Wilhelmshaven: Eine Stadt vor dem Bankrott?

Wilhelmshaven

Schon zum zehnten Mal findet in diesem Januar das Tourismuscamp statt. In diesem Jahr erstmals in Wilhelmshaven, dem einstigen preußischen Marinehafen und der Stadt mit dem einzigen Südstrand Deutschlands. Ich habe dort selbst einige Zeit Tourismus-BWL studiert und habe 1994 einen ausführlichen Artikel über die Stadt und seine Geschichte geschrieben. Diesen möchte ich jetzt sehr gern pünktlich zum Tourismuscamp wieder aus der Mottenkiste herausholen. Zum einen, um den geneigten Leser feststellen zu lassen, ob sich seit damals bis heute, 2017, etwas verändert hat. Und das, was sich verändert hat, ob es sich zum Besseren verändert habe. Einige Namen sind mittlerweile in anderen Positionen in die Geschichte eingegangen. Dass Wilhelmshaven als preussisch-friesische Stadt mittlerweile von Ostfriesland Tourismus vermarktet wird, sollte auch unter Berücksichtigung dieser historischen Ereignisse betrachtet werden.

Pentagramme und Sonnenräder auf dem Rathaus. Urgeschichtliche Tiere und das Entstehen des Säugetieres Mensch aus dem Fisch (sic!) heraus. Mit mythischen Symbolen beschwor und feierte die Stadt Wilhelmshaven ihr 125-jähriges Bestehen. Die Inszenierung „Ein Feuernachtstraum“, die von mehreren Laserkanonen auf eine Leinwand vor dem Rathaus sowie über die Menge auf dem Rathausplatz hinweg projiziert und von einem gigantischen Feuerwerk abgeschlossen wurde, hatte eine Menge mit maritimen und geschichtlichen Themen zu tun, jedoch sehr wenig mit der Geschichte der Stadt. Dennoch: man zelebrierte den Tag der Grundsteinlegung.

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Am 17. Juni 1869 bekam das preussische Marineetablissement am Jadebusen den Namen Wilhelmshaven. König Wilhelm I. war Taufpate und Namensgeber von Hafen und werdender Stadt, die bis 1869 das war, was heutzutage der Potsdamer Platz in Berlin ist: die „größte Baustelle des Kontinents“. Mehr als andere mittelgroße Städte ist Wilhelmshaven an des Hin und Her deutscher Geschichte gekettet, war es dem Auf und Ab von Krieg und Frieden ausgeliefert. Die Beziehungen Brandenburg-Preußens zu Ostfriesland gehen zurück bis in die Zeit des Großen Kurfürsten, dessen Denkmal heute auf dem großen Knock vor Emden steht. Preußen hatte innerostfriesischen Hader geschlichtet und war u.a. auch der Befreier und Protektor Schleswig-Holsteins sowie Ausgangspunkt wichtiger Entwicklungen im Hannoverschen trotz massiver Welfen-Gegnerschaft.

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Einer der wichtigsten Beiträge jüngerer preußisch-norddeutscher Beziehungen war die Aufnahme Millionen Vertriebener aus den preußischen Ostprovinzen, die neues Landesbewußtsein und neue Strukturen geschaffen haben.

Die Gründung der Stadt Wilhelmshaven durch Preußen geht – so der Flensburger Professor Dr. Stribrny in einem Vortrag zur Geschichte der Stadt – auf das von Preußen übernommene Erbe des Paulskirchen-Parlamentes zurück. Prinz Adalbert habe dessen Flottengedanken auf den nordwestdeutschen Bund übertragen. So würde nicht nur die Gründung der deutschen Marine, sondern auch die Wilhelmshavens auf die Paulskirche zurückgehen.

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Aus einer Ansammlung von bedeutungslosen Bauernschaften und Dörfern im Herzogtum Oldenburg entwickelte sich im vorigen Jahrhundert die große Hafenstadt, die von Preußen erworben und unter unsäglichen Mühen dem Meer abgerungen, in den Marschboden gegraben, in den Schlick gerammt wurde. So ist Wilhelmshavens Gründung nicht nur Sinnbild preußisch-deutscher Flottenpolitik, sondern auch ein Beispiel kühner, menschlicher Leistung von Tausenden von Arbeitern, was man am Beispiel der Errichtung von Werft, Hafen und Stadt und insbesondere an der 1906/07 errichteten damaligen größten Drehbrücke des Kontinents, der Kaiser-Wilhelm-Brücke, erkennt.

Wer heute an Wilhelmshaven denkt, das im Volksmund auch „Schlicktown“ genannt wird – der Name leitet sich ab vom früheren „Schlicktau“ in Anlehnung an die frühere Schwesterstadt Tsingtao, der früheren deutschen Kolonie in China – ,denkt an Nordsee und Deiche, Schiffahrt und Fernweh. Kaum einem kommen die großen wirtschaftlichen Probleme der Stadt mit ihren 92.000 Einwohnern in den Sinn. Mit 7.163 Arbeitslosen im Monat Juli 1994 (Juli 1993: 6.842) oder einer Quote von 17,7 Prozent (17 Prozent) hält Wilhelmshaven das Schlußlicht der deutschen Statistik, Tendenz steigend. So ist die zivile Industrie der Stadt seit Jahren ein Sorgenkind. Die wohl größten Hoffnungen beruhten auf den Olympia Schreibmaschinenwerken, die acht Jahre nach der Währungsreform bereits zehntausend und um 1970 zwanzigtausend Angestellte hatte. Durch ein beispielloses Mißmanagement schaffte es das Unternehmen, zum Pleitebetrieb zu werden. Der seit Ende der siebziger Jahre zur Daimler-Benz-Konzern-Tochter AEG gehörende Betrieb entließ erst 1992 etwa 2.000 Beschäftigte und die letzten verbliebenen 2.129 Angestellten wurden samt dem Unternehmen Anfang Juli 1994 von AEG an die Hongkonger Elite-Gruppe des Unternehmers Yong Ling Liu zum Buchwert verkauft. Damit kam man der endgültigen Schließung zuvor, die AEG beabsichtigte, nachdem Olympia seit der Übernahme für Verluste in Höhe von etwa 2 Mrd. DM gesorgt hatte. Und die Olympia ist nicht das einzige Sorgenkind. Die von der Stadt hofierte ICI-Fabrik entläßt immer wieder ohne Vorwarnung einige ihrer Angestellten und produziert nebenbei einen Chemiemüllskandal nach dem anderen. Das Marinearsenal der Bundeswehr steht vor der Frage ausgebaut oder geschlossen zu werden. Gerüchte, die gesamte Marine solle im Zuge der Wiedervereinigung aus Wilhelmshaven abgezogen werden, erwiesen sich jedoch als bloße Spekulation, hätte dies doch zu einem Entzug des Sinnes und Nutzens und somit zu einem Grund für die Schleifung der Stadt führen können. Schließlich ist die Bundeswehr immer noch der größte Arbeitgeber der Stadt.

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Trotz aller Tiefschläge, die Stadtväter geben sich alle erdenkliche Mühe, die Stadt am Leben zu halten, wenn auch nur mit Hilfe von Tropf, Herz-Lungen-Maschine und Elektroschocks. So bemüht man sich um die EXPO am Meer im Rahmen der in Hannover stattfindenden EXPO 2000. Außerdem hält Wilhelmshaven immerhin seinen Rang als umschlagmäßig zweitgrößter Hafen Deutschlands, gleich hinter Hamburg. Damit liegt die Nordseestadt noch vor den Bremer Häfen. So lag die Umschlagmenge 1992 noch bei 31,7 Millionen Tonnen, 1993 bereits bei 32,97 Millionen Tonnen. Der einzige Tiefwasserhafen Deutschlands, der auch der größte Hafen für Rohölumschlag ist, profitiert insbesondere von der landeseigenen Niedersachsenbrücke, die 1,7 Mio t Trockenmassegüter umschlug, aber auch von der Nord-West-Oelleitung NWO und der BETA-Oil-Raffinerie.

Zukunftsmusik pfeifen die Stadtpolitiker gerne im Verbund mit dem Lande Niedersachsen, wenn sie vom Ausbau der Niedersachsenbrücke für das 190.000 tdw Schiff reden. Über die ökologischen Folgen für den Jadebusen und den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer wird in diesem Zusammenhang bisher noch wenig nachgedacht. Außerdem wird ein 12 Hektar großes Massenschüttgutlager projektiert. Visionäre Stimmung kommt auf, wenn davon geredet wird, durch Schüttsand am Jadeeingang einen neuen Hafen für einen Containerterminal und einen Mehrzweckhafen zu errichten. „Der Wilhelmshavener Hafen ist auf dem bestem Wege zu einem universellen, zukunftsorientierten Umschlagplatz für weltweiten Seeverkehr – die Signale aus der Fachwelt dazu machen Mut!“, so ein Spruch an einer Ausstellungstafel. Das die Wirtschaftskraft der Region nicht ausreicht, um diese größenwahnsinnigen und ökologisch katastrophalen Projekte zu finanzieren ist augenscheinlich. Die privaten Investoren lassen sich in Wilhelmshaven bereits jetzt nur nieder oder bleiben, wenn sie Finanzspritzen vom Land bekommen und konterkarierren dennoch immer wieder die Bemühungen – siehe oben. So bekräftigte auch Ministerpräsident Gerhard Schröder in einem Gespräch mit der Wilhelmshavener Zeitung die vergangenen und noch erfolgenden industriepolitischen, konjunkturellen und regionalen Hilfen. So sind „die Reaktivierung der BETA-Raffinerie mit Landesmitteln, das Sonderprogramm für die Arbeitsmarktregion Wilhelmshaven, das wir dem Bund abgetrotzt haben, und das neue Gewerbezentrum“ nur einige der Beispiele, wie das Land sich engagiert. Und Schröder weiter: „Hilfe hat die Region immer bekommen, und dafür hat die Landesregierung tief in die Kasse gegriffen. Wir haben es gern getan. Solidarische Unterstützung kann ich auch weiterhin versprechen.“ Dies ist die reine Schrödersche Industriepolitik: Aushebelung der Gesetzte des Marktes zu Lasten des Steuerzahlers.

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Dass der Dienstleistungssektor und hier speziell der Tourismus zu einem Rettungsanker für die Stadt werde könnte, wird verneint. Der Pressesprecher der Stadt Wilhelmshaven, Michael Konken, entgegnete in einem Gespräch mit dem Autor dieses Artikels, das dies selbst langfristig nur einige hundert Arbeitsplätze brächte, jedoch brauche man etwa 8.000 Arbeitsplätze möglichst auf einen Schlag. Wenige Kilometer von Wilhelmshaven entfernt, im angrenzenden Kreis Friesland, erblühen die Orte Hooksiel, Horumersiel und Schillig in einer Renaissance des Ostfrieslandtourismus. Wilhelmshaven, das oft wuchert mit dem „einzigen Südstrand der Nordsee“ – und somit wohl auch einzigem Südstrand Deutschlands – hat hingegen nur einige wenige nennenswerte Hotels und Restaurants zu bieten.

Und den steigenden Arbeitslosenzahlen zum Trotz meldet die Stadt, daß noch im Jahre 1994 Investitionen getätigt werden, wie nie zuvor. Hunderte von Millionen sollen es sein, die in einige Unternehmen und ein neues Nationalparkzentrum, aber auch in den Neubau des Bahnhofes fliessen. Dieses Prestigeprojekt der Stadt hat zur Folge, daß der alte Bahnhof, eines der letzten Relikte der wilhelminischen Zeit, dem Erdboden gleichgemacht wird. Aber darin ist die Stadt bereits geübt. Denn seit dem Ende des Krieges verschwanden durch sinnlosen Abriß viele Kulturgüter und Heimatwerte, die zwar ökonomisch nicht mehr rentabel waren, jedoch der Stadt ihre markanten Eckpunkte gaben. So wich die älteste Gaststätte der Stadt, die den Krieg unbeschadet überstand, einer amerikanischen Schnellrestaurantkette, so verschwanden die Tausendmann-Kaserne, der Ort des Spartakistenaufstandes vom Januar 1919 und einige der Keimzellen und Zentren deutscher Sozialdemokratie. Und diese regiert die Stadt seit Jahrzehnten nahezu ungebrochen. Erst jetzt kommt aber Wilhelmshavens Oberbürgermeister Eberhard Menzel (SPD) auf den Gedanken, daß „historische Spuren unkenntlich gemacht, Bauten abgerissen, Straßen umbenannt“ wurden. Und er erkennt, daß „man nicht in unserer Stadt Geschichtsbewußtsein fördern kann, gleichzeitig aber die Vergangenheit restlos beseitigen“ könne und er kommt zum Fazit „zuviel ist in Wilhelmshaven zerstört oder verpaßt worden“. Eine zu späte Einsicht für viele Gebäude und Stadtteile einer Stadt, die im Krieg zu etwa 90 Prozent zerstört war und die die Briten eigentlich dem Erdboden gleichmachen wollten.

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Überhaupt verbindet gerade die Engländer mit Wilhelmshaven sehr viel. Zu Beginn der Kontinentalsperre von Kaiser Napoleon gegen England blieb der Kleinstaat Kniphausen (heute am Stadtrand von Wilhelmshaven) eine Zeitlang von Handelsbeschränkungen verschont. Durch regen Handel mit Bremer, Hamburger und englischen Kaufleuten erlebte der Hafenort eine kurze Blüte. Nach Eindeichung im Jahre 1971 verlor er seine Hafenfunktion und wurde zugunsten einer Mülldeponie 1978 abgerissen. Zur Gründung der Stadt vor 125 Jahren schickte England freundschaftlich seinen schönsten Fünfmaster mit 750-Mann-Besatzung, um Wilhelm I. zu dem imponierenden Bau zu beglückwünschen. Von Wilhelmshaven aus liefen nach dem Ersten Weltkrieg die abgerüsteten Schlachtschiffe nach Scapa Flow aus.

Zumindest die imponierenden, alten Großsegler kommen noch des Öfteren in die Hafenstadt. Zu den Jubiläumsfeiern kamen die russische Kruzenshtern, die 1926 gebaute Padua, die 1921 gebaute Sedov, und die 1933 als erste gebaute Gorch Fock und heutige Towarischtsch sowie die heutige, 1958 gebaute, Gorch Fock. Auch die ukrainische Kersones und die polnische Dar Mlodziezy erwiesen der Stadt ihre Ehre.

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Pentagramme und Sonnenräder auf dem Rathaus also als mythische Beschwörung besserer Zeiten? Die Neuinszenierung von Puccinis Oper „Mimi – La Bohème“ mit den Brandenburger Symphonikern in einem Schwimmdock als kulturelles Glanzlicht oder zum Feiern in den Untergang? Wilhelmshaven – eine Stadt gezeichnet von der Geschichte. Die ersten 125 Jahre waren nicht die leichtesten. Es bleibt zu wünschen, das die kommenden Jahre aus dem Tal hinaus führen werden.


Diesen Artikel wollte ich eigentlich schon viel früher wiederbeleben. Ich wollte ihn bereits zur Blogparade Kleine Städte veröffentlichen. Er ist sozusagen als verspäteter Nachtrag zu sehen.


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Götz A. Primke

Herausgeber, Chefredakteur, Reisejournalist, Reiseblogger, Foodjournalist, Foodblogger bei Le Gourmand - Das Geniesser-Magazin
Restaurantfachmann, Dipl.-Betriebswirt (FH) und Journalist - und immer schon Geniesser. Feinschmeckender Vielfrass, viel essender Feinschmecker. Immer auf der Suche nach Genuss und Genüssen, Destinationen, Kulturen, Charakteren und Geschichten. Reisejournalist, Reiseblogger, Foodjournalist, Foodblogger.

Götz A. Primke did a complete hotel business apprenticeship in a 5 star hotel in Berlin and completed his university years at the university of applied sciences in Munich with a degree as Diplom-Betriebswirt in tourism economics. Following some years as editor in a german renowned hotel business magazine he started to work as freelance journalist, travel journalist, travel blogger, food journalist and food blogger. His articles are published in german newspapers, magazines, web-sites and on his own platform Le Gourmand http://www.legourmand.de/ . He writes about travel, destinations, hotels, restaurants, food & beverages, cooking, gourmandise cuisine and everything that tastes good.
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