Hotel Jardin Tecina La Gomera: Vergessene Reservierungen, Massenabfertigung, Schlagermusik und blutige Barschlägereien

Und immer wieder erlebt man Neues. Während ich in der Hotellobby des Hotel Jardin Tecina auf der Insel La Gomera an meinen Notizen arbeite, dringt aus der Hotelbar eine Etage tiefer lautes Geschrei nach oben. Frauenstimmen schreien: „Marco, No!“ Hotelpersonal rennt die Treppe hinunter, die Security wird übers Funkgerät herbeigerufen, Frauen eilen von unten nach oben, Schaulustige versammeln sich an der Treppe in sicherer Entfernung. Nach einigem hysterischem Geschrei wird ein Mann von zwei Frauen nach oben gezerrt, in die sichere Entfernung offensichtlich von einem Kontrahenten. Zu dieser Gruppe gesellen sich drei andere Männer und ein paar Frauen, alle aufgebracht, diskutierend. Ein Mann hat eine aufgeschlitzte Wange, sein Hemd ist blutig. Um was es ging, hab ich nicht mitbekommen, dafür reichen meine rudimentären Spanischkenntnisse nicht aus. Ob die deutsche Schlagermusik, die gestern wie heute in der Bar gespielt wurde, die Gemüter derartig erhitzte? Oder wurde bei einer spanischen Geburtstagsfeier zu stark den alkoholischen Getränken zugesprochen?

Am Abend sollten wir eigentlich laut unseres Plans am Barbeque teilnehmen. Ich fand heraus, dass das Hotel nicht nur die Massenabfertigung im grossen Restaurant hat. Über einen kleinen Weg bis zur Klippe gelangen die Gäste zu einem Aufzug. Dieser fährt etwa vier Etagen nach unten. Dort führt direkt am Strand ein kleiner Weg hin zu einem exzellenten Restaurant-Bereich. Hier sind nochmal zwei Restaurants, die zum Hotel Jardin Tecina gehören, ein A-la-Carte- und ein Barbeque-Restaurant. Eintritt ist hier nur mit Vor-Reservierung, auch wenn Tische frei sind.

Ich schreibe eigentlich. Denn unsere sechsköpfige Gruppe wurde wohl doch nicht angemeldet. Also kann ich nichts über diesen Bereich sagen, ausser, dass er sehr schön angelegt ist. Hier speisen diejenigen, die sich nicht nur eine schöne Hotelanlage über ein günstiges Pauschalangebot erobert haben, sondern es sich eben auch leisten können für lukullische Genüsse mehr auszugeben – fernab von Kreti & Pleti, die per Neckermann-Katalog und Thomas Cook- bzw. Condor-Charterbomber im grossen Restaurant mit dem Charme einer Firmenkantine essen müssen. Hier ist zwar alles im Überfluss auf den Buffets vorhanden. Doch in durchschnittlicher Qualität und je später, desto trockener.

Mein Eindruck hat sich von Tag zu Tag verstärkt: dies Hotel hat mal vor ein paar Jahren bessere Zeiten erlebt. Die Anlage ist sehr großzügig, sehr schön. Die Hotelzimmer erstrecken sich über mehrere Gebäude terassiert am Hang entlang. Die schönsten Zimmer sind mit Seeblick, auch ich geniesse einen fantastischen Blick über das Wasser, höre Wind, Wellen und Möwen. Blumen, Büsche, Bäume bereichern den Garten. Der Pool ist in einen Kinder- und einen Erwachsenenbereich so unterteilt, dass jeder genügend Raum für sich hat, Erwachsene ihre Ruhe haben und doch alles beieinander liegt. Die Poolbar ist offen zugänglich – doch Punkt 18 Uhr geschlossen.

Doch es sind die kleinen Dinge, die zeigen, dass das Hotel eigentlich für eine andere Klientel gebaut ist, als für die, die hier sind. Es ist alles ein bißchen zu alt, etwas zu ungepflegt, zu lieblos. Das Personal ist unfreundlich, unkonzentriert, unaufmerksam. Nur die leitenden Angestellten haben ein offenes Ohr und sind mit Rat und Tat zur Stelle. In meinem Zimmer sind von vier Lampen zwei nicht zu gebrauchen, da die Glühlampen kaputt sind, darunter meine Nachttischlampe. Ich sitze schon den zweiten Abend in Folge in der Lobbybar ohne auch nur irgendwann gefragt worden zu sein, ob ich vielleicht etwas trinken möchte. Die Kellner gehen an mir vorbei, grüßen aber nicht, vielleicht lächeln sie – oder aber sie schauen durch mich hindurch oder an mir vorbei. Dies bin ich aus Hotels nicht gewohnt, insbesondere ab einem gewissen Niveau, erst recht nicht in Urlaubsregionen. Und vom Auftreten, von der Architektur, vom Angebot her möchte das Hotel Jardin Tecina dies wohl sein. Oder war es mal. Denn für wen sollen denn sonst die große Tennisanlage und der Golfplatz sein?

Dies ist also eher eine Art verhinderter Club Med – aber mit einem deutlich schlechteren Angebot. Oder ein Rentnerclub – denn viele der Gäste sind deutlich der Zielgruppe 60+ zuzurechnen. Oder eine schlechte Mischung aus deutschem Billig-Pauschaltouristen und finanziell potenten anderen Europäern. Denn abseits der deutschen TUI– und Neckermann-Urlauber sehe ich deutlich besser angezogene, deutlich besser sich benehmende andere Gäste aus Frankreich, den Niederlanden und anderen Gegenden. Irgendwas passt an diesem Produkt nicht, irgendwas läuft hier falsch. Ich denke, eine Generalüberholung, kompletter Umbau, neuer Name und eventuell ein neues Management oder eine Anbindung an einen internationalen Konzern täten hier gut.

Nachtrag: Diesen Artikel habe ich mit kleiner Verzögerung online gestellt. Ich werde noch ein paar Bilder einfügen. Außerdem wollte ich abwarten, wie die anderen Hotels sind, in denen ich inzwischen war. Und ich bin beruhigt: die nächsten drei Hotels, die ich hier bespreche, sind alles erstklassige Vertreter ihrer Zunft. Das Jardin Tecina war der einzige unterdurschnittliche Ausrutscher während meiner Reise. Die Bewertungen auf Holidaycheck sprechen außerdem für sich.

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Götz A. Primke

Herausgeber, Chefredakteur, Reisejournalist, Reiseblogger, Foodjournalist, Foodblogger bei Le Gourmand - Das Geniesser-Magazin
Restaurantfachmann, Dipl.-Betriebswirt (FH) und Journalist - und immer schon Geniesser. Feinschmeckender Vielfrass, viel essender Feinschmecker. Immer auf der Suche nach Genuss und Genüssen, Destinationen, Kulturen, Charakteren und Geschichten. Reisejournalist, Reiseblogger, Foodjournalist, Foodblogger.

Götz A. Primke did a complete hotel business apprenticeship in a 5 star hotel in Berlin and completed his university years at the university of applied sciences in Munich with a degree as Diplom-Betriebswirt in tourism economics. Following some years as editor in a german renowned hotel business magazine he started to work as freelance journalist, travel journalist, travel blogger, food journalist and food blogger. His articles are published in german newspapers, magazines, web-sites and on his own platform Le Gourmand http://www.legourmand.de/ . He writes about travel, destinations, hotels, restaurants, food & beverages, cooking, gourmandise cuisine and everything that tastes good.
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