Wer zum ersten Mal nach Montepulciano kommt, versteht schnell, warum die kleine Hügelstadt zu den bekanntesten Reisezielen der südlichen Toskana zählt. Hoch über dem Val di Chiana gelegen, vereint sie alles, was Reisende an dieser Region lieben: mittelalterliche Gassen, Renaissancepaläste, beeindruckende Ausblicke und natürlich einen der berühmtesten Rotweine Italiens.
Doch Montepulciano ist weit mehr als nur die Heimat des Vino Nobile. Die Stadt besitzt eine besondere Atmosphäre, die sich nur schwer beschreiben lässt. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von jahrhundertealter Architektur, steilen Kopfsteinpflastergassen und den sanften Hügeln der Toskana, die sich hinter jeder Ecke aufs Neue öffnen.









Montepulciano: Eine Stadt wie aus einem Historienfilm
Auf unserer Italien Rundreise für Kulinarik und Genuss geniessen wir den Spaziergang durch Montepulciano. Er fühlt sich an wie ein Trip in eine andere Zeit. Die historischen Mauern, die verwinkelten Gassen und die mächtigen Palazzi erzählen von einer langen Geschichte, in der die Stadt zeitweise zu den wohlhabendsten Orten der Region gehörte.




Anders als viele touristisch stark frequentierte Orte der Toskana hat Montepulciano einen Teil seiner Ursprünglichkeit bewahrt. Hinter den schweren Holztüren befinden sich kleine Handwerksbetriebe, Weinhandlungen und traditionelle Cafés. Immer wieder öffnen sich die engen Straßen zu kleinen Plätzen, von denen der Blick weit über die Landschaft schweift.



Besonders in den Abendstunden zeigt sich Montepulciano von seiner schönsten Seite. Wenn die Sonne langsam hinter den Hügeln verschwindet, taucht das warme Licht die Natursteinfassaden in goldene Farben. Von den Aussichtspunkten rund um die Altstadt reicht der Blick bis weit ins Val di Chiana und an klaren Tagen sogar bis zu den Bergen des Apennin.

Piazza Grande: Das Herz von Montepulciano
Wer Montepulciano besucht, kommt an der Piazza Grande nicht vorbei. Der höchste Punkt der Altstadt ist seit Jahrhunderten das politische, religiöse und gesellschaftliche Zentrum der Stadt. Umgeben von prachtvollen Renaissancebauten wie dem Palazzo Nobili-Tarugi, dem Palazzo Contucci und dem Dom Santa Maria Assunta entfaltet der Platz eine beeindruckende Kulisse, die schon mehrfach als Filmkulisse diente.
Sein markantestes Bauwerk ist jedoch der Palazzo Comunale mit seinem weithin sichtbaren Uhrturm. Das im 15. Jahrhundert nach Plänen des berühmten Florentiner Architekten Michelozzo umgestaltete Rathaus erinnert mit seiner gezackten Zinnenkrone und dem hohen Turm bewusst an den Palazzo Vecchio in Florenz. Wer die rund 80 Stufen bis auf den Turm erklimmt, wird mit einem der schönsten Ausblicke über die Weinberge des Val d’Orcia und des Val di Chiana belohnt. Von hier oben wird deutlich, warum Montepulciano seit Jahrhunderten als eine der schönsten Renaissance-Städte der Toskana gilt.
Gerade in den frühen Morgenstunden oder am späten Nachmittag, wenn das warme Licht die hellen Travertin-Fassaden zum Leuchten bringt, entfaltet die Piazza Grande ihren besonderen Zauber. Dann scheint die Zeit für einen Moment stillzustehen – und genau dieses unverwechselbare Zusammenspiel aus Geschichte, Architektur und toskanischer Lebensart macht den Reiz Montepulcianos aus.



Die Fortezza: Wächterin über dem Val d’Orcia
Am höchsten Punkt von Montepulciano erhebt sich die mächtige Fortezza, deren Ursprünge vermutlich bis ins 8. Jahrhundert zurückreichen. Sicher belegt ist ihre Existenz bereits im Jahr 715. Ob die Festung auf den Resten eines etruskisch-römischen Tempels entstand oder von Anfang an als strategischer Verteidigungspunkt diente, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Ihre heutige Gestalt erhielt die Burg im Wesentlichen im 13. Jahrhundert, ehe sie in den folgenden Jahrhunderten mehrfach umgebaut und erweitert wurde.
Heute erfüllt die Fortezza eine ganz andere Aufgabe: Sie ist Sitz des Consorzio del Vino Nobile di Montepulciano, beherbergt die Enoliteca mit einer großen Auswahl regionaler Weine und dient als Veranstaltungsort für Ausstellungen sowie kulturelle Ereignisse. Damit verbindet sie auf eindrucksvolle Weise die bewegte Geschichte Montepulcianos mit seiner bis heute lebendigen Weinkultur.

Vino Nobile di Montepulciano: Der Stolz der Region
So reizvoll die Stadt selbst auch ist – ihr internationaler Ruf basiert vor allem auf dem Wein. Der Vino Nobile di Montepulciano gehört zu den ältesten und angesehensten Rotweinen Italiens. Bereits im Mittelalter wurde er von Adeligen und Kirchenfürsten geschätzt. Der Name „Nobile“ – also „edel“ – verweist auf diese historische Verbindung.
Wer die Weine der Region näher kennenlernen möchte, findet rund um Montepulciano zahlreiche renommierte Weingüter. Zu ihnen gehören auch die Tenimenti Angelini, die mehrere traditionsreiche Weingüter in der Toskana vereinen und den Charakter der verschiedenen Anbaugebiete eindrucksvoll widerspiegeln. Einen ausführlichen Einblick gibt mein Bericht über die Tenimenti Angelini und ihre Weine.
Die wichtigste Rebsorte des Vino Nobile ist Sangiovese. In Montepulciano wird sie traditionell als Prugnolo Gentile bezeichnet. Sie verleiht dem Wein seine charakteristische Eleganz und Struktur.
Typische Aromen sind:
- Kirschen
- Pflaumen
- Veilchen
- Kräuter
- Tabak
- Leder
- feine Gewürznoten
Im Vergleich zu vielen modernen Spitzenweinen wirkt ein guter Vino Nobile oft weniger kraftbetont, dafür eleganter und harmonischer. Genau diese Balance macht ihn für viele Weinliebhaber so interessant.
Rosso di Montepulciano oder Vino Nobile?
Wer die Weinkarten der Region studiert, stößt schnell auf zwei Namen: Rosso di Montepulciano und Vino Nobile di Montepulciano. Der Unterschied liegt vor allem in der Reifezeit und der Komplexität.
Rosso di Montepulciano
Der Rosso gilt gewissermaßen als der jüngere Bruder des Vino Nobile.
Er ist:
- fruchtbetonter
- früher trinkreif
- unkomplizierter
- meist günstiger
Damit eignet er sich hervorragend als Einstieg in die Weinstilistik der Region.
Vino Nobile di Montepulciano
Der Vino Nobile unterliegt strengeren Vorschriften und reift deutlich länger.
Dadurch entwickelt er:
- mehr Tiefe
- mehr Struktur
- höhere Lagerfähigkeit
- größere Komplexität
Wer Montepulciano wirklich verstehen möchte, sollte beide Weinstile probieren.
Nicht verwechseln: Montepulciano, Montalcino und Montepulciano d’Abruzzo
Selbst erfahrene Weinfreunde bringen die Namen gelegentlich durcheinander.
Montepulciano
Eine Stadt in der Toskana. Hier entsteht der Vino Nobile di Montepulciano. Die wichtigste Rebsorte ist Sangiovese beziehungsweise Prugnolo Gentile.
Montalcino
Ebenfalls eine Stadt in der Toskana. Hier wird der berühmte Brunello di Montalcino erzeugt. Auch dieser basiert auf Sangiovese.
Montepulciano d’Abruzzo
Nicht zu verwechseln sind die Weine aus dem Ort Montepulciano mit dem Montepulciano d’Abruzzo aus den Abruzzen. Während ersterer nach seiner Herkunftsstadt benannt ist und überwiegend aus Sangiovese gekeltert wird, trägt letzterer den Namen der Rebsorte Montepulciano. Zu den bekanntesten Erzeugern zählt das Weingut Masciarelli, dessen Spitzenlinie Marina Cvetic internationale Anerkennung genießt.



Kulinarische Entdeckungen in Montepulciano
Neben Wein spielt selbstverständlich auch die Küche eine wichtige Rolle. Am Abend dinieren wir in feucht-fröhlicher Runde in der Osteria Porta di Bacco, ein traditionsreiches Restaurant in der Altstadt.




Auf der Speisekarte stehen klassische Gerichte der Region, darunter Panna cotta mit Pecorino, gefüllte Gnocchi in Prosciutto-Brühe sowie Perlhuhn mit Finocchiona.








Begleitet werden die Speisen von ausgewählten Weinen aus verschiedenen Regionen Italiens, darunter selbstverständlich auch ein gereifter Vino Nobile di Montepulciano Riserva.
Gerade solche Abende zeigen, warum die Toskana bis heute zu den spannendsten Genussregionen Europas gehört. Wein, regionale Produkte und traditionelle Küche bilden hier eine Einheit, die weit über einzelne Restaurants hinausgeht.

Mein Fazit zu Montepulciano
Montepulciano gehört für mich zu den Orten, die man nicht wegen einer einzelnen Sehenswürdigkeit besucht. Es ist die Atmosphäre, die den Reiz ausmacht. Die Ausblicke über die Hügel der Toskana. Die verwinkelten Gassen. Die historischen Palazzi. Die Weinkeller unter der Stadt. Und natürlich die Weine, die Montepulciano weltweit bekannt gemacht haben.
Wer die Toskana entdecken möchte, sollte Montepulciano unbedingt auf seine Reiseliste setzen. Die Stadt verbindet Kultur, Geschichte, Landschaft und Kulinarik auf eine Weise, die nur wenige Orte in Italien erreichen.
Disclosure: Wir verbrachten eine kurze Zeit in Montepulciano. Dennoch bleibt unsere Meinung nicht käuflich. Destinationen, Hotels und Restaurants überzeugen und begeistern mit ihrer Leistung. Dafür nochmals herzlichen Dank!
Diese Reportage entstand im Rahmen einer Pressereise, die durch das EU-geförderte Projekt I love Italian Food (im Rahmen der „GUSTO“-Projektinitiative). Die journalistische Unabhängigkeit und die inhaltliche Gestaltung der Beiträge wurden durch die Kooperationspartner nicht beeinflusst.
