühmte Säure-Zucker-Formel, die deutschen Weißweinen ihre geniale Balance verleiht).
  • Halbtrocken: Hier schmiegt sich der Wein mit 9 bis 18 g/l an den Gaumen. Diese Weine puffern eine kräftige Säure perfekt ab und sind exzellente Essensbegleiter für die asiatische Küche.
  • Lieblich & Süß: Ab 18 g/l bis zu 45 g/l spricht man von lieblichen Weinen. Alles, was darüber hinausgeht – insbesondere die edelsüßen Auslesen, Beerenauslesen und Eisweine –, trägt die Bezeichnung „süß“ und lebt von einer monumentalen, natürlichen Dichte.

Um das komplexe Zusammenspiel aus Rebsorte, Mineralität und Reife vollends zu erfassen, empfehlen wir Ihnen unseren tiefgründigen Rebsorten-Kompass für Deutschland, in dem wir die aromatischen Profile von Riesling bis Spätburgunder detailliert aufgeschlüsselt haben.

Wie Sie diese edlen Tropfen schließlich artgerecht zu Hause lagern, damit eine Spätlese oder ein Großes Gewächs über Jahre hinweg zur vollen Poesie reifen, und welche Handgriffe für den perfekten Weinservice nötig sind, lesen Sie in unserem großen Praxis-Essay Wein richtig servieren und lagern.

→ Der Große Deutsche Wein Guide Spezial auf Le Gourmand – Das Genießer-Magazin
Dieser Artikel ist Teil unserer exklusiven Serie über die Spitzenkulinarik und den Weinbau in Deutschland. Suchen Sie nach tiefergehenden Informationen zu den besten Lagen, Terroirs und sensorischen Geheimnissen? Finden Sie alle Facetten des Genusses gebündelt auf unserer zentralen Hub-Page: Grosse Gewächse – Erste Lagen: Der ultimative Wein-Guide

Fazit für den Genießer

Das deutsche Qualitätssystem hat sich emanzipiert. Wer heute nach traditioneller Leichtigkeit sucht, greift nach wie vor zu einem feinfruchtigen Kabinett. Wer jedoch die mineralische Spitze eines bestimmten Bodens trocken im Glas erleben möchte, sucht gezielt nach dem Großen Gewächs. Beide Systeme nebeneinander zu verstehen, ist die Königsklasse der modernen Weinkompetenz.


(c) einzelne Bilder: Deutsches Weineinstitut (DWI)

Related Articles

Leave a Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.