Zwischen Arezzo und Siena liegt eine kleine Stadt, die viele Toskana-Reisende nicht auf dem Zettel haben. Monte San Savino besitzt ein Medici-Tor, einen Renaissancepalast mit ehemaligen Gefängniszellen, eine Kirche mit Fresken und Vasari-Altar, einen berühmten Sohn namens Andrea Sansovino – und eine Enoteca, die auch dann noch Wein verkauft, wenn der Laden längst geschlossen hat. Ein Ort also, der sich nicht aufdrängt. Aber bleibt, wenn man einmal angehalten hat.
Ein Ort, der mehr kann als hübsch
Monte San Savino gehört zur Valdichiana, jener weiten Landschaft südlich von Arezzo, in der die Toskana weniger wie ein Bühnenbild wirkt als in den überlaufenen Klassikern. Auf unserer Italien Rundreise für Kulinarik und Genuss kommen wir in einen Ort, der nach offiziellen Angaben sehr alte Wurzeln hat; die lokale Tourismusseite spricht von etruskischen und römischen Anfängen, einem mittelalterlichen Zentrum zwischen den toskanischen Machtblöcken und der späteren festen Einbindung in den florentinischen Machtbereich.
Das sieht man. Monte San Savino hat keine aufpolierte Altstadt, die sich dem Besucher gefällig macht. Die Stadt wirkt eher wie ein historisches Gehäuse, das noch benutzt wird. Schwere Portale, enge Gassen, bossierte Fassaden, vergitterte Fenster, Kirchenräume, ein Rathaus, darunter ehemalige Gefängnisse. Nichts davon muß künstlich dramatisiert werden. Es reicht, die Dinge genau anzusehen.

Porta Fiorentina: Florenz läßt grüßen
Der beste Eingang ist die Porta Fiorentina. Sie ist kein romantisches Stadttor, sondern ein steinernes Machtzeichen. Die Porta Fiorentina bildet den nördlichen Zugang zur Altstadt; am Tor befindet sich das Wappen der Medici. Der historische Kern ist bis heute weitgehend von Mauern umgeben, und der Corso Sangallo durchzieht ihn als Hauptachse.
Das ist wichtig, weil Monte San Savino nicht aus dem Nichts glänzte. Visit Tuscany beschreibt die Stadtgeschichte als lange geprägt von Guelfen und Ghibellinen; der Ort kam 1306 unter florentinische Gewalt, wurde später von Perugia, Siena und ab 1384 wieder von Florenz beherrscht. Seine Blüte erlebte Monte San Savino im 15. und 16. Jahrhundert, als die Familie Ciocchi-Di Monte hier Bedeutung gewann.
Man kann also durch dieses Tor gehen, ohne jedes Datum zu kennen. Aber man versteht den Ort besser, wenn man weiß: Hier ging es nicht nur um Frömmigkeit, Handwerk und Handel. Hier ging es um Einfluß.

Papst Julius III. und Andrea Sansovino
Monte San Savino nennt sich selbst „Città di Papa Giulio III“ und „Città di Andrea Sansovino“. Das Schild wirkt erst einmal wie lokaler Stolz. Tatsächlich steckt Substanz dahinter.
Papst Julius III. wurde als Giovanni Maria Ciocchi del Monte 1487 in Monte San Savino geboren und war von 1550 bis 1555 Papst. Sein Pontifikat spielt hier nicht die Hauptrolle; wichtiger ist, daß der Ort über die Familie Ciocchi-Di Monte in jene Renaissance-Netzwerke eingebunden war, die zwischen Florenz, Rom und den päpstlichen Höfen verliefen.


Andrea Sansovino ist für den Ort noch entscheidender. Er hieß Andrea Contucci, wurde in Monte San Savino geboren und nahm seinen Künstlernamen vom Herkunftsort. Er arbeitete als Bildhauer und Architekt der Renaissance; seine Werke begegnen einem unter anderem in Florenz, Rom und Loreto. Der Beiname „Sansovino“ ist damit kein hübsches Etikett, sondern eine Herkunftsangabe, die weltläufig wurde.
Für einen kleinen Ort ist das nicht wenig: ein Papst, ein bedeutender Renaissancekünstler, Medici-Spuren, Kirchenkunst, Paläste. Monte San Savino muß nicht laut sein. Es hat Argumente.









Sant’Agostino: die Kirche, die man nicht auslassen sollte
Wer nur eine Kirche in Monte San Savino besucht, sollte Sant’Agostino nehmen.
Die Augustiner kamen gegen Ende des 13. Jahrhunderts in den Ort; der Bau der Kirche begann im frühen 14. Jahrhundert. Nach der Zerstörung Monte San Savinos 1325 durch Guido Tarlati wurde die Kirche wieder aufgebaut und später mehrfach verändert. Discover Arezzo nennt Sant’Agostino das wichtigste christliche Gotteshaus des Ortes und verweist auf die Erweiterung zwischen 1515 und 1525 nach einem Projekt Andrea Sansovinos.
Das erklärt den Eindruck: Sant’Agostino ist kein reiner Epochenraum. Die Kirche ist Schichtung. Gotische Struktur, Renaissanceeingriffe, barocke Ergänzungen, Freskenreste, Altäre, Bilder. An der Gegenfassade finden sich Fresken aus dem Umfeld der Schule Spinello Aretinos, darunter eine Anbetung der Könige und eine Darstellung Jesu im Tempel, datiert 1408; am Hochaltar hängt Giorgio Vasaris „Assunzione della Vergine e i Santi Agostino e Romualdo“, signiert und datiert 1539.
Das ist nicht nur für Kunsthistoriker interessant. Die Kirche zeigt, wie ein toskanischer Ort über Jahrhunderte an sich weitergebaut hat. Nichts ist aus einem Guß. Genau darin liegt ihr Reiz.
Pieve und Misericordia: Frömmigkeit mit Rädern
Die Pieve dei Santi Egidio e Savino stammt laut Discover Arezzo aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und ist seit 1851 Sitz der Confraternita della Misericordia. Wer hineingeht, findet dort nicht nur sakrale Kunst, sondern auch Sozialgeschichte.




Die historischen Leichenwagen der Misericordia gehören zu den stärksten Bildern des Ortes. Schwarzes Holz, goldene Ornamente, große Räder, daneben Gewänder der Brüder. Das wirkt heute fremd, aber nicht folkloristisch. Die Misericordie waren in Italien über Jahrhunderte nicht Dekoration, sondern organisierte Hilfe: Krankenversorgung, Beistand, Bestattung, praktische Nächstenliebe. In Monte San Savino steht diese Welt nicht abstrakt im Text einer Tafel. Sie steht als Wagen im Kirchenraum.












Palazzo di Monte: Rathaus, Macht, Gefängnis
Der Palazzo di Monte gehört zu den Gebäuden, die Monte San Savino seinen Ernst geben. Im 16. Jahrhundert entstanden nach Discover Arezzo die Logge dei Mercanti und der Palazzo Di Monte am Corso Sangallo; zum Palazzo gehört auch der hängende Garten über dem Cisternone, einer großen Wasserreserve des 16. Jahrhunderts.
Heute sitzt hier die Gemeinde. Das paßt. Die Architektur wirkt nicht gastfreundlich im modernen Sinn. Sie wirkt zuständig.
Und dann sind da die ehemaligen Gefängnisse.
Die Räume brauchen keine Inszenierung. Die Türen sind niedrig, schwer, beschlagen. Die Zellen besitzen Steinböden, kleine vergitterte Fenster, einfache Pritschen. Der Körper versteht den Raum schneller als der Kopf. Man duckt sich, tritt ein, schaut auf die Verriegelungen und weiß: Das hier war kein dekorativer Karzer.
Gerade im Vergleich zu Heidelberg, wo der Studentenkarzer längst Teil einer akademischen Studentenverbindungs-Folklore geworden ist, wirken die Carceri von Monte San Savino rauher. Kein Studentenulk, keine romantische Bestrafungsgeschichte. Eher Stadtjustiz in Stein, Holz und Eisen.


Wein aus dem Automaten
Dann der Bruch. Auf der einen Seite Medici, Sant’Agostino, Karzer. Auf der anderen Seite eine Enoteca mit Flaschenautomat.
Die Enoteca di Piazza verkauft, jedenfalls nach dem sichtbaren Konzept vor Ort, Wein und Getränke rund um die Uhr. Hinter Glas stehen nicht nur belanglose Notlösungen, sondern Flaschen, die man eher in einem gut sortierten Laden erwartet: Champagner, italienische Schaumweine, toskanische Weine, Rotweine, Weißweine, Bier, Wasser. Der Automat nimmt dem Wein nichts von seiner Würde. Er nimmt nur dem Kunden das Problem der Öffnungszeit.
In Deutschland wäre ein solches Konzept wegen Jugendschutz und örtlicher Vorgaben deutlich komplizierter. Aber als Idee ist es bemerkenswert: Wein nicht als sakrales Beratungsobjekt, sondern als Teil des Alltags. Kuratiert, verfügbar, pragmatisch. Man muß Italien nicht verklären, um das gut zu finden.

Und ja: die Salumeria
Monte San Savino besitzt auch kulinarisch einen Grund anzuhalten. Die Salumeria di Monte San Savino führt ihre Geschichte auf Walter Iacomoni und Rosina zurück, die 1968 in Monte San Savino eine kleine Bottega eröffneten; aus dem Holzofen kam Porchetta, später folgten weitere toskanische Salumi. Die eigene Website nennt unter anderem Finocchiona IGP, Porchetta aus dem Holzofen, Cinta Senese und Prosciutti.

Warum hinfahren?
Weil Monte San Savino eine seltene Kombination bietet: überschaubare Größe, echte Geschichte, gute Kunst, harte Details, kulinarische Substanz. Kein Ort für eine Liste mit „zehn Dingen, die man gesehen haben muß“. Eher ein Ort für zwei bis drei Stunden Aufmerksamkeit.
Man kommt wegen der Porchetta. Oder wegen Sant’Agostino. Oder weil man zwischen Arezzo, Lucignano und der Valdichiana unterwegs ist. Am Ende bleibt vor allem der Eindruck, daß Monte San Savino nicht unterschätzt werden sollte.
Die Stadt überrascht nicht, weil sie spektakulär wäre. Sie überrascht, weil sie auf engem Raum ungewöhnlich viel zusammenbringt: Medici, Papst, Sansovino, Vasari, Misericordia, Karzer, Porchetta und Wein rund um die Uhr.
Das muß man erst einmal schaffen.
Disclosure: Diese Reportage entstand im Rahmen einer Pressereise, die durch das EU-geförderte Projekt I love Italian Food (im Rahmen der „GUSTO“-Projektinitiative). Die journalistische Unabhängigkeit und inhaltliche Gestaltung der Beiträge wurden durch die Kooperationspartner nicht beeinflusst.
