Der Asphalt vibriert, die Sonne brennt auf die Schultern, und der Duft von Pinien mischt sich mit dem würzigen Aroma der nahen Adria. Wer in München am Deutschen Museum startet, ahnt noch nicht, welche gastronomische und landschaftliche Metamorphose vor ihm liegt. Der München – Venezia Radweg ist kein bloßer Transit, er ist eine monumentale Inszenierung, eine Reise, die wir mit allen Sinnen vollziehen.


Von der Isar in die alpine Welt
Der München – Venezia Radweg startet direkt hinter dem Deutschen Museum. Ein schöner Startpunkt, wenn auch etwas unspektakulär. Unsere kleine Gruppe bekommt die schicken Mountain E-Bikes überreicht, die uns in den nächsten Tagen tragen werden, und wir legen gleich los. Doch hier folgt gleich der heiße Tipp: Wer ein neues E-Bike überreicht bekommt, sollte es erst langsam ausprobieren.
Denn E-Bikes können nicht nur sehr schnell sein. Sie haben auch sehr gute Bremsen, die sehr plötzlich sehr hart greifen. Denn sonst könnte man schnell auf der Straße liegen. Und das könnte schmerzen. Ok, in diesem Fall ist glücklicherweise nichts passiert.

Der Radweg folgt der Isar nach Süden. Mit jedem Kilometer verschwinden mehr Häuser aus dem Blickfeld. Die Landschaft öffnet sich. Felder, Wiesen und Isarauen bestimmen nun das Bild.
Service: E-Bike: Der Schlüssel zur Alpenüberquerung für Jedermann
Viele Leser fragen mich immer wieder: „Ist diese Tour wirklich etwas für mich, wenn ich kein Leistungssportler bin?“ Die Antwort lautet ganz klar: Ja. Dank moderner Mountain E-Bikes ist die Alpenüberquerung heute kein Privileg der Profis mehr. Unsere Gruppe zeigt, dass Freude am Fahren wichtiger ist als ein stahlharter Wadenmuskel. Wer nicht täglich tausende Höhenmeter trainiert, wählt einfach kürzere Tagesetappen. Die Infrastruktur am Radweg ist exzellent, die E-Bike-Technik nimmt den Schrecken vor den Anstiegen, und der Genuss bleibt immer im Vordergrund.








Die ersten Eindrücke, die wir entlang der Isar erhaschen sind die Nackerten am Kiesstrand, Menschen, die sich am Flaucher entspannen, eine Kapelle am Wegesrand und – selbstverständlich – die Isarflößer.
Hinter Wolfratshausen wird das Voralpenland immer greifbarer. Der Rhythmus des Reisens verändert sich. Anders als im Auto oder im Zug entsteht Distanz nicht plötzlich, sondern langsam. Die Landschaft wechselt beinahe unmerklich. Die Luft riecht anders. Die Berge wachsen. Die Geräusche werden leiser.
| Kategorie | Mitführ-Pflicht (Täglich) | Tipp für Genussradler |
| Werkzeug | Multi-Tool, Ersatzschlauch | Check vor Abfahrt |
| Kleidung | Windweste, Regen-Set | Zwiebelprinzip (alpin/mediterran) |
| Technik | Navi/Smartphone (GPX) | Ladegerät & ggf. Ersatzakku |
| Pflege | Sonnencreme, Sitzcreme | Kleines Erste-Hilfe-Set |






Bad Tölz taucht auf wie das Tor zu einer anderen Welt. Hier wird der Radwanderer von einer Info-Tafel der Stadt für den München – Venezia Radweg empfangen. Die historische Marktstraße mit ihren bunt bemalten Fassaden erinnert daran, dass diese Region seit Jahrhunderten vom Handel über die Alpen lebt. Salz, Wein, Gewürze und Stoffe passierten einst diese Wege. Heute rollen Fahrräder über dieselben Landschaften. Wer hier nur auf die Kilometer schaut, verpasst den eigentlichen Reiz der Route.
Service: Warum der München – Venezia Radweg mehr ist als eine Radreise
Viele Fernradwege konzentrieren sich auf eine Landschaft oder eine Region. Die Route von München nach Venedig verbindet dagegen mehrere Kulturräume miteinander. Innerhalb weniger Tage wechseln sich ab:
- Bayerisches Voralpenland
- Tiroler Alpen
- Südtirol
- Dolomiten
- Venetien
- Adria
- Lagune von Venedig
Kaum eine andere europäische Radroute bietet auf vergleichbarer Distanz eine ähnliche landschaftliche Vielfalt.
Hinter Bad Tölz rücken die Berge näher. Die Route folgt dem Isartal weiter Richtung Süden. Das Wasser schimmert türkisgrün, Kiesbänke säumen das Ufer. Immer häufiger schweift der Blick nach links und rechts, wo sich die Gipfel des Karwendels langsam aus dem Dunst lösen. Spätestens jetzt entsteht jenes Gefühl, das viele Radreisende antreibt. Nicht das Ziel zählt. Nicht die Durchschnittsgeschwindigkeit. Sondern die Gewissheit, dass hinter jeder Kurve eine neue Landschaft wartet.


Kurz darauf liegt der Achensee vor uns. Fast unwirklich schimmert das Wasser zwischen den Bergen. Der größte See Tirols wirkt eher wie ein Fjord als wie ein Alpensee. Segelboote ziehen über die Wasserfläche, während auf den Hängen darüber Kühe grasen und Wanderer ihre Rucksäcke schultern. Die meisten Urlauber kommen wegen des Wassers oder der Berge hierher.
Für Radfahrer markiert der Achensee etwas anderes. Er ist die erste große alpine Kulisse der Reise. Venedig liegt noch weit entfernt. Doch der Süden ist plötzlich zum Greifen nah.
Service: Individuell fahren oder Gepäcktransport buchen?
Der München – Venezia Radwerg lässt sich auf unterschiedliche Weise erleben. Viele sportlich orientierte Radfahrer organisieren die Reise selbst und transportieren ihr Gepäck auf dem Fahrrad. Wer die Tour als Genussreise versteht, kann auf zahlreiche Veranstalter zurückgreifen, die Gepäcktransport zwischen den Unterkünften anbieten.
Gerade für Genussreisende, die unterwegs Städte, Restaurants und Sehenswürdigkeiten entdecken möchten, kann ein Gepäckservice den Reisekomfort deutlich erhöhen.
| Merkmal | Individual-Planer | Komfort-Genießer |
| Vorbereitung | Eigene Routenplanung, freie Etappenwahl, (GPX-Tracks nötig) | Reiseveranstalter übernimmt Logistik |
| Gepäck | Selbst am Rad, Minimalistisch (Bikepacking) | täglicher Gepäck-Hotel-zu-Hotel Transport, keine Einschränkung am Rad |
| Flexibilität | maximale Flexibilität, spontane Abstecher | Vorgabe durch Tourenplan, Kartenmaterial oder GPS-Tracks |
| Support | Eigene Pannenhilfe, meist geringere Kosten | Telefonische Hotline, Rücktransfer |
| Unterkunft | freie Hotelwahl | Kuratierte Auswahl durch Anbieter, vorgebuchte Hotels |
| Sicherheit | Werkzeugset, Ersatzschlauch, Erste Hilfe | 24/7 Hotline des Anbieters, Pannenhilfe |
Hinter dem Achensee wartet Tirol. Die Berge werden höher, die Täler enger. Die Reise gewinnt nun jene alpine Dramaturgie, die München und Venedig seit Jahrhunderten miteinander verbindet. Der Weg führt weiter Richtung Inn, Hall in Tirol und schließlich über die Alpen nach Italien. Doch zunächst bleibt noch ein Moment Zeit, den Blick über den Achensee schweifen zu lassen. Denn schon morgen wird die Landschaft wieder völlig anders aussehen.

Von den Kristallen zum Brenner: Tirol zieht die Schraube an
Hinter dem Achensee verändert die Tour ihren Ton. Eben noch See, Ufer, Sommerfrische. Jetzt wird das Inntal weiter, verkehrsreicher, urbaner. Bei Jenbach rollt man hinunter in eine andere Welt: weniger Postkartenidylle, mehr Transit, Gewerbe, Bahnlinien, Orte, die sich zwischen Bergflanken und Talboden eingerichtet haben.
Schwaz liegt am Weg wie eine Erinnerung daran, dass Tirol nicht nur Almen und Gipfel ist, sondern auch Bergbau, Handel, Bürgerstolz. Dann kommt Wattens. Und plötzlich funkelt es.


Die Swarovski Kristallwelten von André Heller sind kein klassischer Radfahrer-Stopp. Gerade deshalb funktionieren sie. Wer von München nach Venedig fährt, braucht nicht nur Höhenmeter und Radwegschilder, sondern Unterbrechungen. Orte, an denen man absteigt, trinkt, schaut, staunt. Wattens liefert genau das: eine künstliche Wunderkammer mitten im Inntal. Ein kalkulierter Kontrast zur Landschaft, aber ein wirksamer.
Die Kristallwelten ziehen uns in einen Bann aus Licht und Spiegelung. Der „Riese“, der Wasser speit, ist ein ikonisches Fotomotiv, das jeden Radler kurz innehalten lässt. Hier, an der Schnittstelle zwischen Kunst und Geologie, finden wir die erste Ruhepause, die mehr ist als nur ein Stopp – es ist eine ästhetische Aufladung für die kommenden Pässe. Die Skulpturen und Ausstellungsstücke, wie der gläserne Stier oder der funkelnde BH, setzen glanzvolle Kontraste zur rustikalen Alpenwelt.
Service: Lohnt der Stopp in Wattens?
Ja, wenn man nicht nur Kilometer sammeln will. Die Kristallwelten passen gut als Kultur- und Pausenpunkt zwischen Achensee, Jenbach und Hall. Wer sportlich unterwegs ist, kann den Besuch auslassen. Wer aus der Tour ein Reiseerlebnis macht, nimmt ihn mit.





Danach wird Hall in Tirol zur eleganten Zäsur. Die Stadt hat nichts Lautes. Sie muss nicht werben. Enge Gassen, alte Mauern, ein Hauch Salz, Münze, Habsburg, Handel. Hall ist einer jener Orte, die man auf einer reinen Radroute leicht unterschätzt – und später bereut, wenn man nur durchgerollt ist.
Hier bekommt die Tour erstmals jene Mischung, die sie bis Italien tragen wird: Bewegung, Geschichte, Architektur, Kaffee, Kopfsteinpflaster. Das Fahrrad lehnt irgendwo an einer Wand, und für eine halbe Stunde ist es kein Sportgerät mehr, sondern ein Schlüssel.
Service: Hall oder Innsbruck – wo pausieren?
Hall ist kleiner, ruhiger, atmosphärischer. Innsbruck ist größer, bekannter, voller. Wer Zeit hat, macht beides. Wer nur einen längeren Kulturstopp einplant, sollte entscheiden: Hall für Altstadt und Ruhe, Innsbruck für Stadtleben, Alpenpanorama und Infrastruktur.
Von Hall nach Innsbruck bleibt das Tal breit. Der Inn begleitet die Route, die Berge stehen wie Kulissen an beiden Seiten. Innsbruck selbst ist auf dieser Tour kein Endpunkt, sondern eine Schwelle. Hinter der Stadt beginnt die ernstere Passage. Erst vorbei am Eingang zum Stubaital, dann wartet das Wipptal. Der Brenner ist zwar kein hochalpines Drama, aber er markiert psychologisch die Grenze: Bayern ist längst vorbei, Tirol liegt im Rücken, Italien rückt näher.
Man fährt nicht einfach „über den Brenner“. Man arbeitet sich dorthin. Der Verkehr nimmt zu, die Täler werden enger, die Namen klingen vertraut und fremd zugleich. Und dann kippt die Reise. Hinter der Passhöhe beginnt der Süden nicht mit Palmen, sondern mit Sterzing.

Sterzing ist ideal für die erste italienische Südtiroler Nacht. Nicht, weil es spektakulär anders wäre, sondern weil es genau dazwischen liegt: deutsch und italienisch, alpin und südlich, geordnet und doch schon lockerer. Das Hotel Lilie passt in dieses Bild – ein Haus, das nicht nach Durchgangsstation klingt, sondern nach Ankommen.









Das Hotel ist ein Refugium nach dem langen Tag im Sattel. Es ist der Moment, in dem die alpine Küche ihre ganze Stärke ausspielt – Knödel, Speck und ein kräftiger Lagrein lassen die Anstrengung in Vergessenheit geraten. Das Hotel Lilie ist ein historisches, charmantes Hotel direkt in der Fußgängerzone, was besonders für einen Stadtbummel ideal ist. Wir schätzen die zentrale Lage, den exzellenten Service und das großartige Essen am Abend im Restaurant. Auch der kleine, aber feine Saunabereich und die hoteleigene Konditorei gefallen uns gut.
Etwas günstiger, doch genauso empfehlenswert, ist in Sterzing das Hotel Roßkopf, ganz in der Nähe der Panoramaseilbahn des gleichnamigen Skigebietes. Dieses Hotel liegt etwas außerhalb des absoluten Stadtzentrums, aber der Fußweg ist kurz. Hier gefiel uns besonders der schöne Bergblick, die ruhige Lage und der tolle Wellnessbereich.
Service: Etappe Achensee – Sterzing
Diese Passage sollte man nicht unterschätzen. Sie ist landschaftlich stark, aber weniger entspannt als spätere Bahntrassenabschnitte. Wichtig sind gutes Timing, ausreichend Wasser, saubere Navigation und die Bereitschaft, auch einmal durch weniger romantische Zonen zu fahren. Gerade hier zahlt sich Gepäcktransport aus.

Am nächsten Morgen hat die Tour eine neue Farbe. Südtirol beginnt nicht abrupt, sondern in Schichten. Sterzing, Wipptal, Pustertal – die Namen tragen schon Richtung Osten. Wer weiter nach Toblach fährt, bewegt sich auf einen der schönsten Abschnitte der gesamten Reise zu. Toblach ist nicht nur Etappenort. Toblach ist ein Versprechen: Ab hier wird die alte Bahntrasse Richtung Cortina und Cadore zum roten Faden.
Und genau dort beginnt der Teil, in dem diese Radreise endgültig groß wird. Nicht schwer im Sinne einer Expedition. Aber groß in ihrer Dramaturgie: alte Eisenbahn, Dolomitenwände, Tunnel, Schotter, Eismacherorte, venezianische Spuren, Kriegsgeschichte, Villen, Märkte, Prosecco, Lagune.




Service: Warum Toblach wichtig ist
Toblach ist das Tor zu den Dolomiten: Von hier aus geht es zu den Drei Zinnen in das Hochpustertal. Hier nahm ich am Skilanglauf-Marathon teil, der von Toblach bis Sexten führt. Toblach ist für uns ein idealer Knotenpunkt für die Weiterfahrt Richtung Cortina und Cadore. Hier beginnt für viele der eigentliche Traumabschnitt: die ehemalige Bahnstrecke durch die Dolomiten. Wer die Tour plant, sollte ab Toblach nicht hetzen. Gerade dieser Abschnitt lebt von Fotostopps, Pausen und Abstechern.






Von Toblach ins Cadore: Auf der alten Bahntrasse durch die Dolomiten
Hinter Toblach verändert sich die Reise. Bis hierher ist die Strecke alpin, aber vertraut: Südtirol, klare Luft, gute Wege, eine Landschaft, die Ordnung ausstrahlt. Jetzt beginnt der dramatischere Teil.
Der Radweg zieht hinein in die Dolomiten. Nicht als sportliche Heldengeschichte, sondern fast lautlos. Er folgt der alten Bahntrasse Richtung Cortina d’Ampezzo, jener früheren Verbindung, auf der einst Züge durch Täler, Wälder und Felslandschaften rollten. Heute gleiten Räder darüber.









Es ist einer der schönsten Abschnitte der gesamten Route. Der Weg steigt und fällt sanft, führt über Viadukte, durch Einschnitte im Fels, an verlassenen Bahnstationen vorbei und immer wieder in Tunnel hinein. Für Sekunden verschluckt einen die Dunkelheit. Dann bricht das Licht wieder auf, und vor einem stehen die Dolomiten wie eine Kulisse, die zu groß geraten ist für jede Kamera. Man fährt durch eine Landschaft, die Geschichte gespeichert hat.
Service: Warum die alte Bahntrasse ideal für Radfahrer ist
Die ehemalige Dolomitenbahn macht diesen Abschnitt besonders angenehm. Alte Bahntrassen sind für Radfahrer oft perfekte Linien: moderate Steigungen, weite Kurven, gleichmäßiger Rhythmus. Gerade zwischen Toblach und Cortina ist das ein großer Vorteil. Die Strecke bleibt trotz alpiner Umgebung gut fahrbar und bietet dennoch großes Dolomitenkino.
Wichtig: In Tunneln ist Licht Pflicht. Auch wenn manche Passagen kurz sind, wechseln Helligkeit und Dunkelheit abrupt. Eine dünne Jacke kann ebenfalls sinnvoll sein, weil es in den Tunneln und schattigen Waldstücken deutlich kühler wird.





Cortina: Schaufenster der Dolomiten
Cortina d’Ampezzo erscheint nicht wie ein Dorf, sondern wie eine Bühne. Die Berge rücken näher, die Häuser werden eleganter, der Name trägt Glamour. Wintersport, Olympiageschichte, italienischer Stil: Cortina ist eine Marke.
Doch mit dem Rad erlebt man den Ort anders. Man rollt nicht als Gast vor einem Grandhotel vor, sondern kommt staubig, verschwitzt und mit dem Rhythmus der Strecke in den Beinen an. Gerade deshalb wirkt Cortina besonders stark. Die mondäne Oberfläche trifft auf die körperliche Direktheit dieser Reise. Ein Espresso, ein Blick auf die Berge, dann weiter. Denn die Route hat noch einen zweiten Charakterwechsel vor sich.



Hinab ins Cadore
Südlich von Cortina wird die Landschaft weicher und zugleich italienischer. Die Dolomiten bleiben im Rücken, doch das Licht verändert sich. Die Luft wird wärmer, die Orte wirken weniger alpin, mehr venetisch.
Der Weg führt hinein ins Cadore. Die schroffen Felsformationen wirken wie natürliche Kathedralen. Wir rollen durch das Tal, eine Strecke, die nicht nur landschaftlich atemberaubend ist, sondern uns auch tief in die Geschichte führt. Die Überreste des Ersten Weltkrieges, die wir am Wegesrand entdecken, erinnern uns an die Zerrissenheit dieser Region, die heute ein Synonym für Friede und sportliche Freiheit ist.
Valle di Cadore, Pieve di Cadore, Calalzo, später Belluno: Die Namen klingen nach Provinz, doch diese Gegend hat erstaunlich viel zu erzählen. Hier liegt eine der unterschätzten Kulturlandschaften Norditaliens. Sie ist nicht laut, nicht touristisch überinszeniert, sondern voller Spuren: alte Häuser, Kirchen, Steinmauern, Bahntrassen, Flusstäler, Handwerk, Migration.
Pieve di Cadore ist dabei mehr als nur ein hübscher Ort in den Bergen. Hier wurde Tizian geboren, einer der großen Maler der venezianischen Renaissance. Wer von München nach Venedig radelt, begegnet also lange vor der Lagune bereits einem der wichtigsten Namen venezianischer Kunstgeschichte.
Das ist eine schöne Volte dieser Route: Venedig beginnt nicht erst am Wasser. Venedig kündigt sich schon in den Bergen an.
Wir übernachten im Hotel Al Pelmo in Pieve di Cadore, ein Haus, das sich selbst als Budget-Hotel bezeichnet, der Wellness-Bereich ist eher empfehlenswert.





Service: Cadore, Tizian und die Eismacher
Das Cadore lohnt einen längeren Blick. Spannend ist die Eismachertradition. Wer beim Wandern im Cadore-Tal vor der skulpturalen Eistüte stehen bleibt, begegnet keineswegs nur einer originellen Dekoration. Das monumentale Abbild ist eine subtile Reminiszenz an die „Gelatieri“ des Nordens. Das Cadore-Tal, und insbesondere das benachbarte Zoldo, gilt historisch als eine der Wiegen der handwerklichen italienischen Eistradition. Als die Landwirtschaft in der kargen Gebirgsregion in den Wintermonaten kaum ein Auskommen bot, entwickelten viele Bewohner ein besonderes Geschick:
Sie zogen seit dem 19. Jahrhundert aus den Tälern von Zoldo und Cadore als fahrende Eisverkäufer über die Alpen nach Norden, um in Österreich, Deutschland, Belgien, den Niederlanden und anderen Ländern die Menschen mit ihrem gefrorenen Handwerk zu beglücken. Was einst aus wirtschaftlicher Notwendigkeit in den Dolomiten begann, legte den Grundstein für eine beispiellose europäische Erfolgsgeschichte. Heute zeugen nicht nur die kleinen Monumente entlang der Wege von diesem Erbe, sondern auch das kompromisslose Qualitätsbewusstsein der lokalen Gelaterien, das den Reisenden als süßer Gruß einer alten Tradition erhalten geblieben ist.
Der genaue Ursprung der Rezepttradition ist nicht eindeutig gesichert. Sicher ist aber: Die Dolomitentäler Zoldo und Cadore gehören zu den historischen Zentren jener italienischen Eismacherkunst, die später in ganz Europa bekannt wurde. Wer heute in Deutschland in einer italienischen Eisdiele sitzt, begegnet möglicherweise einer Geschichte, die in diesen Tälern ihren Anfang nahm.





Pieve di Cadore gilt als Geburtsort Tizians, dessen Werk später eng mit Venedig verbunden ist. Wer Zeit hat, kann hier einen kulturhistorischen Zwischenstopp einlegen.











Weiter geht es durch das Cadore-Tal durch die Straßen und Wälder, entlang an Bergbächen, deren klares Wasser zu einem Bad einlädt, wie in Calalzo di Cadore und entlang einiger architektonischer Kleinode in Perarolo di Cadore.




Bei Longarone beeindruckt die Brückenarchitektur bevor wir unter einem imposant grossen Baum Rast machen.



Bei Belluno kehren wir zum Mittagessen in das Ristorante Al Borgo ein. Hier lernen wir Schiz kennen. Das ist der lokale Käse aus der Provinz Belluno, den wir zusammen mit etwas Polenta uns munden lassen.
Belluno: Stadt am Rand der Berge
Belluno empfängt uns nicht mit großer Geste, sondern mit Lage. Die Stadt sitzt zwischen Alpen und Veneto, zwischen Bergwelt und Ebene. Hinter uns liegen Tunnel, alte Bahntrassen, Pässe und Täler. Vor uns öffnet sich langsam der Süden.



In Belluno steigen wir im Hotel Astor ab, einer wunderschönen Herberge mit grossartigen Zimmern und einem einmalig schönen Ausblick auf das Piave-Tal. Dem genauen Gegenteil zur Nacht zuvor. Anschliessend schauen wir uns die Stadt an.








Hier wird die Reise breiter.
Der Piave begleitet diese Region wie ein historischer Unterstrom. Der Fluss ist nicht nur Landschaft, sondern Erinnerung. An seinen Ufern und in den Tälern ringsum verdichtet sich die Geschichte des Ersten Weltkrieges. Die Dolomiten waren Frontgebiet, der Piave wurde später zur entscheidenden Linie im italienischen Kriegsgedächtnis.
Auf dem Rad ist das nicht immer sichtbar. Man fährt durch schöne Landschaft, durch Hitze, Schatten, Dörfer, an Brücken und Flussbetten entlang. Doch wer genauer hinsieht, merkt: Diese Gegend ist keine reine Idylle. Sie trägt Narben.
Service: Erster Weltkrieg in den Dolomiten und im Piavetal
Die Dolomiten waren im Ersten Weltkrieg ein extremer Kriegsschauplatz. Der Fluss Piave ist mehr als nur eine Kulisse; er ist das Symbol des italienischen Widerstands im Ersten Weltkrieg. Auch das Piavetal spielt in der italienischen Erinnerung eine zentrale Rolle. Der „heilige Fluss des Vaterlandes“ war Schauplatz entscheidender Kämpfe gegen die österreichische Armee. In der Region finden sich noch heute zahlreiche Zeugnisse (Bunker, Militärstraßen), die die Landschaft prägen und für Geschichtsinteressierte einen tiefen Einblick in den Nationalstolz der Region bieten.
Für Radfahrer bedeutet das: Wer die Strecke nicht nur sportlich, sondern historisch verstehen will, sollte Zeit für mindestens einen Gedenkort oder ein Museum einplanen. Besonders eindrucksvoll sind ehemalige Frontstellungen in den Dolomiten, Forts und lokale Ausstellungen zur Gebirgsfront.
Wichtig ist dabei Zurückhaltung. Diese Landschaft ist schön, aber sie war auch Schauplatz großer Härte. Genau diese Spannung macht den Abschnitt so stark.











Die schnelle Seite der Route: Rasante Abfahrt nach Vittorio Veneto
Nach Belluno verliert die Landschaft endgültig den Charakter des Hochgebirges. Die Täler werden weiter, die Straßen schneller, die Luft südlicher. Zwischen Belluno und Ponte nelle Alpi radeln wir erst durch ein paar Ziegen und Schafe hindurch. Anschliessend führt uns der Weg in den wohl ursprünglichsten Teil des ganzen Radweges: ein Trail, bei dem wir teilweise schieben müssen, die Räder über Steine hinweg heben müssen und uns durch hohes Gras den Weg bahnen müssen. Anschliessend führt eine moderne Brücke über die Piave.






Am Canale Cellina entlang radeln wir bei Alpago über den Fiume Tesa an den Lago di Santa Croce, vorbei am Camping Sarathei.
Dann kommt jener Moment, in dem man merkt: Jetzt rollt die Reise. Die Abfahrt Richtung Vittorio Veneto hat Tempo.


Auf der Straße unterhalb der Autobahn kann man mit einem Rennrad sehr schnell werden. Hier wartet eine längere Abfahrt, die sportlich ambitionierten Radfahrern viel Freude bereitet. 60 oder 70 Stundenkilometer wirken hier nicht unrealistisch, wenn man fahren kann und die Strecke frei ist. Die Straße ist gut ausgebaut, die Kurven sind flüssig angelegt und die Strecke fällt über längere Abschnitte kontinuierlich bergab. Unsere Mountain-E-Bikes bremsen das Erlebnis technisch ein. Bei etwa 50 Stundenkilometern fühlt es sich an, als spiele die automatische Begrenzung den mahnenden Beifahrer.
Trotzdem bleibt es eine rasante Passage. Unterschätzen sollte man diese Abfahrt nicht. Wer die Geschwindigkeit ausnutzen möchte, benötigt eine saubere Kurventechnik, einen sicheren Blick durch die Kurve und ausreichend Erfahrung bei hohen Tempi. Gerade nach mehreren entspannten Etappen überrascht dieser Abschnitt mit einer Dynamik, die man auf einer Genussradroute zunächst nicht erwarten würde.
Die Kurven verlangen Aufmerksamkeit, der Asphalt läuft, die Berge stehen im Rücken, und unten wartet bereits das Veneto mit seinen Städten, Weinbergen und Ebenen. Man sollte hier sicher fahren können. Wer nur gemütliche Flussradwege gewohnt ist, unterschätzt diesen Abschnitt leicht. Die Strecke ist schön, aber sie ist kein Spaziergang auf zwei Rädern.









Venetien und der „Frühling des Prosecco“
Vittorio Veneto markiert dann den nächsten Einschnitt. Die Alpen sind nicht verschwunden, aber sie lassen los. Vor uns liegt nun eine andere Welt: Prosecco-Hügel, Treviso, Wasserwege, Sile, Jesolo, Lagune. Der Weg nach Venedig wird nicht kürzer. Aber er wird italienischer.
Hier ist der Prosecco zu Hause. Wir erleben den sogenannten „Frühling des Prosecco“, jene Zeit, in der die Weinberge in sattem Grün erwachen und die Produzenten die neue Ernte feiern. In den Weingütern rund um Valdobbiadene lernen wir, dass Prosecco nicht gleich Prosecco ist – es ist ein Ausdruck von Terroir und Leidenschaft. Wir kombinieren die Tropfen mit Spezialitäten, die das Ristorante Hostaria Via Caprera uns auftischt. . Diese Region ist der Beweis, dass Radfahren und Genuss eine perfekte Symbiose bilden.
Service: Hindernisse für Anhänger
Entlang der Radwege in Italien, insbesondere auf umgebauten Bahntrassen oder in Engstellen, finden sich oft Absperrpfosten, die schmale Durchfahrten erzwingen. Breitere Kinderanhänger sind hier faktisch oft zu breit, was die Strecke für Familien mit klassischem Anhänger ungeeignet macht.












Bellenda: Einblicke in ein Prosecco-Weingut
Wir radeln nach dem guten Mittagessen zum Weingut Bellenda. Hier erhalten wir eine kleine Führung udn eine Degustation der Vini Spumante, die das Weingut aus der Glera-Traube gewinnt.






In Treviso legen wir unsere müden Beine im Osteria & Albergo Pasina zur Ruhe und geniessen den hervorragenden Prosecco.















Im Naturpark am Fluss Sile: Venedigs grüne Wasserstraße
Besonders eindrucksvoll ist die Etappe entlang des Sile, des längsten Quellflusses Europas. Das Wasser erscheint stellenweise fast unwirklich klar und schimmert in kräftigen Grün- und Türkistönen. Die Route führt durch den Naturpark Parco Naturale Regionale del Fiume Sile vorbei an kleinen Häfen, historischen Kränen, alten Mühlengebäuden und den Überresten ehemaliger Lastkähne.

Wir erkennen in Casier und entlang des „GiraSile“-Radwegs, warum dieser Abschnitt zu den schönsten Flussradwegen Norditaliens zählt. Kilometerlang verläuft die Strecke nahezu autofrei direkt am Wasser. Mal führt der Weg durch schattige Baumalleen, mal über Holzstege durch dichtes Schilf, dann wieder öffnet sich der Blick auf breite Wasserflächen, in denen sich die Vegetation spiegelt. Wer genau hinsieht, entdeckt zudem immer wieder traditionelle venezianische Boote, Kanusportler und Rudervereine. Der Fluss ist bis heute Lebensader und Freizeitrevier zugleich.



Travelling by Bike and Boat: Mit dem Kajak auf dem Sile
Eine der originellsten Aktivitäten entlang der Route bietet das Outdoor-Center Travesport in Casier. Dort wird ein sogenannter „Biathlon di Travelsport“ angeboten – eine Kombination aus Kajakfahren und Radfahren.
Nach einer kurzen Einweisung geht es zunächst mit dem Kajak flussabwärts auf dem Sile. Anschließend wartet das Fahrrad auf die Teilnehmer, um die Rückfahrt entlang des Ufers auf dem GiraSile-Radweg anzutreten.
Die Kombination funktioniert erstaunlich gut. Während man vom Wasser aus die Ruhe des Naturparks erlebt, eröffnet das Fahrrad anschließend neue Perspektiven auf dieselbe Landschaft. Gerade für Aktivurlauber bietet dieses Konzept eine spannende Alternative zu klassischen Radtouren. n dieser Region sind Rad- und Wassertourismus eng miteinander verbunden.
Die neue Brücke über den Sile: Ein Radweg wird Realität
Der Weg entlang des Sile führt durch eine Landschaft, die kaum noch an die überfüllten Strände der Adria erinnert. Schilf säumt die Ufer, kleine Kanäle durchziehen die Ebene, Reiher stehen regungslos im Wasser. Die Strecke folgt alten Treidelpfaden, auf denen einst Pferde Lastkähne flussaufwärts zogen.

Immer wieder tauchen Spuren der Geschichte auf. In Altino, einer bedeutenden römischen Siedlung und Vorgängerin Venedigs, erinnert heute das Archäologische Nationalmuseum an die Zeit, als hier einer der wichtigsten Häfen Norditaliens lag. Von den Lagunen und Wasserwegen aus entwickelte sich später jene Handelsmacht, die als Republik Venedig Geschichte schreiben sollte.

Die Route verläuft überwiegend angenehm flach und führt durch eine stille Kulturlandschaft aus Feldern, Kanälen, kleinen Dörfern und alten Gehöften. Gerade für Genussradler gehört dieser Abschnitt zu den schönsten der gesamten Strecke. Immer wieder radeln wir über sehr neue Brücken hinüber – und stossen plötzlich auf Absperrgitter.



Ein besonderer Moment: Brückeneröffnung am München – Venezia Radweg
Eine neue Brücke über den Sile wird gerade fertiggestellt als wir sie erreichen. Bauzäune versperren den Zugang, Arbeiter sind noch mit letzten Handgriffen beschäftigt. Da unsere Gruppe gerade die Brücke erreicht, öffnen die Bauarbeiter für uns die Absperrungen, entfernen die Zäune und geben den Weg frei. Wenige Minuten später sind wir die allerersten Radfahrer überhaupt, die die neue Querung nutzen.

Ein fehlendes Puzzlestück schließt sich
Die neue Stahlkonstruktion wirkt modern und funktional. Von unten zeigt sich die filigrane Fachwerkstruktur, während oben ein breiter, komfortabler Radweg über den Fluss führt. Für die Region ist die Brücke weit mehr als nur ein Bauwerk. Sie schließt eine Lücke im Wegenetz und macht die Verbindung entlang des Sile deutlich attraktiver. Was zuvor Umwege erforderte, lässt sich nun direkt und sicher befahren.
Gerade für den Radtourismus ist das ein wichtiger Schritt. Die venezianische Ebene verfügt über ein enormes Potenzial für Genussradler, Familien und E-Biker. Neue Infrastruktur wie diese schafft die Voraussetzungen dafür, dass die Region stärker vom nachhaltigen Tourismus profitieren kann.







Zwischen Villen, Kanälen und der Geschichte Venetiens
Hinter der Brücke setzt sich die Fahrt durch das grüne Hinterland fort. Immer wieder passieren wir herrschaftliche Landgüter, alte Gehöfte und von Zypressen gesäumte Zufahrten. Viele dieser Anwesen erinnern daran, wie wohlhabende venezianische Familien einst ihr Vermögen in die fruchtbaren Landschaften des Veneto investierten.
Der Radweg folgt weiterhin dem Wasser. Mal verläuft er direkt am Ufer, mal durch schattige Waldstücke. Die sommerliche Hitze bleibt zwar spürbar, doch die Nähe zum Fluss sorgt immer wieder für angenehm kühle Abschnitte.
Bei Santa Maria di Piave stärken wir uns zu Mittag mit einem sehr rustikalen Essen im Country House Salome. Wer hier essen oder übernachten möchte, sollte sich bitte unbedingt vorher die Rezensionen bei Google Maps durchlesen…
Je näher wir der Lagune kommen, desto deutlicher verändert sich die Landschaft. Die Wasserwege werden breiter, die Vegetation dichter und das Gefühl wächst, sich langsam einem ganz besonderen Ziel zu nähern.
| Ausrüstungs-Check | Warum wichtig? | Empfehlung |
| Mountain E-Bike | Alpenpässe erfordern Power | E-MTB mit min. 625Wh |
| Sitzcreme/Pflege | Prävention gegen Wundscheuern | Babycreme |
| Wetter-Schutz | Alpiner Wetterumschwung | Atmungsaktive Hardshell |
| Erste-Hilfe-Kit | Kleine Stürze absichern | Kompakt & vollständig |
Die letzten Kilometer: Abschied vom Radweg
Nach Stunden entlang von Flüssen, Kanälen, Küstenabschnitten und durch die Landschaft Venetiens neigt sich unsere Reise langsam dem Ende zu. Der Radweg hat uns von den Dolomiten bis in die Ebene geführt, vorbei an Weinbergen, historischen Städten, Naturreservaten und den Wasserwegen des Sile-Naturparks. Was als alpine Radtour begann, entwickelt sich auf den letzten Kilometern immer mehr zu einer Reise durch die Geschichte und Kultur Norditaliens.
Die Landschaft wird flacher, die Wasserflächen größer, die Nähe zur Lagune immer spürbarer. Für viele Teilnehmer ist es der Moment, in dem sich die Dimension der Strecke erst richtig erschließt. Hinter uns liegen mehrere Tage auf dem Sattel, vor uns wartet das Ziel, das seit Jahrhunderten Reisende aus aller Welt anzieht.

Jesolo: Endlich das Meer
Jesolo empfängt uns mit einem kilometerlangen Sandstrand, der zu den bekanntesten Badeorten Italiens gehört. Nach den Bergen der Dolomiten und den Radwegen durch das Veneto wirkt der Blick auf das Meer beinahe surreal. Noch vor wenigen Tagen waren wir zwischen Gipfeln unterwegs, nun stehen wir am Strand und schauen auf die offene Adria hinaus.
Die berühmten gelben Sonnenschirme ziehen sich in langen Reihen bis ans Wasser und verleihen dem Strand ein fast grafisches Erscheinungsbild. Dazwischen liegen Familien, Sonnenanbeter und Badegäste, während im Hintergrund das Meer ruhig an den Strand rollt.






Ein Abend im Hotel Gritti
Für die letzte Übernachtung vor dem Finale in Venedig beziehen wir Quartier im Hotel Gritti direkt an der Strandpromenade. Wer schon immer mal Lust hatte, den typischen deutschen Massentourismus der 60er Jahre nachzuempfinden, der sollte unbedingt hier in Jesolo absteigen. Das Hotel Gritti eignet sich dafür perfekt. Ich hatte ein kleines Zimmer mit dem Charme der Wirtschaftswunderzeit. Laut Webseite gibt es allerdings durchaus moderne, schöne, helle Zimmer – aber auch mein Zimmertyp ist nach wie vor auf der Webseite im Angebot.
Von den oberen Stockwerken fällt der Blick über den gesamten Strand bis hinaus auf die Adria. Gerade in den Abendstunden zeigt sich Jesolo von seiner entspannten Seite. Das Licht wird weicher, die Temperaturen angenehmer und die Hektik des Tages weicht mediterraner Gelassenheit.
Nach den zurückgelegten Kilometern genießt die Gruppe die Gelegenheit, die Räder einmal stehen zu lassen und einfach den Moment auszukosten.

Dolce Vita am Strand
Am Strand zeigt sich das klassische Italien der Badeorte. Die unzähligen Sonnenschirme am Strand, die man sich vorher an der Rezeption reservieren muss, sprechen für sich. Ich habe noch nie in solchen Hotels und Massentourismusdestinationen Urlaub gemacht. Und bin froh, in der Nebensaison in Jesolo gewesen zu sein.
Kinder spielen im Sand, Urlauber flanieren entlang der Promenade, Händler ziehen mit Sonnenbrillen, Strandartikeln und Souvenirs zwischen den Liegen hindurch. Einer von ihnen balanciert dutzende Sonnenbrillen auf seinem Arm und wird damit beinahe selbst zur Sehenswürdigkeit.

Solche Szenen gehören seit Jahrzehnten zum Alltag vieler italienischer Badeorte. Sie erzählen vom Sommer an der Adria ebenso wie die Sonnenschirme, die Strandbars oder der Geruch von Sonnencreme und Meerwasser.

Natürlich gibt es hier auch die üblichen Strandhändler, die einem „garantiert echte Marken-Sonnenbrillen“ verkaufen wollen… Hier spricht so ziemlich jeder Deutsch – und auch die Restaurants des Ortes haben so ziemlich alle deutschen Spezialitäten – allen voran natürlich Wiener Schnitzel bzw. Schnitzel Wiener Art – auf der Karte. Doch glücklicherweise gibt es am Lido di Jesolo auch schöne echte italienische Restaurants, in denen mir die Spaghetti Frutti di Mare besonders gut munden.
Für uns Radfahrer bildet Jesolo einen interessanten Kontrast zu den vergangenen Tagen. Nach den stillen Flusslandschaften und den historischen Orten des Veneto treffen wir nun auf einen der größten Ferienorte der italienischen Adriaküste.
Vom Strand direkt nach Venedig
Gerade dieser Gegensatz macht die Route so reizvoll. Innerhalb weniger Tage verbindet sie alpine Berglandschaften, historische Städte, Naturreservate und Badeorte miteinander. Kaum irgendwo wird das deutlicher als in Jesolo. Hier endet der klassische Teil der Radtour. Das Meer ist erreicht, die Dolomiten liegen weit hinter uns. Doch der letzte Höhepunkt wartet noch.
Denn von der Adriaküste geht es weiter in Richtung Lagune von Venedig.

Ein letzter Blick zurück
Ein letztes Gruppenfoto am Strand von Jesolo. Und dann geht es für nur wenige Minuten vom Hotel bis nach Punta Sabbioni an den Fähranleger. Fahren wir mit den Rädern nach Venedig rein? Nein, weit gefehlt. In Venedig sind Fahrräder aller Art verboten. Jedenfalls für Touristen. Bevor es weiter Richtung Venedig geht, werden die Räder verladen.


Die Mountainbikes und E-Bikes, die uns von den Dolomiten bis an die Adria begleitet haben, stehen nun sauber aufgereiht auf dem Anhänger. Noch einmal versammeln wir uns für ein letztes gemeinsames Erinnerungsfoto.
Von den Dolomiten bis an die Lagune
Gerade diese Vielfalt macht die Route so besonders: In München gestartet, durch die Berge gefahren, durch Weinregionen und historische Städte, entlang alter Wasserwege geradelt und schließlich an den Rand der venezianischen Lagune gelangt – die Strecke zeigt die ganze Bandbreite der Alpen, der Dolomiten und des Veneto.
Dabei ist die Tour keineswegs nur für ambitionierte Sportler interessant. Dank moderner E-Bikes, guter Infrastruktur und zahlreicher Serviceangebote können auch Genussradler große Teile der Route entspannt erleben.
Nicht ohne Grund entwickelt sich die Verbindung zwischen den Dolomiten und Venedig zunehmend zu einer der spannendsten Radfernrouten Italiens.
Service: Tipps für Ihre Planung
- Ausrüstung: Ein E-Mountainbike ist aufgrund der Topografie in den Alpen und Dolomiten dringend empfohlen.
- Logistik: Nutzen Sie spezialisierte Dienste wie Dolomiti Taxi für Transfers mit Bussen und Hänger, um flexibel zu bleiben.
- Kulinarik: Planen Sie in den Regionen Belluno und Venetien gezielte Stopps bei lokalen Produzenten ein – fragen Sie nach „Salumi“ und „Prosciutto“.
- Unterkünfte: Suchen Sie bewusst nach Partner-Hotels der Route, die auf Radfahrer spezialisiert sind – die Wartungsinfrastruktur vor Ort spart Ihnen wertvolle Zeit.
















Das große Finale wartet noch
Doch ein letzter Höhepunkt steht noch bevor. Denn die Reise endet nicht auf einem Parkplatz und auch nicht an einer Bushaltestelle. Das eigentliche Finale liegt vor uns: die Überfahrt in Richtung Lagune und die Ankunft in Venedig. Wir treten den Weg nach Venedig an, Koffer in der Hand, die Radtrikots noch vom Wind der letzten Tage durchweht. Dort, wo einst Kaufleute, Pilger und Entdecker aus ganz Europa ankamen, endet auch unsere Reise.




Auf uns wartet nun die berühmteste Wasserstadt der Welt. Venedig vom Wasser aus zu sehen, wenn das Licht über die Lagune streicht und die Silhouette der Stadt mit dem Markusplatz in den Blick rückt, ist der emotionale Höhepunkt. Wenn wir schließlich am Markusplatz stehen, die Füße noch einmal in den warmen Sand des Lido stecken, wird eines klar: Diese Tour war weit mehr als 560 Kilometer Asphalt. Ein letzter Prosecco in irgendeiner Bar – und ich laufe zügig zum Bahnhof von Venedig, um meinen Zug nach München zu erreichen.
Disclosure: Wir verbrachten eine kurze, doch unvergesslich schönen Zeit auf dem Weg von München nach Venedig. Wir danken für die Einladung, ohne die dieser Artikel nicht möglich gewesen wäre. Dennoch bleibt unsere Meinung nicht käuflich. Destinationen, Hotels und Restaurants überzeugen und begeistern mit ihrer Leistung. Dafür nochmals herzlichen Dank!
