Ai Wei Wei: Warum es sich lohnt, Kunst für die Freiheit zu gestalten

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In seiner Heimat ein Tabu. In Deutschland verehrt: Ai Wei Wei hat schon viele Aufs und Abs in seinem Leben erlebt. Zuletzt durfte er daheim in China kaum noch auftreten. Dafür hat er eine Professur an der Universität der Künste Berlin und stellte im vergangenen Jahr im Martin-Gropius-Bau seine interessantesten Kunstwerke aus. Ai Wei Wei ist keiner, der sich mit nur wenig Platz zufrieden gibt. Manche seiner Exponate sind schon extrem raumgreifend. Wie etwa die Hocker. Alle sind gleich. Doch jeder ist unterschiedlich. Andere Materialien, andere Verzierungen, andere Farbe und vor allem: unterschiedliche Herkunft und aus verschiedenen Jahrhunderten. Ein Sinnbild für alle Chinesen.

Im Lichthof des Gropiusbaus montierte der Künstler 6.000 einfache hölzerne Stühle, wie sie auf dem Land seit der Ming-Zeit (1368-1644), seit hunderten von Jahren also, Verwendung finden. Der Martin-Gropius-Bau zeigte die weltweit größte Einzelausstellung des chinesischen Künstlers Ai Wei Wei. Die ausgestellten Werke sind eigens für diese Ausstellung entstanden oder noch nie in Deutschland gezeigt worden. Die politische Ausstellung „Evidence“ zeigte Werke und Installationen des chinesischen Künstlers auf 3.000 qm in 18 Räumen und im Lichthof. Ai fragt mit der Kriminalvokabel nach Beweisen für die Vergehen, die man vorwirft. Und die „Indizien“, die er bei seiner „Wahrheitssuche“ vorlegt, werden zu Beweisstücken für die Vergehen des Staates an ihm – ebenso wie für die Widersprüche der chinesischen Gesellschaft.

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Ein Kunstwerk ist eine Darstellung der kleinen Inselgruppe „Diaoyu Islands“ bzw. Sekaku-Inseln in verkleinertem Maßstab. Wir sehen: eine größere und ein paar kleinere Inseln. Nichts als Berge, karstig, unwirtlich. Der Fußboden, über den der Besucher schlendert, – Achtung: Meer! – ist blau gestrichen. Doch genau um diese Inselgruppe streitet China mit Japan, droht dem Nachbarn militärisch. Worum geht es? Um die Inseln? Oder um Seemeilen? Oder doch eher um Bodenschätze, die man dem Meeresgrund entreissen möchte? Das Riesenreich macht den Japanern den Anspruch auf die vornehmlich von Ziegen bevölkerten Inseln streitig, in ihrer Umgebung werden große Öl-und Gasvorkommen vermutet. Die taz schreibt dazu, er kritisiere „den heftigen Nationalismus, der sich an dem kleinen Archipel im ostchinesischen Meer entzündet hat, einem ewigen Zankapfel zwischen China und Japan. Mit dem terrassierten Marmor, in die er die Inselgruppe hat meißeln lassen, abstrahiert er sie zum Symbol geopolitischer Machtspiele, verkleinert sie aber auch. Und erzielt den schönen Nebeneffekt, dass er die Objekte politischen Streits in eine fast abstrakte Schönheit überführt.“ Die Hauptinsel, die laut TIP Berlin das Gewicht eines afrikanischen Elefanten haben solle, wurde mit dem Schwergewicht-Kran durchs ausmontierte Fenster gehoben. Übrigens: Auch Taiwan und Südkorea reklamieren die Inselgruppe für sich.

Außerdem ließ Ai im Berliner Martin-Gropius-Bau jenen Raum rekonstruieren, in dem er 2011 von den chinesischen Behörden für 81 Tage festgehalten worden war. Aufgrund der Menschenmenge, die sich durch die Exposition drängte, war es hier leider nicht möglich, ein schönes Bild einzufangen. Willkürliche Verhaftungen und Korruption erleben chinesische Bürger täglich. Ai Weiwei will das nicht hinnehmen. Er fordert Redefreiheit, Gewaltenteilung, Mehrparteiendemokratie. Und er nutzt die unendlich variierbare Formensprache der Konzeptkunst, um dies auszudrücken in einem Land, in dem Meinungsfreiheit nicht existiert.

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Ai Weiwei hat in „Han Dynasty Vases with Auto Paint“ 39 neolithische Tonvasen mit bunter Industriefarbe überzogen. Alle Tonvasen sind zwischen 5.000 und 10.000 Jahre alt. Jede Vase hat eine eigentümliche Form. Ai Weiwei taucht die Tonvasen in Töpfe mit unterschiedlichen Industriefarben. Dann dreht er die Tonvasen um und lässt die Industriefarbe entlang der Körper der Tonvasen natürlich abfließen. Danach legt er die flache Öffnung der Vasen nach unten auf den Boden, bis alle trocken sind. Dieser Prozess hat gezeigt, dass Ai Weiwei die antiken und kulturellen Werte zerstört und sie zugleich in Werke zeitgenössischer Kunst verwandelt. Die Farben stammen aus den Farbpaletten von Mercedes-Benz oder BMW und verweisen so auf den postkommunistischen Konsumterror im China unserer Tage. Angeblich jedoch sei es möglich, so stand es in der Ausstellung, diese Industrielacke von den Vasen wieder abzuziehen und die Vasen würden wieder unbeschädigt sein. Ein Sinnbild für: Das Alte mag zerstört, verborgen sein. Doch es überdauert uns und ist nur von einer dünnen Lackschicht überzogen. Das Alte bleibt also doch ewig.

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Die taz kritisiert, dass „viele, zu viele Arbeiten in dieser Schau groß sein wollen, plakativ, partout Installation. Irgendeinen mysteriösen Rest sucht man hier vergebens. Wie man an den zwölf vergoldeten Skulpturen sehen kann, die er den Tierkreisstatuen nachempfunden hat, die europäische Soldaten 1860 im kaiserlichen Sommerpalast in Beijing plünderten.“ Ich zumindest finde diese Statuen sehr schön, insbesondere natürlich die Skulptur, die mein eigenes Geburtsjahr darstellt: den Affen.

Wer weiß, was er sich ausdenken wird, wenn er erst wieder reisen und sein Berliner Atelier nutzen darf: Womöglich wird er den Deutschen noch unbequem werden mit seinem Idealismus und seiner Lust an der Provokation. Der gestreckte Mittelfinger, den er auf einem Foto schon einmal vor der Reichstagskuppel reckt, kündigt das bereits an. Doch bei uns kann er das gerne machen. Im Zweifelsfall geht das dann in der uns Berlinern so üblichen Ignoranz und Liberalität, den anderen machen zu lassen, was er will, einfach unter.

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Wer in Berlin allerdings noch mehr Affen sehen möchte, der muss nicht erst warten, bis Ai Wei Wei seine Exponate wieder ausstellt. Ein Besuch im Berliner Zoologischen Garten lohnt sich immer. Der Zoo Berlin ist einfach grandios, er ist der wohl artenreichste Zoo der Welt. Seine Lage ist einzigartig, mitten im Herzen der Stadt. Doch das beschränkt ihn wiederum auch leider. So mancher Tierart wäre etwas mehr Platz zu wünschen. In der Zeit, in der der Zoo angelegt wurde, hatten die Planer noch nicht so gedacht wie wir heute. Und zu den Zeiten, als Berlin noch von einer Mauer eingeschlossen war, war dieser Zoo für uns Kinder eines unserer Schaufenster in die Welt der Tiere. Heute schieben wir selbst unseren Nachwuchs begeistert durch die wunderschöne Anlage.

Und Berlin hat noch mehr Affen zu bieten. Doch diese sind dann im Reichstag, im Abgeordnetenhaus und im Roten Rathaus zu besichtigen…

Im Juni 2015 nun durfte Ai Wei Wei endlich wieder in seiner Heimat China ausstellen.

Info:
Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin
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Götz A. Primke

Herausgeber, Chefredakteur, Reisejournalist, Reiseblogger, Foodjournalist, Foodblogger bei Le Gourmand - Das Geniesser-Magazin
Restaurantfachmann, Dipl.-Betriebswirt (FH) und Journalist - und immer schon Geniesser. Feinschmeckender Vielfrass, viel essender Feinschmecker. Immer auf der Suche nach Genuss und Genüssen, Destinationen, Kulturen, Charakteren und Geschichten. Reisejournalist, Reiseblogger, Foodjournalist, Foodblogger.

Götz A. Primke did a complete hotel business apprenticeship in a 5 star hotel in Berlin and completed his university years at the university of applied sciences in Munich with a degree as Diplom-Betriebswirt in tourism economics. Following some years as editor in a german renowned hotel business magazine he started to work as freelance journalist, travel journalist, travel blogger, food journalist and food blogger. His articles are published in german newspapers, magazines, web-sites and on his own platform Le Gourmand http://www.legourmand.de/ . He writes about travel, destinations, hotels, restaurants, food & beverages, cooking, gourmandise cuisine and everything that tastes good.
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