5 Jahre Parc du Petit Prince: Finde die Seele Deiner Kindheit

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Freizeitparks gibt es wie Sand am Meer, aber dieser ist wirklich etwas Besonderes. Denn: Im Elsass schlug vor über 500 Jahren ein Meteorit ein, der in Fachkreisen als Météorit Ensisheim bekannt wurde. Historisch hat das große Bedeutung, denn dies war das erste Mal in der Geschichte des Abendlandes, dass ein Objekt, das vom Himmel fiel, beschrieben und analysiert wurde. Frühere Einschläge wird es sicher in Europa gegeben haben, nur sind sie seinerzeit nicht dokumentiert worden. Man kann ihn im Rathaus von Ensisheim sehen. Unweit davon hat man vor fünf Jahren einen Freizeitpark der etwas anderen Art aufgebaut, den Parc du Petit Prince.

Eigentlich gab es davor schon einmal einen Park, das anspruchsvolle Le Bioscope, das der neue Eigentümer Grévin & Cie (heute Teil der Compagnie des Alpes) am 1. Juni 2006 für berichtete 61 Mio Euro gebaut hatte. Dies war der erste Umwelt- und Gesundheitspark Frankreichs auf 12,5 Hektar. Wie in so vielen Gegenden, wollte man hier etwas ökologisch hoch Relevantes schaffen, etwas sehr Lehrreiches. Leider aber war der von den Architekten Frederic Jung und Ursula Kunz schön gestaltete Park kein Erfolg. Wahrscheinlich hatte man die allgemeine Akzeptanz für ökologische Themen überschätzt, vielleicht war der Park auch überfrachtet mit Lehren und Lernen, vielleicht war die Mischung der Themen nicht geglückt (Umweltverschmutzung, extreme Klimaverhältnisse, Ökosystem, aber auch Pflegen und Heilen), vielleicht hatte man die Zugkraft über die Landesgrenze hinaus überschätzt. Ziemlich sicher waren es jedoch die fehlenden typischen Erlebnisse, die man nun mal sucht, wenn man in einen Themenpark geht. 2012 stellte Grévin et Cie. daher den Betrieb ein. Seitdem versuchte man, für die Anlage eine andere und möglichst sinnvolle Verwendung zu finden. Ein Glücksfall war die schließliche Übernahme des Parks durch die erfolgreiche französische Ballonfirma Aerophile SAS – die 11 Mio. Euro in den Park investierte.

Für die thematische Neuausrichtung entschied man sich für das Leben und Werk des Fliegerdichters Antoine de Saint-Exupéry (eigentlich: Antoine Marie Jean-Baptiste Roger Vicomte de Saint-Exupéry). Mehr als nur eine nationale Berühmtheit, schließlich sind seine Bücher weltweit bekannt geworden. Vor allem natürlich die Geschichte vom Kleinen Prinzen, die in viele Sprachen übersetzt worden ist und zur Standardlektüre an Schulen, aber auch an Universitäten zählt, nicht zuletzt wegen ihrer philosophischen Botschaften. (Einige Bemerkungen sind längst in die Allgemeinbildung eingegangen, wie das unendlich oft zitierte “Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!”)

Dieses 1943 erschienene Buch machte den Verfasser mit einem Schlag berühmt; dazu trug auch sein tragischer, geheimnisumwitterter Tod bei: Saint-Exupéry stand im Dienste der französischen Luftwaffe und war über viele Meere und in viele Kontinente geflogen, bei einem Routineflug stürzte er 1944 bei der Île de Riou nahe Marseille ab.

Die Ausstellung St.-Exupéry, Leben und Werk  – © Michel Caumes

Dichter, Abenteuer, Flieger, Philosoph – der Stoff, aus dem Helden gemacht werden. Und eine Geschichte, aus der man einen interessanten Themenpark machen kann. Am 1. Juli 2014 also öffnete der Ungersheimer Park mit einer völlig neuen Thematik – alles dreht sich hier um Saint-Exupérys Kleinen Prinz mit einer deutlichen ZielgruppenausrichtungFamilien mit Kindern zwischen 3 und 12 JahrenAlleinbesucher haben wenig von einem Besuch, in der Familie macht es am meisten Spaß, ein paar Stunden in diesem ungewöhnlichen Themenpark zu erleben. 

Dieser Park wendet sich an alle Menschen, die ein Faible für den Literaten Saint-Exupéry haben, dessen Lebensgeschichte hier unterhaltsam ausgebreitet wird. Oder die einfach die Prinzengeschichte mögen, und das dürften eine ziemliche Menge sein, denn von der gedruckten Version des Petit Prince sollen sich auch heute noch auf der ganzen Welt an die zwei Millionen Stück verkaufen. (Eine Auswahl der übersetzten Fassungen kann man natürlich im Park ausgestellt sehen.) Geschätzte 140 Millionen Exemplare sollen verkauft worden sein, die in beeindruckenden 270 Übersetzungen – Sprachen und viele Dialekte – erschienen sind. 

Eine Auswahl der Übersetzungen vom Kleinen Prinz – © Michel Caumes

Und gerade in den letzten Jahren gab es wieder neue Fernsehserien (2011 eine 78-teilige Animationsserie) und Filme (2015, The Little Prince), was die ungebrochene Aktualität des philosophischen Kinderromans belegt. Dem kommt auch zugute, dass die Autorenrechte 70 Jahre nach dem Tod des Verfassers nun frei sind und das Werk beliebig nachgedruckt werden kann.

Der neuartige Park, der von den Betreibern auch gerne als erster ‚parc aérien au monde’, also als Luftpark weltweit bezeichnet wird – was etwas missverständlich ist, schliesslich handelt es sich um das Thema Fliegen –, und Berichten nach rd. 50 Millionen Euro gekostet hatte, wurde 2014 von den Medien sehr wohlwollend aufgenommen. Dafür sorgte die besondere Mischung von Tieren, Kinos, Labyrinthen, Ballons u.v.a.m. auf 24 Hektar. 

Ikonische Figur am Eingang des Parks: Der kleine Prinz auf seinem Meteorit B612 © Michel Caumes
© Michel Caumes

Zu den ersten Attraktionen gehörten vor allem Dinge für Kinder ( – mit mehr oder weniger deutlichen Bezug zur Prinzen-geschichte): Klassische Kinderrides, wie das Aérousel (Karoussel mit kleinen Flugzeugen und Ballons),  Jahrmarkt-Attraktionen, wie ein Kettenkarussel oder Wellenflieger (Les chaises volantes), oder der kleine Bummelzug Le petit train. Spielplätze und –geräte, wie z.B. La grande balançoire (Die grosse Schaukel), die Kinder Zipline La tyrolienne, eine Schaf-Federwippe. Nicht zu vergessen ein schöner Spieleturm mit Hängebrücke – die Citadelle; und ein Indoor-Trampolin-Park, ein Labyrinthe de fontaine (Das Labyrinth des Brunnens), L’avion, ein begehbares altes Doppeldeckerflugzeug, und Wasserspielplätze und vieles mehr.

Der Wellenflieger
Spielplatz Citadelle
Eine echte Antiquität: Avion, die alte Antonov-2
Innen im Avion – © Michel Caumes
Kreatives Malen

Kinder können baden, hüpfen und tanzen, oder auch malen – wie z.B. bei Dessine-moi un mouton (Zeichne mir ein Schaf).

Es gibt audiovisuelle Highlights, wie 3-D, 4-D-Filme und interaktive Attraktionen wie Le Planète Sous-Marine-4D (Der Unterwasserplanet) und der Courier Sud (Südkurier), und stroboskopische Effekte im Vol de Nuit (Nachtflug).

Schwindelerregend.. der Nachtflug – © Michel Caumes

Und selbstverständlich kann man im Grand Cinéma die dreidimensionalen Abenteuer des kleinen Prinzen verfolgen.

Warteschlange beim Prinzenkino
Innen im grossen Kino (Le Grand Cinéma)

Aber die Höhepunkte waren und sind die Produkte von Aerophile. Zwei grosse beeindruckende feststehende Fesselballons, sie gelten als besonders robust und technisch ausgereift und so sicher und schwankungsarm, dass auch kleine und ängstliche Kinder ohne Probleme mitfahren können: Le Ballon du Roi (Der Ballon des Königs) und Le Ballon d’Allumeur de Réverbère (Der Ballon des Lichtanzünders). Die Aussicht ist aus 135 bzw. sogar 150 Metern definitiv prächtig. Falls das Wetter günstig ist, das heißt, der Wind nicht zu stark ist, steigt man so langsam nach oben, dass auch die Kleineren keine Angst zu haben brauchen. Und wenn der Wind zu stark ist, muss man sich eben gedulden. Dann geht Sicherheit vor Fun. 

Die Ballons
© Michel Caumes

Und das gibt es noch: ein luftiges Restaurant (für das es sich empfiehlt, besser nicht unter Höhenangst zu leiden) gibt es – die L’Aérobar du Buveur (Luftbar des Trinkers): man sitzt an einer großen runden Tafel, baumelt mit den Füßen in der Luft, während man von einer Plattform langsam in 35 m Höhe befördert wird. Allgemein loben die Besucher die hervorragende Aussicht von oben, auf die Berge der Vogesen, den Schwarzwald, die Städte Mülhausen und Colmar, während man einen Aperitif oder ein Glas Sekt geniesst. Dieses fliegende Foodtainment kommt gut an.

Die Aerobar – © Michel Caumes
Die Aerobar, Instruktionen vor dem Aufstieg – © Michel Caumes

Fünf Jahre später können die Betreiber durchaus zufrieden sein: Im ersten halben Jahr kamen 90.000 Gäste, 2015 waren es 120.000, 2016 150.000, 2017 200.000, also 35% Steigerung (– übrigens konnte man am 31.10.2017 mit 5.877 Gästen einen Tagesrekord verzeichnen). 2018 gab es auch wieder 200.000 Besucher (genau: 197.834). Fast jedes Jahr also ein neuer Rekord, das macht optimistisch für die Zukunft. 

Alle Erfahrungen international zeigen, dass die Gäste etwas Neues erwarten, wenn sie motiviert werden sollen, einen Park ein zweites Mal zu besuchen. Es braucht nunmal jedes Jahr neue Attraktionen. Das schaffte man auch im kleinen Prinzenpark, obwohl das Budget nicht besonders groß ist. Das ‚Erlebnispotenzial’, wenn man so sagen will, also wurde Jahr für Jahr vergrößert: 

Seit 2017 können sich die Besucher über die erste Achterbahn freuen, den gelben Family Coaster Le Serpent (die Schlange, die ja ein klassisches Motiv aus der Buchvorlage thematisiert). Er erreicht max. 39 km/h, fährt auf einer Länge von 222 m und einer Höhe von max. 9 m. Kinder müssen 100 cm groß sein, um mitfahren zu dürfen. Die Kapazität soll 400 Personen/ Stunde betragen.

Eingang zur neuen Attraktion Die Schlange
Spaß und Geschwindigkeit mit der Schlange
In und mit der Schlange

Zum anderen gibt es seit dem 25. Mai auch die erste Wildwasserbahn im Park: Atlantique Sud (Südatlantik). 

Das Interessante an diesem Flume Ride ist die Thematisierung. Sie bezieht sich nämlich auf einen guten Freund Exupérys, den wagemutigen Flieger Jean Mermoz (1901-1936), der für den französischen Luftpostdienst Aéropostale arbeitete und als erster die Verbindung Casablanca–Dakar flog. Er war auch der erste, der über den südlichen Atlantik Post von Toulouse nach Buenos Aires brachte. Wie den Schöpfer der Kleinen Prinzen ereilte auch Mermoz das Schicksal des plötzlichen Absturz im Nirgendwo des Ozeans. Und wie jener sind heute in Frankreich Schulen und Straßen nach ihm benannt. 

Abfahrt und Schussfahrt der Wildwasserbahn Atlantique Sud
Die Streckenführung des Wildwasserrides; zum Schluss fährt man gemütlich um die Antonov-2 herum

In dieser Attraktion stimmt schon der ganz nach der ehemaligen französischen Luftpostgesellschaft thematisierte Wartebereich mit dem Einstieg in die Boote, die aber hier anstelle der üblichen Baumstämme einem Flugzeugrumpf nachempfunden sind. Maximal fünf Personen pro Boot können in einem Kanal bis auf etwa zehn Meter Höhe fahren, den Ausblick auf den Park für ein, zwei Minuten genießen, bevor es mit der Schussfahrt ins kühle Nass geht; anschließend treibt man gemächlich über das Wasser des Kanals, und hat einen Blick auf einen ausrangierten Antonov-2 Doppeldecker der späten 1930er Jahre. Der Flume Ride hat eine Länge von 230 m und eine Höhe von 10 m; 8 Flugzeug-Baumstämme bieten 5 Menschen Platz; die Kapazität beträgt 650 Personen pro Stunde; mitfahren kann jeder über 95 cm Grösse.

Seit 2018 begeistert das Weltraum-Abenteuer Dans les yeux de Thomas Pesquet (Mit den Augen von Thomas Pesquet): Viele Kinder, die das Buch vom Prinzen gelesen haben, fragen danach, wie das nun wirklich so ist mit einer Reise durch den Weltraum. Da trifft es sich gut, dass ein französischer Raumfahrer oben gewesen ist, übrigens der jüngste Astronaut bisher. Ein beeindruckender Film im IMAX-Laser-4K-Format im Grand Cinéma zeigt die außergewöhnliche Mission des Astronauten an Bord der Internationalen Raumstation. Die Zuschauer entdecken so die Erde aus einer Höhe von 400.000 Meter.

Der Kleine Prinz mit dem Astronauten im Weltraum

Auch im Prinzenpark hat man den Trend zu Virtual-Reality-Erlebnissen aufgegriffen. Das VR-Abenteuer Der virtuelle Flug schickt Klein und Groß auf einen abenteuerlichen Ballonflug mit dem Kleinen Prinzen. Der etwa fünfminütige VR-Film (kostet nichts extra) zeigt den Schwarzwald, das Elsass sowie die deutsch-schweizerische Grenzregion aus der Vogelperspektive. Die Zuschauer bekommen dank der 360 Grad-Aufnahmen den Eindruck, tatsächlich wie in einem Ballonkorb durch die Lüfte zu schweben.

In der Animations-Neuheit Le Petit Prince VR reisen die Zuschauer an der Seite des Kleinen Prinzen und des Fuchses von einem Planeten zum Nächsten. Diese Filme werden dann angeboten, wenn die Ballons wegen schlechter Wetterbedingungen nicht fliegen können.

Service:


Fotos: Park / Operaprince / © Michel Caumes / Dr. Jürgen Kagelmann / Götz A. Primke

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