Peru: Südamerikanisches Schlaraffenland

Peru kommt mir wie ein Gottes Garten Eden vor. Tischlein Deck Dich überall, wo wir hinkommen. Die Buffets biegen sich unter Avocados und Artischocken, unter Kartoffeln und Mais, Papayas und Tomaten, Maniokwurzeln und Paranüssen. Le Gourmand-Autorin Karin Lochner reist nach Peru. Neben den Inka-Kultstätten wie Machu Picchu erkundet sie die kulinarische Welt des Andenstaates. Unter Dingen, die ich nicht kenne und die ich genussvoll probiere – und von denen ich hinterher weiß, dass es Fladen aus Quinoa, Amaranth und einem weiteren südamerikanischem Getreide mit Zungenbrecher-Namen sind. 

Gastronomen haben es hier leichter als anderswo. An manchen Orten gibt es drei Ernten im Jahr. Auf diesem fruchtbaren Nährboden ist eine Küche entstanden, die ihresgleichen sucht. Zu verdanken hat sie das der Topographie des Landes, die nahezu alle Klimazonen der Erde umfasst: Der kalte Humboldt-Strom sorgt für endlose Fischgründe, im Anden-Hochland gedeihen allein 3000 verschiedene Kartoffelsorten – und der Amazonas steuert nicht nur wundersame Dschungelfrüchte, sondern auch Süsswasserfische bei, von denen man andernorts nicht mal den Namen kennt. Auch optisch stechen die Nahrungsmittel heraus: Gemüse ist viel größer als in Deutschland und reich an Geschmack.

Wenn ich die leuchtend grünen Avocados sehe, groß wie Fußbälle, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Bei anderen Zutaten nicht. Mitunter sitzen wuschelige Meerschweinchen in einem Verschlag, bereit für den Verkauf zum Festtagsessen. Das peruanische Wort für die Tiere lernt man schnell: „Cuy“ sind eine allgegenwärtige Delikatesse. „Schmeckt wunderbar zart.

Alles bio“, schwärmt der 34-jährige Ruben. In Perus Hauptstadt Lima begleitet er uns zwei Tage lang durch seine Heimat – als kulinarischer Führer. Ruben bietet er Kochkurse und kulinarische Streifzüge durch sein Land an. Mit patriotischer Feierlichkeit lotst er uns durch das Labyrinth des Marktes und in die Lokale, in denen die Einheimischen zusammensitzen. „Wollt ihr Cuy probieren?“ Ich schlage das Angebot aus – mein Haustier aus Kindertagen war ein Meerschweinchen. Die anderen aus meiner Reisegruppe wagen sich an das gegrillte Nagetier am Spieß heran. Zufrieden lächelnd sieht Ruben ihnen beim Knuspern zu.

In vorkolumbianischer Zeit – bevor die Spanier sich in Südamerika breit machten – erfüllte das Kochen vor allem den Zweck, die Sippe ordentlich satt zu machen. Die Inka-Männer brauchten Energie für ihre kräftezehrende Arbeit: Machu Picchu bauen. Terrassenkulturen anlegen, hier ein Tempel, dort ein Bewässerungssystem oder ein anderes architektonisches Meisterwerk. Die Frauen kochten mit dem, was der kleine Garten, das Meer und der Amazonas hergab – oder eben der Meerschweinchenstall hinterm Haus. Von jeher waren Nahrungsmittel im Überfuß vorhanden und begründeten die enorme Vielfalt, die heute selbst in Europa nicht mehr wegzudenken ist: Bohnen, Kakao, Kartoffeln, Chilis, Erdnüsse, Kürbisse, Avocados, Tomaten, Mais. All das wurde einst in Südamerika kultiviert und eroberte von hier aus weltweit die Küchen und Restaurants. 

Kulinarisch gesehen ist Peru Südamerikas Klassenprimus und bietet die beste Küche des Halbkontinents. Ein Grund dafür ist auch die kulinarische Vermischung in Peru selbst, die in den letzten 500 Jahren stattfand. Damals ließen sich viele Immigranten in Peru nieder; sie kamen aus Japan, China, Afrika, Spanien, Italien und der arabischen Welt. Die Neuen brachten ihre Rezepte und kulinarischen Bräuche mit. Einflüsse, die die peruanische Küche bis heute prägen. 

Ich sehe viel unbekanntes Gemüse an den Marktständen aufgeschichtet – zwischen den allgegenwärtigen Christus- und Marienstatuen. Stolz verkündet Ruben mit ausgebreiteten Armen: „Peruaner kannten Fusion Food schon lange bevor der Begriff bekannt wurde!“ Vor uns liegen Austern, Mies-, Jakobs- und Venusmuscheln, Seeigel, Tintenfische, Garnelen und Langusten. Hinter uns hängen mumifizierte Lama-Föten. Allerdings nicht zum Essen, sondern als Glücksbringer. 

Migranten sind in der Menschheitsgeschichte schon immer Träger von Veränderung gewesen, auch und gerade kulinarisch. Rubens arabische Familie ist vor Generationen aus dem Nahen Osten eingewandert. Aber schon längst peruanisiert: „Spanisch durch und durch!“ Dennoch ist er überzeugt: „Unsere Vielfalt hat unsere Speisekarte kreiert“, sagt er. „Tiere, Pflanzen, Gewürze, Kulturen, Völker und Landschaften vom Urwald über die Gipfel bis ans Meer!“ Die Speisen haben sich ergänzt und vermischt wie die Nachfahren der Inkas – Spanier, Italiener, Chinesen, Japaner, Mestizen. 

Diese Mix-Kultur hat zur neuen peruanischen Küche geführt, die in den 80er Jahren international bekannt wurde: Cocina Novoandina. Restaurantführer weltweit listen seit zwei Jahrzehnten verlässlich Gourmettempel aus Peru. Lima, die peruanische Hauptstadt mauserte sich zu einem Pilgerziel für internationale Feinschmecker. Genussvoll zu schmausen ist in Peru Mittelpunkt des Lebens und der Stolz der Nation.

Die Nationalgerichte Perus sind Ceviche (roh marinierter Fisch), Cuy (gegrilltes Meerschweinchen) und Causa (gefülltes Kartoffeltörtchen). Dazu den Cocktail Pisco Sour zu trinken, ist geradezu eine patriotische Pflicht

„Kartoffeln sind die Zutaten, die in Peru wahrscheinlich niemals ausgehen werden“, sagt Ruben und schmunzelt. „Die brauchen wir für Causa“, einem Törtchen aus kalten Kartoffeln und Püree. Wir machen unter Rubens wachsamen Augen einen Kochkurs. Peru hat Auswahl: Es gibt Tausende Kartoffelarten – „und in Lima sogar ein internationales Kartoffelinstitut!“ Wir füllen das Törtchen mit einem Püree aus Shrimps, Avocado und Ei: eine frische, wolkenleichte Delikatesse. Mit Causa versorgten die Frauen ihre Männer in den peruanischen Freiheitskämpfen. „Für die Sache!“ (Spanisch: Causa) war ihr verklausulierter Schlacht- und Essensruf, ebenso ihr Verschwörungsflüstern. Manchmal steckten in den Kartoffeltörtchen nämlich auch Geheimbotschaften für die Kämpfer.


Der nächste Gang ist Ceviche, kalt gegarter Wolfsbarsch. Der gewürfelte Fisch wird fünf bis zehn Minuten in Limettensaft mit Chili und Knoblauch mariniert – der sogenannten Tigermilch. Der Begriff Ceviche steht nicht nur für das Gericht, sondern allgemein für die Art der Zubereitung. Das Geheimnis ist, den Fisch für den Garprozess nicht zu erhitzen. Die Säure der Zitrusfrucht, so Rubens Erklärung, wirkt auf das Eiweiß fast wie Kochen. Auf den Teller kommt der roh gebeizte Fisch anschließend mit jeder Menge Chili, Knoblauch, Koriander und Mais.


Zum Abschluss greifen wir zum Pisco, einem Branntwein aus Traubenmost. Er gilt als peruanischer Grappa und ist seit dem 17. Jahrhundert beliebt. Wir befolgen Rubens Anweisungen und pressen Limetten aus für Pisco Sour, dem Nationalgetränk. „Zuckersirup, Limetten und Pisco schön rühren und das Eiweiß im Extrabecher schütteln.“ Ruben erzählt, dass sich Peru und Chile seit er denken kann juristisch in den Haaren liegen, in welchem Land der Cocktail seinen Ursprung hat. Ein echter Pisco Sour ist immer vom charakteristischen Eiweiß-Schäumchen gekrönt. Ich freue mich, wie gut ich genau das schon beim ersten Mal hinbekomme.


Ruckzuck bin ich beschwipst. Auch meine handgemachte Ceviche und die kunstvoll gestopfte Causa führen dazu, dass ich mich erhaben über das touristische Fußvolk fühle, das alle Köstlichkeiten nur aus überteuerten Restaurants kennt – Ruben rümpft über diese „Touristenfallen“ die Nasen. „Den Pisco Sour muss man einmal selbst geschüttelt haben!“ proklamiert er. Leicht lallend kommentiere ich: „Die Touristen ohne Kochkurs sind einfach die letzten in der Fresskette!“ Dummerweise kann ich den Wortwitz in meinem Zustand nicht ins Englische übersetzen, geschweige denn ins Spanische. Stattdessen stoßen wir mit einem weiteren Pisco Sour an, selbstverständlich selbst gerührt und selbst geschüttelt.

Qatar: Wüste, Weltmeisterschaft, Wow-Effekte und Wonne auf dem Tisch


Nach Qatar zu reisen, erscheint aus heutiger Sicht exotisch. Le Gourmand – Das Geniesser-Magazin Co-Autorin Karin Lochner wird von ihren Freunden dementsprechend skeptisch beäugt, wenn sie von ihren Reiseplänen erzählt. Hier ist ihre Geschichte: Hey! Unsere nächste Fußball-WM wird in Qatar stattfinden, da darf ich mich doch für den Golfstaat interessieren? Doch wann immer ich meine Reisepläne nenne, folgt anklagend die ewig gleiche Suada: „Bauarbeiter! Unzumutbare Zustände! Skandal!“ Ein düsteres Bild wird von all jenen gemalt, die noch nie dort waren, aber aus der Berichterstattung hierzulande folgern: „In Qatar werden alle Arbeiter ausgebeutet!“

Ja, es stimmt: Die Wahl zum WM-Austragungsort ist fragwürdig. Denn im Sommer, zur besten WM-Zeit sind Temperaturen über vierzig Grad keine Seltenheit. Wie viel Bestechung bei der Fifa im Spiel war, wird wohl nie eindeutig geklärt werden. Jedenfalls hat Qatar momentan einen schlechten Ruf. Zu Recht? Ich fliege als Reisejournalistin hin. Die ersten fünf Tage bleibe ich „embeded“, also eingebettet in eine Gruppe Kollegen. Wir werden herumgefahren und hofiert, wie das bei Pressereisen üblich ist – schließlich wollen sich die Gastgeber von ihrer besten Seite präsentieren. Als die anderen abreisen, bleibe ich auf eigene Kosten eine Woche länger, um mir selbst einen Eindruck zu verschaffen.

Ich lerne Waad kennen. Die morgenländische Schönheit ist in Doha geboren und aufgewachsen, eine der 300.000 Einheimischen des Zwergstaats. Im Aufzug meines Hotels spreche ich die 30-Jährige an, denn sie erscheint mir nicht so unnahbar wie die anderen Frauen, die ihr Gesicht verhüllen.

Waads Blick dagegen ist offen, ihr Gesicht dezent geschminkt, ihre Augen mit den dichten Wimpern funkeln lebendig. Unter ihrer schwarzen, nachlässig geschnürten Abaya, dem traditionellen islamischen Überkleid, spitzen eine zerrissene Jeans und ein Glitzer-T-Shirt hervor. Sie lächelt mit Zähnen wie aus der Zahnpastawerbung. Ob ich sie interviewen dürfe? Ich hoffe auf eine halbe Stunde. Es werden mehrere Tage gemeinsames Erkunden ihrer Heimat daraus. Sie klärt mich auf: Die Verschleierung, bei der das Gesicht selbst beim Essen unsichtbar bleibt, praktizieren hauptsächlich Touristinnen aus anderen Golfstaaten.

Aus den Shishas von Cafés am Straßenrand riecht es nach Kardamom, Weihrauch und Minze. Qatars Hauptstadt ist eine glamouröse Hotel- und Museumsstadt inmitten einer riesigen Baustelle.Arbeiter in Leuchtwesten transportieren Material in Schubkarren. Poliere in Pluderhosen und Turban haken Lieferscheine ab. Dazwischen flanieren Männer in weißen Gewändern, denen man den Stolz am Gang ansieht. Erhobenen Hauptes tragen sie Kuffiyas, die traditionellen Turbane der Beduinen. Waad erkennt ihre Landsleute anhand der Farbe und der Art, wie sie die Kuffiya um ihr Haupt schlingen. Sie kann genau sagen, woher der Träger kommt: aus dem Oman, aus Abu Dhabi, aus Kuwait. Die Mehrzahl der Menschen auf den Straßen, in den Hotels und den Restaurants sind arabische Touristen oder ausländische Gastarbeiter – letztere machen 85 Prozent der Bevölkerung Qatars aus. Das sei der Grund, warum die Einheimischen daheim nie westliche Kleidung trügen, erklärt Waad. Qataris zeigen durch ihre traditionellen Gewänder, dass sie die „Hausherren“ im Land sind – Männer in langen weißen Hemden und Frauen in schwarzen Ganzkörperumhängen.

Waad ist wie alle einheimischen Frauen schwarz verschleiert. Doch ihre perfekt pedikürten Füße zieren elegante Schuhe, eine teure Handtasche ist immer griffbereit.

Männer und Frauen, die nicht miteinander verwandt sind, vermischen sich in Qatar kaum. In allen öffentlichen Alltagssituationen werden die Geschlechter „auseinander dividiert“, erklärt sie. So warten Männer und Frauen in Banken etwa an unterschiedlichen Schaltern. „Durcheinander Anstellen ist undenkbar.“ Ich blicke mich immer wieder erstaunt um, sehe Verschleierte genauso wie Minirock-Trägerinnen – Gastarbeiterinnen und einige wenige Touristinnen – und frage Waad: „Warum wird Doha – eine Stadt aus Hotels und Museen – als Urlaubsziel immer attraktiver?“ Vor der Staatsgründung 1973 war die Hauptstadt ein Mittelding zwischen Dorf und Kleinstadt.

Potential ist ohne Zweifel vorhanden. Nicht nur für sonnenhungrige Europäer und Amerikaner, die die Outdoor-Spa-Bereiche und Hotelbars bevölkern. Die Stadt hat einen langen Strand aus feinstem, weißen Pudersand, wie gemacht für eine Bacardi-Werbung. Die sieben Kilometer lange, sichelförmige Uferpromenade „Corniche“ zählt zu den Attraktionen von Doha. Hier räkeln sich trotzdem keine Bikini-Schönheiten bei Cocktails – Alkohol ist außerhalb großer Hotels ohnehin verboten. Nicht einmal Frauen in Burkinis – der geschlossenen Badekleidung islamischer Frauen – nutzen den makellosen, jungfräulichen Strand. Die einheimischen Männer gehen genauso wenig im türkisblauen Prachtmeer baden.

Doha ist in der Tat ein attraktives Urlaubsziel, wenn auch (noch) nicht zum Baden. Und auch (noch) nicht unbedingt für westliche Urlauber wie mich. Qatar gilt als Familienparadies, begeistert sich Waad. Überall entdecken wir phantasievolle öffentliche Spielplätze.Betuchte Gäste aus Pakistan, Indien oder dem Iran spannen hier aus. Sie genießen den westlichen Luxus und können sich dennoch auf ihre muslimischen Wertvorstellungen verlassen. Der größte Pluspunkt, findet Waad: „Wir sind eine Insel des Friedens fast ohne Kriminalität.“Ganz anders als bei ihren Glaubensbrüdern in Syrien, Afghanistan oder dem Jemen.

Das könnte daran liegen, dass die Qataris sich alles leisten können, was ihr Herz begehrt: Im weltweiten Vergleich erhalten sie das höchste Pro-Kopf-Einkommen, obwohl sie weit von einer 40-Stunden-Woche entfernt sind. Sagen Lästermäuler. Ein Grundstück plus Haus pro Familie gibt es vom Staat so gut wie geschenkt. Sagen Insider. Die Männer halten sich die teuren Falken, manche auch ein Pferd oder Kamel. Wer wollte da kriminell werden wollen?

Qatar verströmt prickelnde Lebenszufriedenheit. Der Golfstaat ist noch nicht einmal 50 Jahre alt. 15 Prozent der weltweiten Erdgasvorkommen liegen auf seinem Staatsgebiet, das kleiner ist als Oberbayern. Qatar will von der Staatengemeinschaft anerkannt werden. Deshalb auch die WM 2022. Deshalb werden hier Superlative gesammelt. Kapital und Erdgas, die wirken, als würden sie nie versiegen, pushen den sprudelnden Zukunftsglauben des Mini-Staats. Alles ist möglich. Alles ist machbar. Siehe Weltmeisterschaft.

Die berühmtesten Gastronomen aller Herren Länder reißen sich darum, hier eine Dependence zu errichten, um den Goldrausch mitzunehmen. Zum Beispiel Gordon Ramsay. Der britische Spitzenkoch betreibt drei Restaurants im St. Regis Hotel im Diplomatenviertel. „Mediterranean“ bietet High-End-Küche mit Wow-Effekt. Was sein Küchenchef Elias Gemayel in exklusivem Design-Ambiente in der West Bay von Doha serviert – dafür pilgern Gourmets aus aller Welt hierher. Die beiden anderen Lokale, „Opal“ und „The Raw Bar“ sind legerer. Für seine Restaurants bekam Gordon Ramsay bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter mehrere Michelin-Sterne.

Erstaunlich für ein Land, das an einheimischen Zutaten kaum mehr als Fisch und Kakteenfrüchte zu bieten hat. Doch auch kulinarisch gilt: Alles ist machbar. Sämtliche Zutaten, die die Maestros brauchen, werden vorerst importiert. Zwar beginnen gerade die ersten Versuche der Landwirtschaft, sich in Teilbereichen selbst zu versorgen. Dazu wurden Kühe aus Deutschland importiert und Bewässerungstechniken eingeführt, die bereits die Wüste im Negev und Sinai fruchtbar machten. Als jahrzehntelange Restaurant-Testerin muss ich zugeben: Alle Gerichte sind köstlich und auf Spitzenniveau – von der unguten Ökobilanz einmal abgesehen. Waad hat mir die ersten heimischen Bio-Produkte schon im Einkaufscenter gezeigt und versichert, dass in ihrem Land auch am ökologischen Fußabtritt gearbeitet werde. Stichwort „saisonal und regional“.

Bei der größten japanischen Restaurantkette weltweit sind heimische qatarische Erzeugnisse tatsächlich zu finden: Das „Nobu“ ist auf dem Areal des Four Seasons Hotel in Doha zuhause und hat sich durch japanische Küche mit arabischem Touch einen Namen gemacht. Außerdem wegen seiner zwei atemberaubenden Räumlichkeiten für private Dinner – die mondäne „White Pearl Lounge“ und eine Dachterrasse, mit Innen- und Außenbereich und gigantischem Panoramablick auf den Golf. Waad ist stolz darauf, mir die Location zu zeigen. Ich bleibe – wie von ihr erwartet – mit offenem Mund stehen. Hier kommen viele exquisite Fische fangfrisch aus dem Meer direkt vor der Tür. Regionaler geht es nicht. Als Kontrast dazu fühlen wir uns, als hätte uns Scotty auf einen intergalaktischen Stützpunkt gebeamt. Doch das nächste Lokal kann den Science-Fiction-Faktor sogar noch toppen, verspricht Waad.

Im obersten Stock des futuristischen Museums of Islamic Art hat Starkoch Alain Ducasse sein Restaurant „Idam“. Der Franzose hat für seine weltweiten Lokale vom Guide Michelin mehrmals die Höchstwertung von drei Sternen erhalten. Auch in Doha gehört ein Restaurant zu seinem Imperium. Ganz ehrlich: Mister Chefkoch kommt zwar nur ein paar Mal im Jahr vorbei gejettet, er hat sich aber all das ausgedacht. So läuft es weltweit beiden Oberen der Ess-Klasse. Einen Besuch ist das atemberaubende Idam allemal wert. Alkoholisches steht zwar hier nicht auf der Karte, doch bei den kreativen Gerichten, die die arabische Küche auf höchstem Niveau mit den Rezepten Alain Ducasses vereint, verzichtet man gern auf Prozente. Star-Designer Philippe Stark hat das Restaurant gestaltet. Ich schreite die spektakulären Fensterfronten ab, versinke im weichen Teppich mit den arabischen Kalligraphien und blicke hinunter auf die Küstenlandschaft mit Skulpturenpark. Auf einer Halbinsel hinter dem Museumsrestaurant steht der aus sieben langen, schmalen Stahlplatten gestaltete Turm „Wahrzeichen 7“ von Richard Serra. Waad erklärt: „Der Künstler spielt auf die Bedeutung der Zahl Sieben in der islamischen Kultur an.“

Ich habe mich auf Waads Empfehlung im W Hotel Doha einquartiert („Der Hotspot der Stadt!“) und fühle mich dort wie ein Filmstar. Mein Mini-Apartment öffnet sich mir hinter einem schweren Vorhang. Kaum rechte Winkel, üppig mit Kissen belegtes King Size Bett, ein Badezimmer wie ein Spa-Urlaub. Und überall ist mundgerechtes Obst und Luxus-Schokolade griffbereit drapiert.

Ahs und Ohs kommen in der Lobby schon beim Eintreten: Das gesamte Hotel spielt in seiner Innenarchitektur mit Perlen, denn die Perlenfischerei brachte Qatar bereits vor Jahrhunderten Reichtum, lange bevor Öl und Erdgas entdeckt wurden. Ein kulinarischer Höhepunkt für Langschläfer ist der Sonntags-Brunch im „Spice Market Restaurant“. Doch auch den Rest des Tages und abends ist das Restaurant von Jean-Georges Vongerichten eine gute Anlaufstation. Der Küchenchef versteht es, arabische Einflüsse mit internationaler Haute Cuisine aufs Feinste zu vermählen. Das erklärte Ziel aller Meisterköche Dohas.

Qatar bereitet sich in jeder Hinsicht – eben auch kulinarisch – auf die WM vor. Sie wird nicht wie sonst im Juni und Juli stattfinden, sondern im November und Dezember. Sie zu verlegen hat nach anfänglichen Protesten geklappt. Die Temperaturen sind dann vergleichbar mit unseren europäischen Sommern, nur mittags wird es richtig heiß. Abends, wenn die Spiele stattfinden werden, herrscht angenehmes Klima, wie im mitteleuropäischen Hochsommer. Auch das Alkoholverbot wird in dieser Zeit wohl aufgehoben werden.

Kann ein Volk, bei dem Alkohol verboten ist, dessen Großväter noch als Perlenfischer oder Nomaden ihre Familien ernährten – und oft hungerten – etwas mit all diesen kulinarischen Überflügen anfangen? Mit einer WM? Mit all der Kunst im öffentlichen Raum? Waad bejaht. Ein junges, hungriges Land wie ihres belohnt das Engagement jedes Einzelnen schnell mit Bildung, Aufstieg und Erfolg. Das gilt keineswegs nur für Einheimische. Wer drei bis zehn Jahre in Qatar lebt und arbeitet, kommt sagenhaft reich nach Hause, sagen die Gastarbeiter. Kann sich hinterher in der Heimat ein Haus leisten. Egal, ob in Mazedonien, Südafrika, Usbekistan, Tansania, Indien oder in Thüringen.

Es gibt die anklagenden Zeigefingern auf die Hilfskräfte der Baubranche, seufzt Waad. Doch kaum sind sie im Land, staunen Touristen darüber, dass die meisten der Gastarbeiter hervorragend ausgebildete Fachleute sind. Meist Akademiker. Sie realisieren architektonische, kulinarische und künstlerische Überflüge, von denen sie in ihrer Heimat nicht einmal träumen dürfen. Sei es, weil die Behörden dort hochfliegende Ideen vereiteln. Oder weil die Investition im Heimatland nicht zu stemmen wäre. Die Aussichten für die Fußball-WM 2022 erzeugen bei allen Gastarbeitern – ob aus der Baubranche oder hoch qualifiziert – ansteckende Vorfreude. Und erst recht bei den Einheimischen. Qatar wird sich als perfekter Ausrichter präsentieren, prophezeit Waad. „Am Ende werden alle sagen, sie war gut, die WM im Winter.“ Das Datum für das Endspiel hat sie sich schon in ihre beiden Smartphones eingetragen: 18.Dezember. Qatars Nationalfeiertag.

Waad lenkt ihren Porsche Panamera über die flache Sandpiste.

Bei unserem Ausflug kann ich eine beliebte Freizeitbeschäftigung männlicher Qataris aus nächster Nähe erleben: Dune Bashing. Mit Allrad-SUVs geht es Dünen auf- und abwärts.Die Fahrer lassen ein bisschen Luft aus den Reifen und heizen dann röhrend durch die Wüste. Der Sand spritzt in hohem Bogen von den Kotflügeln. Nichts für Waad. Sie rümpft ihre hübsche Nase, Männerspielplätze interessieren sie nicht. Sie liebt Kunst, Kultur und Kulinarik.

Nach zwei Stunden Fahrt erheben sich in der Weite der Steinwüste vier je 15 Meter hohe Stahlstehlen im Abstand eines Kilometers aufgestellt. Der Künstler Richard Serra – schon wieder – wollte damit die Endlosigkeit der Wüste durchbrechen. „Ost-West/West-Ost“ hat er sein Werk genannt, das er als die größte Erfüllung seines Schaffens bezeichnet. Den Kopf weit in den Nacken gelegt, stehen Waad und ich davor. Ich bin ein wenig ratlos. Waads Wangen leuchten in der Abendsonne. Voll ansteckender Begeisterung und mit ihrem immer hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.

Auch die Kleinbusse sind vermutlich voller Hoffnungen, wenn sie die Bauarbeiter durch das Land zu den vielen Baustellen bringen. Deren harte Arbeitsbedingungen haben sich verbessert. Es gibt vorgeschriebene Mittagspausen, größere Unterkünfte und Schutzkleidung, strenger geregelt als in Deutschland. Mit westlichen Augen betrachtet ist nicht alles optimal, aber es wird besser.

Qatar lebt einen beneidenswerten Zukunftsoptimismus. Das wichtigste Investment in die Zukunft ist die Bildungsoffensive und die überall sichtbare Kunst. Um gerüstet zu sein für die Zeit nach dem Erdgas, will der Golfstaat zu einem Zentrum für Kultur, Sport und Tourismus im mittleren Osten aufsteigen. Wer hierher kommt, sieht: Das ist schon passiert. Längst. Trotz der Baustellen. Waad hakt sich unter: „Wirklich Zeit, den Blick vom Bauzaun zu heben!“ Ich schreibe mir nun auch den Termin für das WM-Endspiel 2022 ins Handy. „Du kommst aber vorher nochmal?“ will Waad wissen. Ich nicke heftig in Vorfreude.

Mehr Infos:

Direktflüge nach Doha mit Qatar Airways ab 600 Euro. In Deutschland bietet Qatar Airways zurzeit 35 wöchentliche Verbindungen nach Doha ab Frankfurt, München und Berlin an. In Österreich fliegt die Airline mittlerweile zweimal täglich ab Wien. Wer nicht in der Nähe eines dieser Flughäfen wohnt, kann ohne Aufpreis mit der Bahn zu seinem bevorzugten Flughafen anreisen. Passagiere der First und Business Class haben die Bahnfahrt in der 1. Klasse, Economy-Class-Passagiere in der 2. Klasse inklusive.

Empfehlenswerter Stopover: Bis zu 96 Stunden Zwischenaufenthalt in Qatar ist ohne Aufpreis möglich bei Buchung des Qatar Airways Holidays Stopover Program. Hiermit lassen sich die Kultur und die Sehenswürdigkeiten Qatars mit einem kostenlosen Transitvisum entdecken. Reisende, die diese Option buchen, erhalten zudem eine kostenlose Übernachtung in einem der zahlreichen internationalen Hotels in Doha. Aktuelle Angebote für sogar zwei Übernachtungen gibt es bei Buchungen bis 28. Dezember und Reisen bis einschließlich 31. Dezember 2018. Das Qatar Airways Netzwerk besteht aus über 150 Destinationen.

Der moderne, 2014 eröffnete Flughafen von Doha ist ein Drehkreuz, von dem aus man innerhalb weniger Stunden einen Anschlussflug zu den Reisezielen Malediven, Sri Lanka, Bali, Bangkok oder südliches Afrika bekommt. 

Allein der Airport ist einen Kurzaufenthalt wert: Im weltweiten World-Airport-Award-Ranking landet der Flughafen Doha-Hamad auf dem fünften Platz. Passagiere können hier schwimmen gehen, sich 24 Stunden am Tag ihren Jetlag wegmassieren lassen und sogar Squash spielen.

Mehr Infos:

Qatar Airways

W Hotel Doha

Wanderungen zu Köstlichkeiten: Der kulinarische Jakobsweg verbindet Sterneküche mit Almhütten

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Der Weg ist das Ziel? Nicht ganz. Für Feinschmecker ist das Ziel entscheidend, um sich auf den Weg zu machen. Ab sofort lockt das Paznaun den ganzen Sommer lang auf den Kulinarischen Jakobsweg. Hier gibt es Gipfel, die anzusteuern sich lukullisch lohnen. Zu Fuß, mit dem Rad oder einem E-Bike. Bis einschließlich 21.9.2014 nämlich bringen vier Sterneköche aus Deutschland, Italien, Belgien und England ihre eigens entworfenen Gerichte aus regionalen Produkten in Tiroler Berghütten. Für Le Gourmand – Das Geniesser-Magazin erwanderte sich Karin Lochner die Gaumenfreuden.

Das Konzept ist bereits das sechste Jahr erfolgreich. Le Gourmand – Das Geniesser-Magazin war vor drei Jahren bereits zur Präsentation dabei. Internationale Sterneköche kreieren jeweils ein Sommergericht für Alpenvereinshütten zu einem moderaten Preis. Das Besondere: die Spezialitäten aus der Region Paznaun werden in die Menüs eingebaut. Wie Wildkräuter, Schinkenspeck, Pasta, Kartoffeln; allesamt Zutaten, die auf die Speisekarte einer Berghütte passen. Also rein in die Bergstiefel, hochgewandert und gekostet, was sich Dieter Müller aus Deutschland, Giovani Oosters aus Belgien, Russell Brown aus England sowie Alfio Ghezzi aus Italien für die hungrigen Wanderer haben einfallen lassen. (mehr …)