Das Les Deux im Münchner Schäfflerhof ist mehr als ein Restaurant; es ist eine Institution, die zwei gastronomische Welten unter einem Dach vereint. Im Erdgeschoss pulsiert die lebhafte Brasserie, während in der ersten Etage französisches Fine Dining zelebriert wird. Dass beide Konzepte aus derselben Küche und mit einer gemeinsamen Handschrift operieren, ist das Werk eines eingespielten Teams rund um Küchenchefin Nathalie Leblond und Gastgeber Fabrice Kieffer.
Verantwortlich für beide Küchen ist Nathalie Leblond. Seit 2021 arbeitet sie im Les Deux und leitet heute ein Team, das die französisch geprägte Brasserieküche ebenso beherrschen muss wie die wesentlich differenzierteren Gerichte des Gourmetrestaurants. Das verlangt Organisation, handwerkliche Sicherheit und vor allem die Fähigkeit, eine erkennbare kulinarische Handschrift in zwei unterschiedlichen Tonlagen auszudrücken.
Leblonds Küche gründet auf der französischen Klassik, ohne sich in deren Konventionen einzuschließen. Saucen, Fisch, Krustentiere und Kalbsbries spielen darin wichtige Rollen. Hinzu kommen prägnante Säure, nussige Aromen und gezielte Brüche mit vertrauten Geschmacksmustern.
Im Gespräch wird jedoch schnell deutlich, dass Nathalie Leblond nicht nur über Gerichte und Produkte nachdenkt. Sie spricht über Loyalität, Leistungsbereitschaft und moderne Mitarbeiterführung. Und sie formuliert ein bemerkenswert deutliches Plädoyer für jene Berufsgruppe, ohne die selbst die beste Küche keinen großen Restaurantabend schaffen kann: den Service.
Vom Nürnberger Wirtshaus zu Dirk Luther
Nathalie Leblond stammt aus Nürnberg. Ihre Kochausbildung absolvierte sie dort nicht in einem Luxushotel oder Sternerestaurant, sondern in einem gutbürgerlichen Wirtshaus. Gerade auf diese erste Station blickt sie bis heute dankbar zurück. Sie habe einen Ausbilder gehabt, der ihr die grundlegenden handwerklichen Fähigkeiten vermittelte. Diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten bilden für sie noch immer das Fundament ihrer Arbeit.
„Ich bin sehr dankbar dafür, weil ich einen ganz tollen Ausbilder hatte, der mir die ganzen grundlegenden Basics beigebracht hat“, erzählt sie.
Danach zog es sie in den hohen Norden. Im Alten Meierhof in Glücksburg arbeitete sie bei Dirk Luther, dessen Gourmetrestaurant mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet ist. Der Wechsel vom fränkischen Wirtshaus in einen solchen Betrieb hätte kaum größer sein können.
Leblond begann allerdings nicht unmittelbar in der Sterneküche. Zunächst durchlief sie die verschiedenen Posten der Brasserie. Erst danach wechselte sie in das Gourmetrestaurant und arbeitete dort auf dem Entremetier. Insgesamt blieb sie fünf Jahre im Alten Meierhof.
Diese Verbindung aus Brasserie und Gourmetküche begegnete ihr später im Les Deux wieder. Schon in Glücksburg lernte sie, dass beide Restaurantformen auf demselben handwerklichen Fundament beruhen, den Gast aber auf unterschiedliche Weise ansprechen.
Fast fünf Jahre bei Jan Hartwig
Nach ihrer Zeit bei Dirk Luther ging Nathalie Leblond nach München und begann im Atelier des Bayerischen Hofs. Küchenchef war damals Jan Hartwig.
Dort blieb sie erneut fast fünf Jahre und stieg bis zur Souschefin auf. Das Atelier gehörte zu den am höchsten bewerteten Restaurants des Landes. Leblond lernte dort nicht allein technische Präzision, sondern auch die Organisation und Konsequenz kennen, die notwendig sind, um ein solches Niveau über viele Services hinweg zu halten.
Auffällig an ihrem beruflichen Weg sind die langen Stationen. Während in der Spitzengastronomie häufige Wechsel lange als beinahe obligatorisch galten, blieb Leblond lieber mehrere Jahre in einem Betrieb.
Sie bezeichnet sich selbst als loyalen Menschen. Wenn ihr ein Haus gefalle und sie mit guten Vorgesetzten zusammenarbeite, sei es ihr wichtiger, den Betrieb wirklich zu verstehen, als nach kurzer Zeit den nächsten prominenten Namen in den Lebenslauf aufzunehmen.
„Mir ist es wichtiger, länger dort zu bleiben und den Betrieb gut zu kennen und auch das Dahinter mitzunehmen, als überall nur ein Jahr zu bleiben.“
Sie wolle nicht nur lernen, wie Gerichte entstehen. Sie wolle auch verstehen, wie ein Restaurant organisiert wird, wie Teams funktionieren und was hinter dem für den Gast sichtbaren Ablauf geschieht.
Fabrice Kieffer, Johann Rappenglück und die Entstehung des Les Deux
Die Geschichte des Les Deux begann bereits 2012. Damals übernahmen Fabrice Kieffer und Johann Rappenglück das frühere Restaurant Dukatz im Schäfflerhof und entwickelten daraus ein neues gastronomisches Konzept.
Beide kannten sich aus der Residenz Heinz Winkler in Aschau. Johann Rappenglück hatte dort in der Küche gearbeitet und war in jungen Jahren bis zum Küchenchef aufgestiegen. Fabrice Kieffer verbrachte 17 Jahre im Service des Hauses und war zuletzt als Restaurantleiter und Sommelier tätig. 1997 zeichnete ihn der Gault Millau als „Maître des Jahres“ aus.
Der Name Les Deux – „die Zwei“ – bezog sich ursprünglich gleich mehrfach auf das Konzept: zwei Gründer, zwei gastronomische Bereiche und zwei Etagen. Im Erdgeschoss entstand eine Brasserie, darüber ein Gourmetrestaurant.
Johann Rappenglück schied Ende 2018 aus dem Unternehmen aus. Seitdem führen Katrin und Fabrice Kieffer das Les Deux als Gastgeber und Inhaber. Nathalie Leblond ist Küchenchefin, Vincent Leblond verantwortet als Restaurantleiter und Sommelier den Service.
Dass Fabrice Kieffer selbst aus dem Restaurantfach kommt, ist für die Identität des Hauses von Bedeutung. Das Les Deux wurde nicht von einem Koch gegründet, der den Service lediglich als notwendige Ergänzung betrachtete. Von Anfang an traf hier die Perspektive der Küche auf die eines erfahrenen Maître.
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Nathalie Leblond übernimmt die Küchenleitung
Im März 2021 wechselte Nathalie Leblond in das Les Deux. Zunächst bildete sie gemeinsam mit Gregor Goncharov eine Doppelspitze. Später übernahm sie die alleinige kulinarische Verantwortung für Gourmetrestaurant und Brasserie.
Die Anfrage kam von Fabrice Kieffer. Nach den langen Jahren bei Dirk Luther und Jan Hartwig bot sich Leblond damit erstmals die Möglichkeit, als Küchenchefin eine eigene Handschrift zu entwickeln.
Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs besteht das Küchenteam aus neun Mitarbeitern. Sie arbeiten für beide Restaurants und schicken sämtliche Gerichte über denselben Pass. Zwar sind einzelne Posten den jeweiligen Bereichen zugeordnet, grundsätzlich hilft jedoch jeder jedem. Auch die Patisserie ist für Brasserie und Gourmetrestaurant zuständig.
Das verlangt eine ungewöhnliche Beweglichkeit. In der Brasserie muss ein Gericht geradlinig und unmittelbar funktionieren. Im Gourmetrestaurant kann eine Idee weiter ausformuliert und in eine komplexere Dramaturgie eingebunden werden.
Die Brasserie darf dabei nicht wie eine vereinfachte Ausgabe des Sternerestaurants wirken. Umgekehrt reicht es nicht, oben lediglich exklusivere Produkte in kleineren Portionen anzurichten. Beide Bereiche brauchen eine eigene Identität, sollen aber dennoch als Teile desselben Hauses erkennbar bleiben.
Leblond spricht gewissermaßen dieselbe kulinarische Sprache in zwei verschiedenen Tonlagen.
Klassisches französisches Handwerk mit modernen Brüchen
Ihre Küche beschreibt Nathalie Leblond als französisch geprägt und handwerklich klassisch. Modernität entsteht für sie nicht dadurch, bewährte Grundlagen demonstrativ hinter sich zu lassen.
Stattdessen arbeitet sie mit Brüchen. Sie nimmt einen klassischen Geschmack oder eine vertraute Verbindung und ergänzt ein Element, das dort zunächst nicht selbstverständlich erscheint. Im ersten Moment könne sich der Gast fragen, ob diese Kombination tatsächlich zusammenpasse. Beim Essen müsse sie sich dann erschließen.
„Vom Handwerk und von der Machart sind wir klassisch, aber immer mit einem Twist“, sagt Leblond.
Zu den wiederkehrenden Merkmalen ihrer Küche gehören eine prägnante Säure und nussige Aromen. Säure sorgt für Spannung, balanciert gehaltvolle Produkte und verhindert, dass eine intensive Sauce schwer wirkt. Nüsse bringen Röstaromen, Textur und eine leicht herbe Tiefe in die Gerichte.
Der moderne Bruch besitzt bei Leblond jedoch nur dann einen Wert, wenn das klassische Fundament trägt. Überraschung allein ist noch keine kulinarische Idee. Sie benötigt einen nachvollziehbaren geschmacklichen Bezugspunkt.
Die Sauce als Herzstück
Besonders wichtig sind Nathalie Leblond die Saucen.
Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs arbeitet das Team nach ihrer Aussage mit rund 16 unterschiedlichen Saucen auf den beiden Karten. Die genaue Zahl verändert sich naturgemäß mit den Gerichten. Entscheidend ist ohnehin weniger die Menge als die Bedeutung, die sie diesem Teil des französischen Küchenhandwerks beimisst.
In einer klassisch geprägten Küche ist die Sauce kein dekorativer Klecks auf dem Teller. Sie kann das geschmackliche Zentrum eines Gerichts sein. Dafür braucht es kräftige Fonds, sorgfältige Reduktionen, präzise Hitze und vor allem Zeit.
Eine gute Sauce muss die einzelnen Bestandteile verbinden, ohne ihre Eigenarten zu überdecken. Sie kann Tiefe erzeugen, Fett ausbalancieren, Säure transportieren oder einen aromatischen Gegenpol setzen.
Gerade an ihr zeigt sich schnell, ob ein Restaurant die französische Küche nur über Produktnamen und äußere Anmutung zitiert oder deren Handwerk tatsächlich beherrscht.
Kalbsbries als persönliches Leitprodukt
Ein Produkt darf auf Nathalie Leblonds Karten möglichst nicht fehlen: Kalbsbries.
Sie liebt es seit ihrer Kindheit. Ihre Eltern waren weder Metzger noch Gastronomen. Den frühen Zugang zu Wirtshäusern, Fine Dining und weniger alltäglichen Produkten verdankt sie ihrem Großvater. Gemeinsam besuchten sie ganz unterschiedliche Restaurants.
„Ich bin sozusagen im Wirtshaus mit aufgewachsen“, erzählt sie. Von ihrem Großvater komme ein wesentlicher Teil ihrer Liebe zum Essen, zum Trinken, zum Genuss und zur Gemeinschaft.
Schon früh habe sie sich vorgenommen, Kalbsbries auf die Karte zu setzen, sollte sie eines Tages selbst Küchenchefin werden. Heute findet es sich nach Möglichkeit sowohl in der Brasserie als auch im Gourmetrestaurant.
Kalbsbries gehört zu jenen klassischen Produkten, die früher selbstverständlicher auf anspruchsvollen Speisekarten vertreten waren. Heute muss es vielen Gästen erst wieder erklärt werden.
Sorgfältig vorbereitet und gebraten, verbindet es eine knusprige Oberfläche mit einem weichen, beinahe cremigen Inneren. Es verträgt intensive Saucen, Säure, Nüsse und erdige Begleiter – also genau jene Komponenten, die Leblonds Küche prägen.
Damit ist das Kalbsbries mehr als ein persönliches Lieblingsprodukt. Es steht beispielhaft für ihre kulinarische Haltung: klassisches französisches Handwerk, intensive Aromen und die Überzeugung, nicht ausschließlich nach vermeintlich einfachen Verkaufsaussichten zu kochen.
Fisch, Meeresfrüchte und Krustentiere
Auch Fisch, Meeresfrüchte und Krustentiere gehören zu den bevorzugten Produkten der Küchenchefin.
Kaisergranat, Hummer, Gambero Rosso und Steinbutt nennt sie als wiederkehrende Bestandteile ihrer Arbeit. Nicht alle stehen gleichzeitig auf der Karte. Gemeinsam bilden sie jedoch einen wichtigen Teil ihres kulinarischen Vokabulars.
Bei der Herkunft verfolgt Leblond einen pragmatischen Qualitätsanspruch. Das Les Deux arbeitet mit regionalen Erzeugern und Händlern zusammen, sofern deren Produkte überzeugen. Lamm bezieht die Küche beispielsweise von Franz Riederer, Forelle und Saibling von der Familie Birnbaum.
Ein bretonischer Steinbutt oder Kaisergranat kann naturgemäß nicht aus dem Münchner Umland stammen. Leblond versucht deshalb nicht, jedes Produkt unter das modische Schlagwort der Regionalität zu zwingen.
„Wir schauen einfach, wo wir die besten Produkte herbekommen“, sagt sie.
Diese Offenheit ist glaubwürdiger als eine Regionalität, die vor allem als Marketingversprechen dient. Herkunft bleibt wichtig, doch sie ist nicht der einzige Maßstab. Entscheidend sind Qualität, Frische und die Eignung für das jeweilige Gericht.
Leistungswille und individuelle Führung
Beim Thema Nachwuchs spricht Nathalie Leblond offen über ihre Erwartungen.
Von jungen Mitarbeitern wünsche sie sich gelegentlich mehr Biss. Sie selbst und viele ihrer Kollegen hätten aus Leidenschaft gearbeitet und seien bereit gewesen, mehr zu leisten als das unmittelbar Erforderliche.
„Ohne Fleiß kein Preis“, habe es in ihrer Familie geheißen. Dieser Satz habe für sie bis heute seine Berechtigung.
Das klingt zunächst nach der alten Gastronomie, in der lange Arbeitszeiten, Härte und ein rauer Umgangston als notwendiger Teil der Ausbildung betrachtet wurden. Leblond verklärt diese Zustände jedoch ausdrücklich nicht.
Früher sei keineswegs alles besser gewesen. Vor allem die Kommunikation in vielen Küchen habe sich zum Positiven verändert. Dass der raue Ton zunehmend verschwinde, trage möglicherweise auch dazu bei, dass mehr Frauen dauerhaft in der Gastronomie arbeiteten.
Als Küchenchefin habe sie zudem gelernt, dass nicht jeder Mitarbeiter auf dieselbe Weise geführt werden könne.
„Ich habe ganz viele Charaktere in der Küche stehen, und jeder muss ein Stück weit individuell behandelt werden, damit er seine beste Leistung geben kann.“
Sie müsse erkennen, wo jemand bereits stark sei und an welcher Stelle Unterstützung gebraucht werde. Ein wenig kaltes Wasser könne beim Lernen helfen. Wer einen Mitarbeiter jedoch zu stark schubse oder dauerhaft überfordere, erreiche am Ende keine bessere Leistung.
Leblond sucht damit eine anspruchsvolle Balance. Sie will den Leistungswillen der Spitzengastronomie bewahren, ohne die destruktiven Führungsmethoden früherer Generationen fortzusetzen.
Warum großer Service unverzichtbar bleibt
Als gelernter Restaurantfachmann interessiert mich besonders, wie eine Küchenchefin auf den Bedeutungsverlust des klassischen Serviceberufs blickt. Ich habe hierzu auch bereits mit Thomas Kellermann und Tohru Nakamura gesprochen.
Köche sind in den vergangenen Jahrzehnten zu medialen Persönlichkeiten geworden. Ihre Namen stehen über Restaurants, ihre Teller füllen Magazine und soziale Netzwerke. Restaurantleiter, Sommeliers und ausgebildete Restaurantfachleute haben von dieser Aufmerksamkeit deutlich weniger profitiert.
Dabei erfordert großer Service weit mehr, als Bestellungen aufzunehmen und Teller zu tragen.
Der Kellner muss erkennen, ob ein Gast ein Gespräch sucht oder lieber in Ruhe gelassen werden möchte. Er muss ein Gericht erklären, ohne einen Vortrag zu halten, und einen Wein empfehlen, ohne den Gast zu belehren oder finanziell unter Druck zu setzen. Er muss aufmerksam sein, ohne sich aufzudrängen.
Nathalie Leblond bestätigt aus Sicht der Küche, wie entscheidend diese Arbeit ist.
Selbst wenn die Küche einen Fehler mache, könne ein guter Service dafür sorgen, dass der Gast dennoch glücklich nach Hause gehe. Umgekehrt könne eine ausgezeichnete Küche einen katastrophalen Service kaum ausgleichen.
Die Küchenchefin begrüßt einen Gast vielleicht zu Beginn des Abends oder kommt nach dem Essen noch einmal an den Tisch. Während der Stunden dazwischen ist sie jedoch auf den Service angewiesen.
„Ich muss mich darauf verlassen, dass transportiert wird, was auf dem Teller ist und was der individuelle Gast möchte“, sagt sie. „Der eine möchte in Ruhe gelassen werden, der andere möchte ein Gespräch führen.“
Genau dieses Feingefühl werde aus ihrer Sicht zu wenig wertgeschätzt.
Ein Teller lässt sich leichter zeigen als Gastfreundschaft
Ein Teil des Problems liegt in der schwierigen Sichtbarkeit guter Servicearbeit.
Ein Koch kann ein Gericht anrichten, den Teller fotografieren und das Bild veröffentlichen. Farben, Formen und Produkte erzeugen Aufmerksamkeit, obwohl der Betrachter weder den Geschmack noch die Temperatur beurteilen kann.
Doch wie fotografiert man gutes Timing?
Wie zeigt man in den sozialen Medien, dass ein Restaurantleiter binnen weniger Augenblicke die passende Ansprache für einen Tisch gefunden hat? Wie lässt sich die Fähigkeit darstellen, eine Unterhaltung im richtigen Moment zu beginnen – oder bewusst nicht zu beginnen?
Leblond sieht darin eine wichtige Aufgabe für die Branche. Restaurantleiter und andere Servicepersönlichkeiten müssten öffentlich wieder stärker in den Vordergrund treten. Der Beruf brauche Vorbilder, die zeigen, wie anspruchsvoll und erfüllend die Arbeit mit Gästen sein kann.
Im Les Deux versucht das Team, einzelne Arbeiten bewusst am Tisch sichtbar zu machen. So wurden bereits Cocktails vor den Gästen zubereitet, auch die Brotpräsentation erfolgt am Tisch. Mehr wäre denkbar, doch auch hier setzt der Personalmangel Grenzen.

Dass dieses Thema gerade im Les Deux eine besondere Rolle spielt, ist kein Zufall. Mit Fabrice Kieffer steht ein erfahrener Maître hinter dem Haus, während Vincent Leblond heute als Restaurantleiter und Sommelier den Service führt. Die offizielle Darstellung des Restaurants nennt Katrin und Fabrice Kieffer als Gastgeber und Inhaber, Nathalie Leblond als Küchenchefin und Vincent Leblond als Restaurantleiter und Sommelier.
Die Verbindung zum Weinhaus Neuner
Fabrice Kieffers gastronomisches Engagement beschränkt sich nicht auf das Les Deux.
Er ist außerdem gemeinsam mit Christian Schretzlmeier Inhaber des Weinhaus Neuner in der Herzogspitalstraße. Geschäftsführer des Traditionsrestaurants ist Frank Glüer. Das Weinhaus Neuner gehört formal nicht einfach als zweiter Betrieb zum Les Deux, beide Häuser sind jedoch über Kieffers Beteiligung und sein Verständnis von Gastlichkeit miteinander verbunden.
Während das Les Deux für französisch geprägte Brasserie- und Sterneküche steht, pflegt das Weinhaus Neuner eine bayerisch-österreichische Wirtshauskultur in historischem Ambiente.
Kulinarisch sind die Häuser unterschiedlich ausgerichtet. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Vorstellung, dass ein Restaurant mehr sein muss als eine Küche mit angeschlossenem Gastraum. Es braucht erkennbare Gastgeber, einen professionellen Service und eine Atmosphäre, die nicht beiläufig entsteht.
Restaurant auf einen Blick
Les Deux München
1 Michelin-Stern
KÜCHE
modern französisch auf klassischer Grundlage
Gastgeber und Inhaber:
Katrin und Fabrice Kieffer
KATEGORIE
Gourmetrestaurant und Brasserie
PREISNIVEAU
€€€€
Barrierefreiheit:
Das Gourmetrestaurant ist mit einem Aufzug erreichbar. Im Erdgeschoß befindet sich eine barrierefreie Toilette.
ORT
München · Schäfflerhof
Küchenchefin:
Nathalie Leblond
Restaurantleiter und Sommelier:
Vincent Leblond
BIERGARTEN
rund 500 Plätze
BESUCHT
März 2025
Zwei Ebenen und möglichst viel Freiheit
Das Besondere am Les Deux liegt für Nathalie Leblond gerade in der Verbindung seiner beiden Ebenen.
Ein Gast kann mittags in der Brasserie einkehren, einen Flammkuchen oder einen Hummus-Toast bestellen und anschließend seinen Weg durch die Innenstadt fortsetzen. Er kann aber ebenso zu einem besonderen Anlass das Gourmetrestaurant besuchen.
Auch dort soll er nicht zu einem einzigen Ablauf gezwungen werden. Wer ein großes Menü essen möchte, kann sich dafür Zeit nehmen. Wer ein Geschäftsessen plant oder Sterneküche kennenlernen möchte, ohne mehrere Stunden am Tisch zu verbringen, kann auch drei À-la-carte-Gerichte bestellen.
„Wir versuchen, dem Gast alles anzubieten, auch diese Flexibilität – und das alles in einem Haus“, sagt Leblond.
Diese Freiheit ist ein wesentlicher Bestandteil zeitgemäßer Spitzengastronomie. Der Anspruch bleibt hoch, doch die Form passt sich dem Anlass und dem Gast an.
Auch eine verkrampfte Feierlichkeit möchte Leblond vermeiden.
„Uns ist sehr wichtig, dass es locker ist“, sagt sie. Das Gourmetrestaurant solle nicht verstaubt oder steif wirken. Hier dürfe auch laut gelacht werden.
Das klingt selbstverständlich, beschreibt aber eine anspruchsvolle Aufgabe. Echte Lockerheit entsteht nicht durch den Verzicht auf Professionalität. Sie setzt vielmehr ein Team voraus, das sein Handwerk so sicher beherrscht, dass der Gast die Anstrengung dahinter nicht spürt.

Klassisches Fundament, zeitgemäße Gastlichkeit
Nathalie Leblonds beruflicher Weg ist keine Geschichte schneller Wechsel und möglichst vieler prominenter Stationen.
Er führt vom Nürnberger Wirtshaus über fünf Jahre bei Dirk Luther und fast fünf Jahre bei Jan Hartwig bis zur Küchenleitung des Les Deux. Die langen Stationen sprechen für jene Loyalität, die sie selbst als wichtigen Teil ihres Charakters beschreibt.
Ihre Küche beruht auf dem klassischen französischen Handwerk. Saucen bilden ein Zentrum, Säure und nussige Aromen schaffen Spannung. Fisch, Krustentiere und Kalbsbries gehören zu ihren bevorzugten Produkten.
Doch das Les Deux erschließt sich nicht allein über die Küche.
Fabrice Kieffer brachte die Erfahrung aus 17 Jahren in der Residenz Heinz Winkler und das Selbstverständnis eines Maître in das 2012 gemeinsam mit Johann Rappenglück gegründete Restaurant ein. Heute führen Katrin und Fabrice Kieffer das Haus, während Nathalie Leblond und Vincent Leblond die verantwortlichen Positionen in Küche und Service innehaben.
So steht der Name Les Deux längst für mehr als seine ursprünglichen beiden Gründer.
Er steht für Brasserie und Gourmetrestaurant, für Erdgeschoss und erste Etage, für klassische Grundlagen und moderne Brüche. Vor allem aber steht er für zwei Seiten eines großen Restaurantabends, die nicht voneinander getrennt werden können: Küche und Service.
Denn am Ende reicht selbst der beste Teller allein nicht aus.
Es braucht jemanden, der ihn zum Gast bringt – und versteht, was dieser Gast in diesem Moment braucht.
Disclosure: Dieser Interview entstand bei der Recherche für meinen Beitrag im Magazin „Mein München Genuss“ aus dem Ippen Verlag, zu dem ich mehrere Artikel beigesteuert habe.
Wir verbrachten eine kurze, doch unvergesslich schöne Zeit im Les Deux. Wir danken für die Einladung, ohne die dieser Artikel nicht möglich gewesen wäre. Dennoch bleibt unsere Meinung nicht käuflich. Destinationen, Hotels und Restaurants überzeugen und begeistern mit ihrer Leistung. Dafür nochmals herzlichen Dank!
