Kloster Neustift: Wo Wohlstand und Wein zu Weltruhm führen

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Ein Kloster wie eine Burg. Wehrmauern gegen die Türken. Und schönste Weinreben drumherum. Dieses alte Kloster hat eine belebte, sehr wechselhafte Geschichte hinter sich. Und es wurde durch Schenkungen, Besitztümer und glückliche Fügungen sehr reich. Das Kloster Neustift in Südtirol wird heute allerdings weltweit für seine edlen Weine geschätzt. Die Lage war vor bald 900 Jahren, als das Kloster gebaut wurde, absolut strategisch. Auch heute noch liegt es optimal: Am Eingang zum Pustertal und am Nordende des Brixener Talkessels.

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Auf unserer Rückfahrt in die Heimat sahen wir die roten Bremslichter der Autos auf der Autobahn. Bereits auf der Bundesstrasse aus dem Pustertal heraus zur Autobahn stockte der Verkehr. No way, das machen wir nicht mit. Ein wunderschönes Herbstwochenende neigte sich dem Ende zu. Wir kamen aus der Almenregion Gitschberg Jochtal, verbrachten wunderschöne Tage im Hotel Bacherhof in Meransen. Doch jetzt wollten wir vieles, nur mit Sicherheit nicht im Stau stecken und langsam über den Brenner schleichen. Unser Blick fällt zufällig auf das Hinweisschild nach Kloster Neustift. Hey, denke ich mir, davon habe ich schon mehrfach gehört. Ein sehr bekanntes Weingut. Angeblich ein schönes Kloster. Also, Blinker rechts, runter von der Bundesstrasse, Kultur tanken.

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Werfen wir einen Blick rein ins Kloster Neustift. Als das Kloster 3 km nördlich von Brixen erbaut wurde, war dies ein damals noch unsicherer und rauer Ort, „in wilder Einsamkeit“ gelegen, wo die „Unwirtlichkeit des sich beliebig sein Bett schaffenden Eisackflusses alles andere als einladend schien“, so verrät uns die Webseite des Klosters. Hier war und ist nach wie vor der Schnittpunkt der wichtigen Nord-Süd-Verbindung über die Alpen und der Ost-West-Verkehrswege aus dem Pustertal. Letztere hat allerdings die strategische Wichtigkeit von ehedem eingebüsst.

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Besonders beeindruckend und ziemlich untypisch für ein Kloster sind die starken, wehrhaften Trutzmauern. Ist dies ein Kloster oder eine Burg? Aber Burgen gibt es doch in ganz Südtirol zu Hauf, warum also auch dies Kloster?

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Die Antwort finden wir, als wir vor einer Mauer stehen, die sich „Türkenmauer“ nennt. Klar, die Angst vor den Türken. Vor mehreren Jahrhunderten kamen diese schliesslich nicht zum friedfertigen Arbeiten und Geld verdienen hierher, sondern vielmehr zum brandschatzen und maroden. Wikipedia verrät uns noch ein paar Details: „Mit die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 entstand auch in Neustift eine gewisse Angst. Als die Türken 1474 vor Klagenfurt standen und 1476 erneut in Kärnten einfielen, wurde die Angst sehr groß. Der Bericht des Stiftschronisten schreibt über die Türken: …und nicht nur, dass sie alles Erreichbare verwüsteten und mit sich führten, sie verschleppten auch viele Christenmenschen aus diesen Ländern in die Sklaverei. Sie waren schon so nahe, dass die nächste Umgebung ihnen offenstand und auch unser Kloster bereits in höchster Gefahr war. Da trachtete unser fürsorglicher Propst nur mehr danach, ihrem plötzlichen Einfall ein Bollwerk entgegenzusetzten, um ihnen unsere Leute und deren Gut wenigstens nicht gleich überlassen zu müssen.“ Baumaterial für die Türkenmauer war genug vorhanden, denn man war gerade mit dem gotischen Kirchenbau beschäftigt, den man abbrechen musste.“

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Eine gotische Kirche also wurde geopfert, um das Kloster wehrhaft aufzurüsten. Nun denn, dafür ist die Kirche dann im Barock eingerichtet worden. Geld war schliesslich von Anfang an für das Kloster selten ein Problem. Schon zur Gründung hat der damalige Burggraf, dem der Bauplatz gehörte, dem Stift viele seiner Dörfer und Ländereien geschenkt. In der Folge der Jahrhunderte mehrte das Stift seinen Besitz beträchtlich. Ein Silberbergwerk gehörte nebenbei auch dazu. Arm waren diese Mönche also absolut nicht.

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Lediglich Napoleon wagte es, dem Erfolg der Klostermönche Einhalt zu gebieten. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts kam wieder Leben in das den Angaben nach vergammelte Kloster. Doch die einstigen Besitztümer an Ländereien waren wohl größtenteils verloren. Doch endgültig setzten dann der Erste und der Zweite Weltkrieg sowie die Zwischenkriegszeit unter den Nazis dem Kloster zu. Dennoch die architektonische Schönheit war schon längst erschaffen, an der wir uns heute noch ergötzen können.

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Doch die Zeit vergeht, die Mönche fanden für ihr Kloster neue Betätigungsfelder. Heute sind hier ein Schülerheim und eine Privatschule, eine Kellerei und ein Bildungshaus mit den Bereichen Umweltzentrum, Bibelzentrum, Tourismuszentrum sowie Computerzentrum.

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Zum Abspannen können die Schüler dabei dann beispielsweise in den Kräutergarten gehen.

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Der heutige Ruhm des Klosters gründet allerdings auf dem Wein. Rund um das Kloster wächst er. Von hier kommt natürlich Weißwein, für rote Spitzenqualitäten ist es rund um Brixen dann doch etwas zu kühl.

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Zum Zeitpunkt unseres Besuches, Anfang November 2013, sind bereits fast alle Reben abgeerntet. Doch nicht alle: ein paar Trauben hängen noch und harren der Kelter. Ich klaue mir eine Traube: zuckersüß, fruchtig, lecker – ja, einfach himmlisch! Ihr Chorherren, ich hoffe, die TBA bzw. der Eiswein Jahrgang 2013 wird ein guter! Und dann hätte ich gern eine Flasche davon… 🙂

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Laut Webseite bietet das Kloster Neustift folgende Weißweine an: Müller Thurgau, Sylvaner, Kerner, Pinot Grigio, Grüner Veltliner, Sauvignon Blanc und Gewürztraminer. Leider sind meine eigenen oenologischen Kenntnisse nicht vertieft genug, dass ich Euch jetzt sagen kann, welcher Wein hier wo wächst. Ich kann die Blätter der Weinreben und auch die Farbe der Trauben im jeweiligen Reifezustand nicht wirklich erkennen. Hier möge mir bitte ein Sommelier oder Önologe aushelfen und verraten, was für edelste Trauben hier noch hängen. Es sind jedenfalls bacchantische Genüsse in ihnen verborgen.

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Rund um das Kloster: Wein, wohin wir auch blickten. Doch nun hiess es Abschied nehmen, wir hatten ja noch eine kleine Heimfahrt vor uns. Die Stärkung im Wirtshaus gegenüber vom Kloster war herzhaft, ordentlich, doch sonst nicht weiter erwähnenswert. Dieses Haus, das einmal ein Hospiz des Klosters gewesen sein muss, profitiert mit Sicherheit von den Touristenscharen, die im Sommer hier per Reisebus einfallen. Demnach besteht auch geschätzt so seit den 70ern keinerlei Modernisierungsgrund. Nunja.

Mehr Infos gibt’s direkt beim Kloster Neustift.

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Götz A. Primke

Herausgeber, Chefredakteur, Reisejournalist, Reiseblogger, Foodjournalist, Foodblogger bei Le Gourmand - Das Geniesser-Magazin
Restaurantfachmann, Dipl.-Betriebswirt (FH) und Journalist - und immer schon Geniesser. Feinschmeckender Vielfrass, viel essender Feinschmecker. Immer auf der Suche nach Genuss und Genüssen, Destinationen, Kulturen, Charakteren und Geschichten. Reisejournalist, Reiseblogger, Foodjournalist, Foodblogger.

Götz A. Primke did a complete hotel business apprenticeship in a 5 star hotel in Berlin and completed his university years at the university of applied sciences in Munich with a degree as Diplom-Betriebswirt in tourism economics. Following some years as editor in a german renowned hotel business magazine he started to work as freelance journalist, travel journalist, travel blogger, food journalist and food blogger. His articles are published in german newspapers, magazines, web-sites and on his own platform Le Gourmand http://www.legourmand.de/ . He writes about travel, destinations, hotels, restaurants, food & beverages, cooking, gourmandise cuisine and everything that tastes good.
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