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Bratwurst-Röslein: Nürnberger Traditionslokal in China kopiert – Hot Dog chinese style?

Bratwurst Roeslein Kopie China EingangSex auf Kraut? Drei im Weggla? Ob Nürnberger Rostbratwürste oder Schäufele: Fränkische Spezialitäten sind weltweit bekannt. Wer schon mal in Nürnberg war, der geht zum Essen bestimmt auch in eine der Traditionsgaststätten. Die besten – und meiner Meinung nach empfehlenswertesten – sind das Bratwurst Häusle und – in Steinwurfweite gegenüber – das Bratwurst-Röslein. Doch – unfreiwillig – expandierte das Bratwurst-Röslein nach China: In Changchun steht eine Kopie. Natürlich nicht genehmigt. Warum auch? Urheberrechte kennen die Chinesen offensichtlich nicht.

Was bei BMW und Mercedes, Apple Stores und IKEA, ICE und Schuhen und anderen weltweit bekannten Marken und Produkten längst Usus ist, greift auch auf lokal bekannte Traditionsgaststätten über. In China wird alles kopiert, was irgendwo einen guten Ruf hat. Die Kreativität der Chinesen scheint sich darauf zu beschränken, gute Konzepte aus aller Welt zu kopieren, zu klauen und im eigenen Land umzusetzen. Der Weltkulturerbe-Ort Hallstatt im Salzkammergut wurde inklusive See in der Provinz Guangdong eins zu eins nachgebaut. Schon mindestens seit 2008 existiert das Nürnberger Bratwurst-Röslein bereits in Changchun im Nordosten Chinas.

Bratwurst Roeslein Gregor LemkeGregor Lemke, der Wirt des Nürnberger Originals, fand den Bratwurst-Plagiator zufällig: er suchte im Internet nach Seiten, die sein Lokal erwähnten. Auf den privaten Seiten der Familie Joe und Claudia Oswald aus Linden bei Schrobenhausen, die für Audi in Changchun arbeitet, wurde er fündig: Hier zeigte die Familie, dass sie in der Stadt sogar bayerisch (nein: fränkisch!) essen könnten, eben im Bratwurst-Röslein. Ausserdem zeigt das Blog von „Ingrid und Jochen on Tour“ hier Fotos aus der chinesischen Kopie. Das Paar aus Gundelsheim bei Heilbronn ist offensichtlich gern weltweit auf Reisen.

Bratwurst Roeslein Kopie China SchweinshaxnDen Fotos zufolge, die die Familie Oswald dem Wirt Gregor Lemke zur Verfügung stellte, gibt es die Klassiker der fränkischen und bayerischen Küche in China: von Cordon Bleu über Brez’n bis hin zur Schweinshaxn. Aus dem Zapfhahn fliesst Pyraser Bier aus dem fränkischen Ort Thalmässing, während im Nürnberger Original Tucher ausgeschenkt wird. Doch gibt es in China eigentlich auch Rostbratwürste? Auch Gregor Lemke konnte mir diese Frage nicht beantworten. Nirgendwo finde ich bisher eine Aussage zu der Nürnberger Spezialität, um die es sich hier dreht. Auch die Fotos zeigen keine Rostbratwürste. Gregor Lemke sagte mir dazu: „Selbst wenn sie in China Bratwürste haben, so frage ich mich, was da drin ist.“ Und weiter spekuliert er: „So bekommt der Ausdruck ‚Hot Dog‘ eine ganz neue Bedeutung!“ Nun denn, Guten Appetit!

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Gregor Lemke erklärte mir weiter: „Es ist ein Lob für uns, wenn wir kopiert werden.“ Er will gegen das Plagiat nicht weiter gerichtlich vorgehen. Im Gegenteil, er ist stolz darauf, jetzt mit Mercedes, BMW und dem ICE in einer Reihe genannt zu werden. Außerdem ist er Nürnberger Stadtgespräch, eine gute PR-Aktion.

Bratwurst Roeslein Kopie China GeschichteWie ist diese Plagiatsaffäre juristisch zu bewerten? Das Nürnberger Haus, in dem das Bratwurst-Röslein ist, gehört einem Hauseigentümer, der die Gaststätte an die Tucher Brauerei verpachtet hat. Diese hat an Gregor Lemke weiterverpachtet. Gregor Lemke selbst hat bei der Übernahme des Wirtshauses die Marke, das Logo entwerfen lassen und hält hieran die Rechte. Genau diese Feinheiten wurden in China mitkopiert. Will Gregor Lemke jetzt Lizenzbebühren einklagen? „Nein“, antwortet er, „das hat doch in China keinen Sinn.“ Lieber will er sich mit den chinesischen Raubkopierern mal persönlich treffen. Eine Einladung nach China inkl. Flug wäre da wohl der mindeste Trostpreis. Denn letztlich hat er zwar die Markenrechte in Deutschland. Aber an internationale Patente und Markenschutz hat er damals nicht gedacht. Warum auch? Schließlich sind die Kosten dafür sehr hoch, nur für internationale Konzerne sinnvoll.

Bratwurst Roeslein Kopie China Lokal Pyraser Landbrauerei Thalmaessing

Raubkopie vom Ex-Nachbarn
Doch den aktuellen Berichterstattungen der Abendzeitung Nürnberg zufolge ist die Entstehung durchaus etwas haarig: Die chinesische Familie Li war seit über 20 Jahren in Nürnberg ansässig und betrieb in den letzten Jahren den China-Ladens gegenüber vom Bratwurst Röslein. Jetzt sind sie in die Heimat zurückgekehrt und haben das Bratwurst Röslein dorthin kopiert.

Bratwurst Roeslein Kopie China Biermarke Pyraser Landbrauerei ThalmaessingGerhard Stengel, Verkaufsleiter der Pyraser Landbrauerei in Thalmässing erklärt mir: „Es wird in Chanchun Original Pyraser Bier ausgeschenkt im 5-Liter Fass und in Flaschen. Die Familie Li exportiert dies direkt nach China und vertreibt es zusätzlich an weitere Gastronomiepartner. Aus persönlichen Gesprächen mit den überwiegend europäischen Besuchern im Lokal (für den normalen Chinesen ist es zu teuer) weiß ich, dass dort die Gäste sich sehr wohl fühlen und unser Bier sehr schätzen.“ Weiter antwortet mir Herr Stengel: „Es wird dort ein Stück Heimat gelebt, z.B. auch ‚Schafkopf‘ gespielt und die bayerische und fränkische Küche gelobt. Es gibt ja durch die ‚Autokompetenz in Chanchun dort viele Bayern'“.
So ist zumindest das Bier weder ein Plagiat noch geklaut.

Was denkt Ihr darüber? Müssen sich Inhaber bekannter Wirtshäuser jetzt international absichern und die Markenrechte weltweit beanspruchen? Oder ist das doch übertrieben? Welche Gaststätte oder Marke wird als nächstes in China kopiert?

Die Artikel aus der Nürnberger Abendzeitung sind im pdf-Format im Blog der Familie Oswald hier abgelegt.

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Götz A. Primke

Herausgeber, Chefredakteur, Reisejournalist, Reiseblogger, Foodjournalist, Foodblogger bei Le Gourmand - Das Geniesser-Magazin
Restaurantfachmann, Dipl.-Betriebswirt (FH) und Journalist - und immer schon Geniesser. Feinschmeckender Vielfrass, viel essender Feinschmecker. Immer auf der Suche nach Genuss und Genüssen, Destinationen, Kulturen, Charakteren und Geschichten. Reisejournalist, Reiseblogger, Foodjournalist, Foodblogger.

Götz A. Primke did a complete hotel business apprenticeship in a 5 star hotel in Berlin and completed his university years at the university of applied sciences in Munich with a degree as Diplom-Betriebswirt in tourism economics. Following some years as editor in a german renowned hotel business magazine he started to work as freelance journalist, travel journalist, travel blogger, food journalist and food blogger. His articles are published in german newspapers, magazines, web-sites and on his own platform Le Gourmand http://www.legourmand.de/ . He writes about travel, destinations, hotels, restaurants, food & beverages, cooking, gourmandise cuisine and everything that tastes good.
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