Das Geheimnis der vergessenen Felskathedrale von Roda de Isábena

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Die kleinste Kathedrale Spaniens kennen die wenigsten. Kaum eine Menschenseele verirrt sich in dieses Dorf. Roda de Isábena liegt hoch oben auf einem Fels. Die Worte malerisch und traumhaft beschreiben kaum die kitschig-schöne Lage. Und doch wirkt dieser ehemalige Bischofssitz nahezu trostlos und trutzig. Doch was ist passiert?

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Die meisten Dörfer in der Provinz Huesca in Aragonien im Norden Spaniens sind wie Benasque und Cerler alle gleichermaßen typisch für die Pyrenäen mit engen Gassen und alten schönen Naturstein-Gebäuden. Doch nur die wenigsten liegen trutzig wie eine Festung, dennoch anmutig auf Felsvorsprüngen und sind schon von weitem zu sehen. Dazu gehört Roda de Isábena.

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Das romanische Dorf Roda de Isábena thront hoch oben auf einer solchen Erhebung über dem Fluss Isábena.

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Roda de Isábena ist der kleinste Ort Spaniens, der über eine eigene Kathedrale verfügt – und die ist von bemerkenswerten Ausmaßen und mit Fresken reich verziert.

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Benasque 08 Roda de Isabena Dez 2011 _023Es ist die dreischiffige Kathedrale San Vicente. Sie datiert aus dem 11. Jahrhundert mit einem Portal aus dem 13. Jahrhundert, der Frührenaissance, und einem im 18. Jahrhundert umgebauten Turm. Er wurde Ende des 18. Jahrhunderts auf Grundmauern aus dem frühen 11. Jahrhundert errichtet, die auf lombardische Baumeister zurückgeführt werden. Der Unterbau des Turmes besteht aus Quadersteinen, der Aufbau aus Backstein. Beide Teile werden durch ein breites Gesims voneinander abgegrenzt. Die Eckpilaster sind mit Volutenkapitellen versehen. Das Untergeschoss gliedern rundbogige Nischenfelder, das Obergeschoss ist auf allen acht Seiten von rundbogigen Klangarkaden durchbrochen.

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Das Kirchenportal ist im maurischen Mudejar-Stil gehalten.

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Die Renaissance-Vorhalle öffnet sich zu einem erhöhten Platz, der laut Wikipedia von „noblen Gebäuden“ umstanden ist.

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Absiden und eine Hallenkrypta mit gurtlosen Gratgewölben sind die ältesten Teile, an die Nordwand der Kathedrale lehnt sich der romanische Kreuzgang (nach 1150) mit dem Kapitelsaal an. An diesen schließt das Kathedralmuseum an.

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Die Krypta, in der sich das Grab des Hl. Raimund von Roda (Ramón de Roda) befindet und die einst vollständig ausgemalt war, besitzt noch eine Darstellung der Taufe Christi aus der Zeit um 1120. In dem Ort, der noch teilweise von einer Mauer umgeben ist, steht auch der Bischofspalast.

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Benasque_08_Roda_de_Isabena_Dez2011_033Im Inneren fällt das Chorgestühl aus Walnussholz auf, die barocke Orgel von 1653 mit 1700 Pfeifen, von denen einige – sehr selten – herausstehen und Trompeten genannt werden. Einzigartig in Spanien ist die aus dem 14. Jahrhundert stammende Krypta im lombardisch-romanischen Stil, also italienisch. Das Dorf hat nur 20 hier gebürtige Einwohner und 15 Zugereiste, aber zwei Kneipen. Wenn der Bischof predigt, finden sich immerhin 15 bis 18 Menschen in der Kathedrale ein. Das historische Refektorium der Kirche wird mittlerweile als Restaurant genutzt. Über die Qualität dieser Küche können wir Euch leider nichts berichten, da wir unseren Mittagshalt an anderer Stelle eingeplant hatten.

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Roda de Isábena war seit 956 das Zentrum der Grafschaft Ribagorza. In demselben Jahr wurde die erste Kirche geweiht. Der Ort wurde schon früh Bischofssitz und blieb dies bis zum Jahr 1149, als Lleida (Lérida) zurückerobert wurde. Roda stand in der Front gegen das islamische Königreich von Lérida. Im Jahr 1006 wurde Roda von den Mauren unter ’Abd al-Malik, dem Sohn des Almansor, erobert und zerstört, aber schon 1010 zurückerobert. Unter König Sancho Ramirez von Aragonien wurde 1067 eine neue romanische Kirche geweiht, die um 1125 fertiggestellt war.

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Im Spanischen Erbfolgekrieg, im Unabhängigkeitskrieg und in den Karlistenkriegen verschlechterte sich die Situation des Orts. 1843 betraf die Desamortisation auch die Kathedrale. Sie wurde in eine Pfarrkirche umgewandelt. Im Jahr 1964 wurden die früheren Gemeinden Puebla de Roda und Roda de Isábena zur Gemeinde Isábena vereinigt, der sich 1966, 1970 und 1977 noch andere Orte anschlossen. Und so geriet der Ort und seine Kathedrale auf dem Felsen mehr und mehr in Vergessenheit.

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Der Friedhof hat eine göttlich-schöne Aussicht. Die Toten liegen mit Blick auf die Pyrenäen. Es gibt selten eine schönere Stelle für solch einen traurigen Ort der Stille.

Übrigens gibt es in dieser Gegend Spaniens einen sehr eigenartigen Brauch: Zu Weihnachten bekommt jede Krippe eine Figur, die auf Deutsch übersetzt „Scheisserchen“ heisst. Dieser „Caganer“ ist in der Adventszeit am besten in dem von Roda de Isábena nicht weit entfernten Hotel-Restaurant Casa Peix zu bewundern.

Auf der Hin- und Rückfahrt empfehlen wir übrigens einen Zwischenhalt bei Chocolates Brescó.

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Disclosure:
Wir waren zusammen mit Maik Brandenburg und Elke Backert auf Einladung der Gemeinde Benasque, Huesca, Aragon, vor Ort.
Auch der liebe, hochgeschätzte und leider viel zu früh von uns gegangene Jo Igele hat über Weihnachtsbräuche in Spanien geschrieben.

Le Gourmand – Das Geniesser-Magazin in Benasque, Aragon, Spanien:

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Götz A. Primke

Herausgeber, Chefredakteur, Reisejournalist, Reiseblogger, Foodjournalist, Foodblogger bei Le Gourmand - Das Geniesser-Magazin
Restaurantfachmann, Dipl.-Betriebswirt (FH) und Journalist - und immer schon Geniesser. Feinschmeckender Vielfrass, viel essender Feinschmecker. Immer auf der Suche nach Genuss und Genüssen, Destinationen, Kulturen, Charakteren und Geschichten. Reisejournalist, Reiseblogger, Foodjournalist, Foodblogger.

Götz A. Primke did a complete hotel business apprenticeship in a 5 star hotel in Berlin and completed his university years at the university of applied sciences in Munich with a degree as Diplom-Betriebswirt in tourism economics. Following some years as editor in a german renowned hotel business magazine he started to work as freelance journalist, travel journalist, travel blogger, food journalist and food blogger. His articles are published in german newspapers, magazines, web-sites and on his own platform Le Gourmand http://www.legourmand.de/ . He writes about travel, destinations, hotels, restaurants, food & beverages, cooking, gourmandise cuisine and everything that tastes good.
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