Uruguay: Wie sexy Karneval in Montevideo gefeiert wird

Uruguay Karneval in Montevideo Kagelmann © Leonardo Correa
Karneval in Rio: weltberühmt und weltbekannt. Für alle, die einmal etwas wirklich anderes erleben wollen, gibt es eine interessante Alternative. Ein paar Kilometer südlich von Brasilien (nun ja, eigentlich sind es schon 2.400 Kilometer..) zelebriert man in der Hauptstadt von Uruguay, Montevideo, eine ganz eigene Art von Karneval. Der Karneval in Montevideo hat seine besondere Geschichte, die indirekt mit der Sklaverei zu tun hat.

Im Gegensatz zu anderen süd- und mittelamerikanischen Staaten hat es in diesem kleinen Land zwar nie wirklich eine ausgebeutete, versklavte schwarze Bevölkerung gegeben. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass man hier kaum arbeitsintensive Plantagen hatte. Die Landschaft ist die ideal für die Rinderzucht, sie braucht kaum Sklaven. (Aktuell sind in Uruguay z.B. nur vier Prozent der Bevölkerung afrikanischen Ursprungs). Aber der Hafen von Montevideo war offenbar ein wichtiger Umschlagplatz für schwarze Sklaven, die später in andere Länder Südamerikas transportiert wurden. Deshalb war bereits Anfang des 19. Jahrhunderts ein Drittel der Stadtbevölkerung Schwarze. Sie brachten den Candombe nach Uruguay, eine sehr rhythmische Musik, die afrikanische und europäische Einflüsse vermischt – diese Musik ist wesentlicher Teil der Umzüge in den alten Stadtvierteln Sur und Palermo.

Uruguay Karneval in Montevideo © J. Kagelmann

Karneval in Montevideo – muy auténtico…

„Candombe“ ist seinem etymologischen Ursprung nach schlicht und einfach die Bezeichnung des Orts, wo die Mitglieder einer Comparsa zusammenkamen, um ihre Riten und Tänze aufzuführen, die allem Anschein nach einen hohen Vergnügungswert hatten, da es immer einige Weiße gab – “Herren”, Gutsbesitzer –, die sich unter die Schwarzen mischten, wohl auf der Suche nach dieser und jener Zerstreuung. Um nicht sofort als Weiße erkannt zu werden, verkleideten sich diese Herrschaften für ihre nächtlichen Ausflüge und malten sich schwarz an. Die Schwarzen ihrerseits tauften diese bleichgesichtigen ‚Eindringlinge‘ „Lubolos“, was so viel heißt wie „als Schwarze angemalte Weiße“. Heute nennen sich die Candombe-Comparsas mit einem Schuß Selbstironie selbst „Lubolos“, und die Zusammensetzung der Gruppen ist auch meist hautfarbenübergreifend.

Die Formen des uruguayischen Carnavals haben sich immer wieder geändert. Die jetzige Phase begann Mitte der 50er Jahre, als sich in Montevideo einige private Amateurvereine gründeten, die sich auch als “Comparsas” bezeichneten und zum Beispiel “Fantasía Negra”, “Guerreros de la Selva”, “Negros Orientales” nannten. Sie organisierten dann 1956 die erste gemeinsame Parade – “Las Llamadas” (oder “Desfile de Llamadas”); sie wurde schnell zu einer Institution und in diesem Jahr zum wird sie zum sechzigsten Mal durchgeführt.

Die “Comparsas” betonen ihre afrikanischen Wurzeln und spielen in ihren Verkleidungen in vielfältiger Weise mit den Figuren und anderen Elementen afrikanischer oder afroamerikanischer Kultur. Besonders auffällig, wirklich anders, ist die Musik, die es dabei gibt. Keine relativ einfachen Sambarythmen, sondern streng akzentuierte Musik von jeweils 20 bis 40 Künstlern, die unterschiedliche Rhythmen auf großen Trommeln spielen. Dem Europäer kommt das zuerst alles ziemlich gleich vor. Erst wenn man länger und aufmerksam zuhört – zum Beispiel während der großen Umzüge in der Karnevalszeit – bemerkt man die feinen Unterschiede. Übrigens ein Grund für die UNESCO, die Candombe-Traditionen in das Verzeichnis der immateriellen Kulturgüter aufzunehmen und sie auch finanziell zu fördern.

Uruguay Karneval in Montevideo © J. Kagelmann
Der historische Hintergrund der erwähnten “Llamadas”, eigentlich “Rufe” ist, dass die Sklaven einander mit den Trommeln Nachrichten zu-„riefen“, daher „llamadas“. Da sie aber aus verschiedenen afrikanischen Gegenden und Völkern stammten, waren ihre Trommelzeichen auch nicht gleich, so dass ein homogenes System erst entstehen musste. Eigentlich war das etwas Ernstes, nicht einfach Musik und Tanz, und schon gar nicht hatte es ursprünglich etwas mit sinnenfrohem Karneval zu tun.

Die Züge, und das ist die Besonderheit, verbinden eigentlich zwei Karnevale: einen ’schwarzen‘ und einen ‚weißen‘, die sich harmonisch in großen Umzügen und Veranstaltungen vereinigen. Eine weitere Besonderheit: Hier wird auch nach dem Aschermittwoch noch weiter Party gefeiert. Jedenfalls werden in Montevideo mehr Eintrittskarten für Karnevalsveranstaltungen verkauft als für sämtliche Kultur- und Sportveranstaltungen des Jahres zusammen – und das in einem fußball-euphorischen Land wie Uruguay.

Uruguay Karneval in Montevideo Kagelmann © Leonardo Correa
Noch eine Besonderheit: Die typischerweise freizügig gekleideten, immer sehr schlanken und schönheitsoperierten braunen Schönheiten von Rio de Janeiro gibt es nicht, höchstens einige wenige. Zur Auflockerung der Trommlerzüge treten zwar auch zwischendurch immer fantasievollvoll und sehr sexy gekleidete Damen auf, die ihre Tanzkünste, besser gesagt: Tanzschritte, und ihre weiblichen Attribute, vulgo: wunderschönen weiblichen Brüste den männlichen und weiblichen Zuschauern gern präsentieren. Allerdings können ihre Körpermaße, sagen wir, weit nach unten oder oben abweichen von dem, was man als Standard sonst in Rio zu sehen bekommt.

Das stört hier definitiv niemand, und jede Dame kann mit Beifall rechnen. Hier geht es um Spaß und nicht um Kunst oder brasilianischen catwalk. Und den Mädchen und Frauen macht es sichtlich große Freude, sich zu zeigen und ihre Tanzkünste zu präsentieren. Das ist Lateinamerika!

Uruguay Karneval in Montevideo Kagelmann © Leonardo Correa
Der Karneval wird mit geradezu Schweizer Effizienz vom Interessensverband “La Asociación Cultural y Social Uruguay Negro ACSUN” und der Stadtverwaltung Montevideos organisiert. Auf die Tribünen kommen etwa nur angemeldete VIP, die im Besitz eines Fotobadges sind, in den Genuss eines Sitzplatzes, und auf den vorgeschriebenen Wegen der Umzüge herrscht eine strenge Ordnung. So kommt es zu keinem Chaos.

Karneval in Montevideo: Der längste Karneval der Welt

Vor allem aber: Dieser Karneval dauert lange, sehr lange. Seine Besonderheit ist, dass er viele Wochen lang intensiv begangen wird. Und er hört auch nach Aschermittwoch nicht auf. Er gilt als der längste Karneval der Welt und ist eine regelrechte Volksleidenschaft, gefeiert mit täglichen Straßen- und Bühnenauftritten (den “Tablados”), v.a. im Freiluft-Sommertheater von Montevideo (“Teatro de Verano” im Parque Rodó), nebst vielen improvisierten Darbietungen auf öffentlichen Plätzen, in Parks, Kneipen und anderen Orten.

Die Llamadas des Karneval in Montevideo fingen im Jahr 2015/2016 am Tag nach Weihachten an und hörten erst mit einer großen Parade Montag und Dienstag vor Aschermittwoch auf. Ein wirklich anstrengendes Programm für die Mitglieder der Vereine, die auftreten – und es sind alles Amateure, die nichts für ihr Mitwirken bekommen, die alle selber viel Geld und viel Zeit für Kostüme und Proben investieren!

Uruguay Karneval in Montevideo Kagelmann © Leonardo Correa
Wer also authentisches karnevaleskes Treiben erleben will, und dabei die zugegeben lange Anreise nicht scheut, der wird ihn sicherlich genießen – den Karneval in Montevideo. Und wer wirklich richtig mitgemacht hat (das heißt aber nicht mit viel Alkohol, denn der ist höchstens bei den einheimischen Jugendlichen üblich), der kann hinterher an die See fahren und sich in einem der vielen Badeorte wunderbar entspannen. Doch Achtung: an vielen Badeorten gibt es auch Carnaval-Umzüge und die Nächte können dann auch lang werden. Schlafen ist hier nicht, denn es ist “Carnaval”..!

Touristische Infos:


Foto-Credit:
© 3 Fotos stammen von Leonardo Correa


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Dr. Jürgen Kagelmann

Diplom-Psychologe, Verleger, Reisejournalist, Dozent bei Profil Verlag GmbH
Derzeit
– Dozent für Tourismuswissenschaft an der Dualen Hochschule Ravensburg (Freizeit- u. Reisesoziologie; Gesundheitstourismus)
– Verleger des Profil Verlags München Wien
– Fachjournalist Reise und Freizeit (Gesundheits-, Wellnesstourismus; Erlebniswelten, v.a. Freizeitparks, Wasserparks; Spanien, Lateinamerika, Florida)
Letzte Artikel print/online zu: Peru und sein Pisco-Schnaps; Hotels auf den Malediven; Originelle Hotelprojekte in Asien; Mythos Geomantie u.a.m.
– Medien-Interviewpartner für: Süddeutsche Zeitung, Welt am Sonntag, Augsburger Allgemeine, Nürnberger Nachrichten, Hör Zu Bayern 3-TV, WDR-5 u.v.a.m.