Roséwein in Europa: Viel mehr als nur eine Farbe

by Götz A. Primke
Roséwein Cremisi von Pojer e Sandri mit zwei Gläsern und Mortadella

Von der Provence an den Gardasee, von Südtirol über Sizilien und Kalabrien bis nach Zypern – und schließlich zu Prosecco, Pét-Nat und Rosé-Champagner: Eine Reise durch die erstaunliche Vielfalt europäischer Roséweine. Und die Erkenntnis, daß Roséwein längst mehr kann als Terrasse und Sommerabend.

Es gibt diese Weine, die man eigentlich schon mit den Augen zu kennen glaubt. Rosé gehört dazu. Ein helles Lachsrosa, vielleicht ein beschlagenes Glas auf einer Terrasse, irgendwo scheint die Sonne, und im Hintergrund wartet vermutlich schon das Mittelmeer. Kaum eine Weinkategorie wird so zuverlässig mit einer Jahreszeit, einer Farbe und einem Lebensgefühl verbunden. Und kaum eine wird damit so unterschätzt.

Denn Rosé kann fast durchsichtig sein oder kräftig kupferfarben, lachsfarben, zwiebelschalenfarben oder beinahe rot. Er kann still sein oder perlen, unkompliziert oder erstaunlich anspruchsvoll, aus Grenache, Groppello, Pinot Noir oder ganz anderen roten Rebsorten entstehen. Er kann ein Aperitif sein und ein ernsthafter Essensbegleiter. Es gibt ihn für wenige Euro und als Rosé-Champagner für einen Preis, bei dem man über das Öffnen der Flasche durchaus noch einmal nachdenkt. Vor allem aber erzählt Rosé von Herkunft. Genau dort beginnt diese Reise.

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Wie entsteht Roséwein eigentlich?

Rosé ist kein verdünnter Rotwein und auch kein Weißwein mit etwas Farbe. In den meisten Fällen beginnt er mit roten Trauben. Die entscheidenden Farbstoffe sitzen in den Beerenschalen. Das Fruchtfleisch vieler roter Rebsorten ist dagegen nahezu farblos. Wie intensiv der spätere Wein gefärbt ist, hängt deshalb vor allem davon ab, wie lange der Most mit den Schalen in Kontakt bleibt.

Die Internationale Organisation für Rebe und Wein (OIV) unterscheidet mehrere grundlegende Verfahren. Bei der Direktpressung werden rote Trauben sofort oder nach sehr kurzer Maischestandzeit gepreßt. Nur wenig Farbe und Gerbstoff gelangen in den Most; so entstehen häufig besonders helle Rosés. Bei einer längeren Mazeration bleiben Saft und Schalen mehrere Stunden zusammen, bevor der Most abgezogen und ohne Schalen weitervergoren wird. Mehr Kontakt bedeutet in der Regel mehr Farbe, mehr phenolische Struktur und einen kräftigeren Weintyp.

Beim Saignée-Verfahren, französisch für „Aderlaß“, wird nach kurzer Maischestandzeit ein Teil des bereits leicht gefärbten Saftes aus einem Rotweinbehälter abgezogen und separat als Rosé vergoren. Der verbleibende Rotwein erhält dadurch zugleich ein höheres Verhältnis von Schalen zu Saft. 

Und dann gibt es Rosé-Schaumwein. Hier kann auch mit einer Assemblage gearbeitet werden. In der Champagne etwa darf ein weißer Grundwein mit einem Anteil Rotwein verschnitten werden. Rosé-Champagner entsteht entweder auf diese Weise oder durch Mazeration beziehungsweise Saignée. Genau deshalb sind Taittinger und Laurent-Perrier später in diesem Artikel nicht einfach zwei verschiedene Marken, sondern zwei ziemlich unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage: Wie macht man Rosé-Champagner? 

Das erklärt auch, warum die Farbe allein so wenig über Qualität aussagt. Ein blasser Rosé kann durch sofortiges Pressen entstehen, ein kräftigerer durch längeren Schalenkontakt. Beides kann gewollt und hervorragend gemacht sein. Die Vorstellung, Rosé müsse möglichst blaß sein, ist eher ein stilistischer Zeitgeist als eine universelle Qualitätsregel.

Provence und Valtènesi: Wenn Rosé Herkunft bekommt

Die Provence ist so eng mit Rosé verbunden, daß beides beinahe synonym erscheint. Doch hinter der scheinbaren Selbstverständlichkeit steckt eine gewachsene Weinkultur. Côtes de Provence, Coteaux d’Aix-en-Provence und Coteaux Varois en Provence sind geschützte Ursprungsbezeichnungen. Beim Coteaux d’Aix-en-Provence etwa entfallen rund 83 Prozent der Produktion auf Rosé. Typisch sind mediterrane Rebsorten wie Grenache, Mourvèdre und Syrah. 

Auf der anderen Seite der Alpen liegt südwestlich des Gardasees das Valtènesi. Dort spielt insbesondere Groppello eine zentrale Rolle. Die regionale Rebsorte steht für eine andere Rosé-Tradition als jene der Provence: weniger das Kopieren eines international erfolgreichen Stils als vielmehr die Fortführung einer eigenen regionalen Weinkultur. 

Beide Regionen haben ihre Kräfte in der europäischen Initiative für Roséweine mit geschützter Ursprungsbezeichnung gebündelt. Das klingt zunächst nach Weinmarketing. Interessanter wird es, sobald tatsächlich verschiedene Flaschen nebeneinander auf dem Tisch stehen.

Die blasse Farbe vieler Provence-Rosés hat international Schule gemacht. Sie ist aber weder ein allgemeines Qualitätsmerkmal noch die Definition dessen, was Rosé sein muß. Gerade das wird auf der anderen Seite der Alpen deutlich.

Château de Selle Rosé von Domaines Ott aus der Provence
Château de Selle von Domaines Ott: Grenache, Cinsault, Syrah und Mourvèdre aus der AOC Côtes de Provence.

Bei der Provence zeigt sich bereits, daß selbst innerhalb einer Region Rosé nicht gleich Rosé ist. L’Espérance von Domaine de la Brillane wird aus Grenache und Syrah erzeugt. Château de Selle von Domaines Ott kombiniert Grenache, Cinsault, Syrah und Mourvèdre. Domaines Ott beschreibt Grenache als tragende Sorte der Cuvée; Cinsault bringt Geschmeidigkeit, Syrah und Mourvèdre Frucht und Struktur. Der Wein stammt aus der AOC Côtes de Provence, während L’Espérance zur AOP Coteaux d’Aix-en-Provence gehört. 

Auch Les Quatre Tours steht für die Rosé-Tradition der Coteaux d’Aix-en-Provence. Die Appellation liegt im westlichen Teil der Provence und reicht vom Umfeld von Aix-en-Provence bis in Richtung Rhône. Rosé spielt hier eine zentrale Rolle, wobei traditionell Grenache, Cinsault, Syrah, Counoise oder Cabernet Sauvignon miteinander kombiniert werden können.

Damit haben wir drei sehr klassische Roséideen der Provence nebeneinander: mediterrane rote Sorten, kurze Extraktion, helle Farbe, Frische. Aber selbst hier ist die Zusammensetzung unterschiedlich. Schon deshalb ist „Provence-Rosé“ keine Rebsorte, sondern zunächst Herkunft und Stil.

Costellazioni Rosé aus Valtènesi am Gardasee
Vom Mittelmeer an den Gardasee: Auch im Valtènesi gehört Rosé zur regionalen Weinkultur.

Der Costellazioni von Cascina Belmonte besteht aus Groppello, Barbera, Sangiovese und – je nach aktuellem Jahrgang – Marzemino; für den Jahrgang 2024 sind es Groppello, Barbera und Sangiovese. Entscheidend ist Groppello: Die autochthone rote Rebsorte ist ein Schlüssel zur Rosétradition des Valtènesi. Cascina Belmonte bezeichnet den Chiaretto ausdrücklich als den typischen Wein der westlichen Gardaseeseite. 

Damit unterscheidet er sich grundsätzlich von einem Provence-Rosé aus Grenache und Syrah. Nicht nur die Landschaft ist eine andere, sondern auch das Rebsortenfundament. Der italienische Begriff Chiaretto bezeichnet dabei keinen süßen oder besonders leichten Wein, sondern den traditionellen hellen Roséstil der Region.

Gerade deshalb ist die gemeinsame g.U.-Kampagne von Provence und Valtènesi interessant: Das Gemeinsame ist nicht eine einheitliche Geschmacksnorm, sondern die Idee, daß Rosé ebenso Herkunft ausdrücken kann wie Weiß- oder Rotwein. Die Landschaft ändert sich, die Rebsorten ändern sich, der Stil ändert sich. Und genau das ist der Punkt einer geschützten Herkunft: Wein soll nicht überall gleich schmecken.

Das Kürzel g.U. steht für „geschützte Ursprungsbezeichnung“, im Französischen entspricht ihm AOP, in Italien DOP. Es definiert Herkunft und Produktionsregeln. Für den Weintrinker ist die entscheidende Frage allerdings viel einfacher: Schmeckt man jenseits aller Siegel tatsächlich einen Unterschied? Man sollte es ausprobieren.

Valtènesi Rosé Costellazioni zu gekochter Zunge
Rosé zum Essen: Valtènesi zu Zunge – spätestens am Tisch zeigt sich, daß die Kategorie weit über den Aperitif hinausreicht

Rosé ist kein Wein für den Aperitif allein

Noch hartnäckiger als die Vorstellung von der richtigen Roséfarbe hält sich die Vorstellung vom Rosé als Terrassenwein. Kühl muß er sein, die Sonne soll scheinen, dazu vielleicht Oliven. Dann ist die Welt in Ordnung. Nichts dagegen.

Aber warum sollte man dort aufhören? Rosé besitzt eine Eigenschaft, die am Esstisch ausgesprochen nützlich sein kann. Er kann die Frische eines Weißweines mit Struktur und Aromen verbinden, die aus roten Trauben stammen. Je nach Rebsorte, Ausbau und Herkunft kann daraus ein erstaunlich vielseitiger Essensbegleiter werden.

Und dann landet ein Valtènesi eben nicht nur neben einer Schale Oliven, sondern auch neben Zunge à la Bordelaise auf dem Tisch. Gerade bei solchen Gerichten wird Rosé interessant. Säure, Frucht und je nach Wein eine leichte phenolische Struktur können dort funktionieren, wo ein sehr leichter Weißwein untergeht und ein kräftiger Rotwein bereits zu viel wäre. Rosé als Speisenbegleiter verdient deshalb einen zweiten Blick. Und mit diesem Gedanken können wir die Provence und den Gardasee verlassen.

Zambartas Roséwein aus Zypern mit Weinglas
Die Roséreise führt weit über die klassischen Regionen hinaus – etwa nach Zypern.

Eine Reise durch Europas Roséweine

Rosé ist keine französisch-italienische Angelegenheit. Fast überall dort, wo in Europa rote Trauben wachsen, findet man auch rosafarbene Weine – mit unterschiedlichen Traditionen, Rebsorten und Vorstellungen davon, wie ein Rosé schmecken soll.

Der Zambartas Rosé 2018 verbindet die zyprische beziehungsweise griechischstämmige Sorte Lefkada mit Cabernet Franc. Die heutige Version des Weines wird von Zambartas als Lefkada-dominierte Cuvée mit internationalen roten Sorten beschrieben; nach kurzer kalter Mazeration wird der Most im Edelstahl vergoren. 

Damit sehen wir ein weiteres Prinzip der Rosébereitung: kurze, kontrollierte Mazeration. Nicht die Rebsorte allein bestimmt die Farbe, sondern die Zeit, während der die Schalen ihre Farbstoffe abgeben dürfen. Zypern ist dafür ein schönes Beispiel. Die Insel gehört zu den ältesten Weinlandschaften Europas und taucht trotzdem auf der mentalen Weinkarte vieler deutscher Weintrinker kaum auf.

Rosé d'Enfer, 2018 Saint Mont AOC, Plaimont
Rosé d’Enfer, 2018 Saint Mont AOC, Plaimont – eine weitere Station auf der europäischen Roséreise.

Saint-Mont: Rosé d’Enfer von Plaimont

Der Rosé d’Enfer 2018 von Plaimont führt die Reise in den Südwesten Frankreichs, in die AOC Saint-Mont. Und hier wird das Rebsortenspektrum wieder vollkommen anders. Der Wein wird aus Tannat, Pinenc und Cabernet Sauvignon erzeugt. Tannat ist eine ausgesprochen strukturreiche rote Sorte, Pinenc – auch Fer Servadou genannt – eine regionale Spezialität des Südwestens. Schon die Sortenwahl erklärt, warum Saint-Mont nicht einfach ein Abklatsch der Provence sein muß. 

Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie Rosé regional funktioniert: Man nimmt nicht zwingend die Rebsorten, die gerade international mit Rosé in Verbindung gebracht werden, sondern jene, die ohnehin zur lokalen Rotweinkultur gehören. Dadurch kann selbst ein heller Rosé deutlich mehr Gerbstoff und Würze mitbringen als ein sehr weich vinifizierter Provence-Stil.

Johner Roséwein Luise 2012 vom Kaiserstuhl zu weißem Spargel
Rosé zum Essen: Roséwein Luise 2012 von Karl H. Johner am Kaiserstuhl zu weißem Spargel.

Kaiserstuhl: Johner Roséwein Luise und das Saignée-Verfahren

Auch am Kaiserstuhl hat das Saignée-Verfahren Tradition. Der Roséwein Luise des Weingutes Karl H. Johner in Bischoffingen entsteht nicht einfach durch die schnelle Pressung roter Trauben. Johner verwendet für den Rosé Saft, der aus Rotweinpartien abgezogen wird. Grundlage sind vor allem Spätburgunder und Merlot; der Saftabzug erhöht zugleich bei der verbleibenden Rotweinmaische das Verhältnis von Beerenschalen zu Most und damit die mögliche Extraktion von Farbe und Gerbstoffen. Ein Teil des Rosés wurde bei Johner je nach Jahrgang sogar in gebrauchten Barriques vergoren. Meine Flasche stammt aus dem Jahrgang 2012 – ein schönes Beispiel dafür, daß Rosé vom Kaiserstuhl schon lange mehr sein kann als der unkomplizierte, möglichst schnell erzeugte Sommerwein und perfekt zu Spargel passt. 

La Rose de Manincor Roséwein aus Südtirol
La Rose de Manincor: Rosé aus Südtirol – und ein Beispiel dafür, daß sich die Kategorie nicht auf Frankreich und mediterrane Küstenregionen reduzieren läßt.

Südtirol: La Rose de Manincor und das Saignée-Verfahren

Südtirol erweitert das Bild noch einmal. Alpen statt Mittelmeer. Ein anderer Kulturraum, andere klimatische Voraussetzungen und wiederum eine andere Weintradition. Gerade diese Unterschiede interessieren an Wein weit mehr als die Frage, welcher Rosé nun der „beste“ sein soll. Wein wird spannend, wenn man ihn nicht von seinem Ort trennt.

Der La Rose de Manincor ist nahezu ein Lehrbuchbeispiel für das Saignée-Prinzip. Manincor zieht nach wenigen Stunden einen Teil des Saftes aus den besten Rotweinpartien ab und vergärt ihn separat. Die Zusammensetzung verändert sich von Jahrgang zu Jahrgang. Manincor arbeitet unter anderem mit Cabernet Franc, Merlot, Blauburgunder, Vernatsch, Tempranillo, Syrah und Petit Verdot; ältere Jahrgänge verwendeten ebenfalls eine breite Palette roter Sorten. 

Das erklärt zugleich die stilistische Idee hinter dem Wein. Hier wird nicht eine einzelne Rosérebsorte gesucht. Der Rosé entsteht aus den Rotweinlagen des Gutes und ist damit gewissermaßen ein Querschnitt durch den roten Teil von Manincor.

Beim Saignée liegt übrigens ein interessanter Nebeneffekt vor: Weil Saft aus dem Rotweinbehälter entnommen wird, steigt dort das Verhältnis zwischen Beerenschalen und verbleibendem Most. Der Rotwein kann dadurch konzentrierter werden, während aus dem abgezogenen Saft Rosé entsteht. Genau diese Methode unterscheidet sich fundamental von der direkten Pressung.

Und damit geht es weiter nach Süden.

Rosé am Vulkan: Sizilien und der Ätna

Der Ätna gehört zu jenen europäischen Weinlandschaften, bei denen Herkunft nicht erklärt werden muß, sobald man dort steht. Vulkan, Höhe, Böden, Temperaturunterschiede – Weinbau findet hier unter Bedingungen statt, die wenig mit dem klassischen Postkartenbild Siziliens zu tun haben. Natürlich gibt es dort auch Rosato.

Zwei Rosati aus derselben großen Weinlandschaft sind dabei keineswegs redundant. Im Gegenteil: Sie verhindern die Vorstellung, Herkunft bedeute uniforme Weine. Appellation und Terroir setzen einen Rahmen. Was ein Produzent innerhalb dieses Rahmens daraus macht, ist die spannendere Geschichte.

Der Etna Rosato von Cottanera besteht zu 100 Prozent aus Nerello Mascalese. Damit stammt der Rosé aus derselben roten Rebsorte, die am Ätna auch viele der charakteristischen Rotweine prägt. Rosé ist hier keine separate Produktwelt, sondern eine andere Vinifikation derselben regionalen Traube. Weniger Extraktion, weniger Schalenkontakt, deutlich weniger Farbe – aber derselbe Ausgangspunkt.

Auch Camporè produziert Etna DOC Rosato in Randazzo. Das Weingut erntet die Trauben für Rosato und Rosso typischerweise später als für den Etna Bianco.. 

Don Angelo Cirò Rosato aus Kalabrien zu Risotto
Don Angelo Cirò Rosato zum Risotto: Rosé muß nicht vor dem Essen enden.

Kalabrien: Rosato gehört auf den Tisch

Noch weiter südlich wartet Kalabrien. Und hier wird die Weinreise wieder kulinarisch. Wein verändert Essen, Essen verändert Wein. Ein Rosato zu einem Risotto erzählt mir deshalb oft mehr als eine Liste von Aromen zwischen Erdbeere und Grapefruit.

Der Don Angelo von Baroni Capoano ist ein Cirò Rosato DOP. Cirò wiederum ist fest mit Gaglioppo verbunden, einer der klassischen roten Rebsorten Kalabriens. Beim Don Angelo wird aktuell zusätzlich Syrah verwendet; die genaue Cuvée kann jahrgangsabhängig variieren. Der Don Angelo ist ein biologischer Cirò Rosato DOP. 

Das macht den Wein für unsere Reise interessanter als einen beliebigen „italienischen Rosé“. Er steht für eine süditalienische Rotweintradition, die in Rosato übersetzt wird. Und damit sind wir bei einem Grundgedanken dieser Reise angekommen: Rosé ist keine Farbe. Rosé ist Wein.

Perpetuo von Pojer e Sandri maischevergorener Weißwein
Sieht auf den ersten Blick beinahe wie ein kräftiger Rosé aus, ist aber keiner: Perpetuo von Pojer e Sandri.

Wie rosa muß Rosé eigentlich sein?

Zeit für einen kleinen Umweg. Wein nach der Farbe zu beurteilen, führt schnell in die Irre. Ein besonders schönes Beispiel liefert Pojer e Sandri. Der Perpetuo kann im Glas farblich durchaus Assoziationen an einen kräftigen Rosé hervorrufen. Dennoch gehört er in eine andere Welt: Er basiert auf weißen Trauben und Maischekontakt. Denn Farbe entsteht beim Wein aus Rebsorte, Maischestandzeit, Verarbeitung und Ausbau. Sie verrät etwas – aber längst nicht alles. Und wenige Flaschen machen das schöner deutlich als ein anderer Wein von Pojer e Sandri.

Perpetuo ist ausdrücklich ein maischevergorener Weißwein – also ein Orange Wine – und kein Rosé. Weiße Trauben bleiben hier mit ihren Schalen in Kontakt. Dadurch erhält der Wein Farbe, Gerbstoff und Struktur. Pojer e Sandri führt ihn deshalb selbst als Orange Wine aus resistenten Sorten.

Cremisi von Pojer e Sandri mit Roséwein im Glas und Mortadella
Cremisi von Pojer e Sandri mit Mortadella: kräftige Farbe, unkompliziertes Essen – und ziemlich weit entfernt vom Klischee des möglichst blassen Rosés.

Cremisi: Rosé darf Farbe haben

Cremisi zeigt schon optisch, weshalb es Unsinn wäre, Roséqualität an möglichst geringer Farbintensität festzumachen. Und dazu braucht es auch kein großes Menü. Ein Glas Wein, Mortadella, Brot – fertig. Manchmal ist die einfachste Kombination diejenige, an die man sich erinnert. Doch Rosé kann auch Blasen haben.

Der Zero Infinito Cremisi ist kein klassischer stiller Rosé, sondern ein biologischer Vino rosato frizzante col fondo, erzeugt nach dem ancestralen Verfahren. Pojer e Sandri verwendet dafür pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Der Wein gärt in der Flasche weiter; die Hefe bleibt als Depot zurück. Genau daraus erklärt sich die Trübung. 

„Col fondo“ bedeutet hier ganz wörtlich: mit Bodensatz. Wer die Flasche ruhig stehenläßt und vorsichtig ausschenkt, bekommt einen klareren Wein; wer die Hefe aufschüttelt, erhält einen trüberen, hefigeren Stil. Das ist kein Fehler, sondern Teil des Konzepts. Damit ist Cremisi ein besonders guter Gegenpol zum Provence-Ideal maximaler optischer Klarheit.

B NAT Rosé Pét-Nat beim Weinlobbyisten in Berlin
B NAT, getrunken beim Weinlobbyisten in Berlin: Rosé kann auch naturtrüb und unkonventionell auftreten.

Wenn Rosé anfängt zu perlen

Zwischen stillem Rosé und Champagne liegt eine ganze Welt: Frizzante, Pét-Nat, Prosecco Rosé, Crémant und andere Schaumweine. Und stilistisch könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Dieser B NAT vom Weingut Barth stand kürzlich beim Weinlobbyisten in Berlin auf dem Tisch. Schon optisch ist das Gegenprogramm zum makellos klaren Provence-Rosé offensichtlich: trüb, lebendig, ein Wein, der seine Machart nicht versteckt.

Der B-NAT 2022 vom Wein- und Sektgut Barth besteht aus Cabernet Sauvignon und Spätburgunder. Die Trauben bleiben über Nacht auf der Maische, um etwas Farbe zu extrahieren. Dann kommt die Besonderheit: Statt zunächst einen fertigen Grundwein zu erzeugen und anschließend eine zweite Gärung einzuleiten, wird der noch gärende Wein in die Flasche gefüllt und beendet dort seine erste Gärung. Das dabei entstehende Kohlendioxid bleibt im Wein. Genau daraus entsteht der Pét-Nat. Der Bodensatz wird nicht entfernt. Das unterscheidet den Pét-Nat fundamental von klassischem Flaschengärsekt oder Champagner, bei denen nach der zweiten Gärung normalerweise gerüttelt und degorgiert wird.

Ruffino Prosecco Rosé zu Spargel
Ruffino Prosecco Rosé zum Spargel – Rosé-Schaumwein als Essensbegleiter.

Prosecco Rosé: Glera bekommt Pinot Nero zur Seite

Dann die vollkommen andere Interpretation. Prosecco DOC Rosé ist klar geregelt: Er wird aus 85 bis 90 Prozent Glera und 10 bis 15 Prozent Pinot Nero erzeugt. Auf dem Etikett muß „Millesimato“ mit dem Jahrgang stehen; mindestens 85 Prozent der verwendeten Trauben müssen aus diesem Jahr stammen. Damit ist Rosé hier keine bloße Farbvariante des bekannten Prosecco, sondern eine definierte Weinkategorie.

Entscheidend ist dabei, daß der Pinot Nero rot vinifiziert wird. Dieser Rotwein wird anschließend zu 10 bis 15 Prozent mit 85 bis 90 Prozent Glera assembliert. Danach erfolgt die Schaumweinbereitung im Drucktank. Für Prosecco DOC Rosé ist eine Mindestdauer der Schaumweinbereitung von 60 Tagen vorgeschrieben.  Damit steht Prosecco Rosé technisch zwischen zwei Welten: Die Farbe entsteht nicht allein durch kurze Maischestandzeit eines Roségrundweins, sondern durch die gezielte Assemblage von Glera und rot vinifiziertem Pinot Nero.

Spargel mit einer frischen Hollandaise ist dafür ein interessanter Partner. Nicht jeder Wein kommt mit seinen herben und vegetabilen Noten gleichermaßen gut zurecht. Ein trockener, frischer Schaumwein kann hier eine Alternative zum reflexartig gereichten stillen Weißwein sein.

Bouvet Rosé Schaumwein aus Frankreich mit Weinglas
Bouvet Rosé: Zwischen Pét-Nat, Prosecco und Champagne gibt es eine große europäische Schaumweinwelt zu entdecken.

Von Italien an die Loire: Bouvet und französischer Rosé-Schaumwein

Frankreich bedeutet beim Schaumwein nicht automatisch Champagne. Gerade die Loire besitzt eine eigene Schaumweintradition. Bouvet gehört ganz bewußt dazu. Nicht als Ersatz für Champagne, sondern als Erinnerung daran, daß europäischer Schaumwein vielfältiger ist als seine berühmteste Herkunft.

Der Bouvet Trésor Rosé unterscheidet sich technisch erheblich vom Prosecco Rosé. Er ist ein Saumur AOP Rosé Brut und wird nach traditioneller Flaschengärung erzeugt. Die aktuelle technische Spezifikation nennt Cabernet Franc und Grolleau, Ausbau im Holz sowie mindestens 24 Monate Hefelager.  Das heißt: Hier entsteht die Kohlensäure durch eine zweite Gärung in derselben Flasche, in der der Schaumwein später verkauft wird. Genau das verbindet Bouvet technisch eher mit Champagne als mit Prosecco. Gleichzeitig kommen die Rebsorten und der Herkunftscharakter aus der Loire.

Champagnerlager bei Atlantik Fisch mit Bollinger Rosé Laurent-Perrier und Louis Roederer
Ganz oben tatsächlich Rosé: Champagnerkisten im Lager von Atlantik Fisch – über Louis Roederer und Laurent-Perrier thront Bollinger Rosé.

Ganz oben: Rosé-Champagner

Im Lager von Atlantik Fisch stapeln sich die Champagnerkisten beinahe bis zur Decke. Laurent-Perrier, Louis Roederer und andere große Namen. Und ganz oben: Bollinger Rosé. Nach unserer Reise durch Provence, Gardasee, Alpen, Zypern, Sizilien, Kalabrien, Pét-Nat und Prosecco sind wir damit tatsächlich oben angekommen. Beim Rosé-Champagner.

Natürlich ist das preislich eine andere Welt. Aber auch das gehört zur erstaunlichen Spannweite dieser Weinkategorie. Rosé reicht vom unkomplizierten Wein für einen Abend mit Mortadella bis zu einigen der prestigeträchtigsten Schaumweine der Welt.

Rosé-Champagner ist jedenfalls kein Fremdkörper am Ende dieser Reise. Im Gegenteil. Er treibt vieles von dem auf die Spitze, was Rosé interessant macht: die Arbeit mit roten Trauben, die Frage der Farbe, das Verhältnis von Frucht und Struktur und schließlich die Fähigkeit, nicht nur Aperitif, sondern Essensbegleiter zu sein. Nur eben mit Kohlensäure. Und gelegentlich einem deutlich höheren Preis. Gerade bei diesen drei Rosé-Champagnern wird deutlich, wie unterschiedlich selbst innerhalb einer einzigen Appellation gearbeitet werden kann.

Taittinger Prestige Rosé besteht aktuell aus 35 Prozent Chardonnay, 40 Prozent Pinot Noir und 25 Prozent Meunier. Dazu kommen 11 bis 14 Prozent als Rotwein vinifizierter Pinot Noir aus der Montagne de Reims und aus Les Riceys. Hier entsteht die Roséfarbe also durch Assemblage

Laurent-Perrier Cuvée Rosé geht einen grundsätzlich anderen Weg. Die Cuvée besteht zu 100 Prozent aus Pinot Noir. Die entrappten Trauben mazerieren 48 bis 72 Stunden mit den Schalen. Laurent-Perrier erzeugt damit einen echten Rosé de macération statt eines Assemblage-Rosés. 

Und Piper-Heidsieck Rosé Sauvage steht wieder näher beim Assemblage-Prinzip. Piper verwendet Pinot Noir, Meunier und Chardonnay sowie einen Anteil rot vinifizierten Pinot Noir.

Von günstig bis edel: Der Preis sagt wenig über die Idee Rosé

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Besonderheit. Kaum eine andere Weinkategorie überspannt so selbstverständlich unterschiedliche Gelegenheiten. Rosé kann ein unkompliziertes Glas auf dem Balkon sein. Ein regionaler Wein mit geschützter Herkunft. Ein Begleiter zu Zunge, Risotto oder Spargel. Ein naturtrüber Pét-Nat in einer Berliner Weinbar. Prosecco Rosé. Französischer Schaumwein. Oder Champagne. Man muß diese Weine nicht gegeneinander ausspielen.

Ein Laurent-Perrier Cuvée Rosé macht den Cremisi mit Mortadella nicht überflüssig. Der Cremisi wiederum muß nicht beweisen, daß er mit Champagne konkurrieren kann. Beide beantworten vollkommen unterschiedliche Fragen. Das ist vielleicht eine der angenehmsten Erkenntnisse beim Wein: Teurer bedeutet nicht automatisch passender. Manchmal möchte man Champagne. Und manchmal möchte man Mortadella.

Rosé ist eine Reise wert

Am Ende führt die Reise wieder dorthin zurück, wo sie begonnen hat: zu einer Flasche auf einem Tisch. Nur sieht man sie jetzt vielleicht etwas anders. Rosé ist keine Zwischenkategorie zwischen Weiß- und Rotwein. Und schon gar nicht bloß die möglichst blasse Flüssigkeit für heiße Sommertage. Hinter Rosé stehen Landschaften und Rebsorten, Winzer und Traditionen. Provence und Valtènesi zeigen besonders deutlich, weshalb geschützte Herkunft dabei eine Rolle spielt. Die gemeinsame europäische Kommunikation stellt genau diese Verbindung von Region, Tradition und Rosékultur in den Mittelpunkt. 

Aber man sollte dort nicht stehenbleiben. Denn dann warten Zypern, Südtirol, Sizilien und Kalabrien. Stillwein wird zu Pét-Nat, Prosecco und französischem Schaumwein. Und irgendwann steht man zwischen meterhoch gestapelten Champagnerkisten und entdeckt ganz oben Bollinger Rosé.

Vielleicht ist Rosé tatsächlich viel mehr als eine Farbe. Vor allem aber ist er ein ziemlich guter Grund, weiterzureisen.

Wer nach dieser Roséreise weiterprobieren möchte, findet in unserem Wein-Magazin weitere Geschichten über Regionen, Winzer, Rebsorten und besondere Flaschen.

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