Spontan, charakterstark, visionär: 10 junge wilde Winzer und ihr Weg an die Weltspitze

by Götz A. Primke
Junge wilde Winzer - Portrait 10 deutscher Winzer: Lisa Bunn, Patrick Johner, Victoria Lergenmüller, Alexander von Halem, Agnes Schütte, Johannes Bürkle, Tina Pfaffmann, Martin Gerlach, Eva Fricke, Christine Huff

Das Prädikat „jung & wild“ zeichnete in der Weinwelt lange Zeit vor allem mutige, unkonventionelle Pioniere aus, die traditionelle Fesseln sprengen wollten. Doch was bedeutet dieser Begriff heute? Ist es ein reines Marketing-Etikett, eine einheitliche Philosophie oder das radikale Auflinksdrehen familiärer Traditionen? Auf unserer fortlaufenden Spurensuche durch die schönsten deutschen Weinanbaugebiete zeigt sich: Der unbedingte Wille, eigene, kompromisslose Wege zu gehen, setzt eine faszinierende, gestaltende Kraft frei.

Was einst als Rebellion gegen verkrustete Weingesetze und starre Verbandsvorgaben begann, hat das Fundament des modernen deutschen Weinwunders gegossen. Wir haben zehn herausragende Winzertalente über Jahre hinweg begleitet. Hier ist ihr Weg von den wilden Anfängen bis zur heutigen Etablierung an der qualitative Weltspitze.

Lisa Bunn: 2014 Chardonnay Reserve
Lisa Bunn: 2014 Chardonnay Reserve

1. Lisa Bunn (Weingut Lisa Bunn, Rheinhessen) – Die Hüterin des Roten Hangs

Anbaugebiet: Rheinhessen | Fokus: Mineralische Rieslinge & Lagenweine

Wer Sommeliers und Weinliebhaber nach kreativen Impulsgebern in Rheinhessen fragt, stößt unweigerlich auf Lisa Bunn. Aus einer gesundheitlichen Dynamik heraus übernahm sie früh die Verantwortung im elterlichen Betrieb. Ihre erste mutige Amtshandlung: Dem Traditionsnamen „Margarethenhof“ – den es in Deutschland dutzende Male gibt – adieu zu sagen und dem Wein mit ihrem eigenen Namen ein klares Gesicht zu geben. Ihr Credo lautet Entschleunigung: „Wir geben dem Wein Zeit. Wir wollen nicht möglichst schnell möglichst viel Ertrag produzieren.“

Mit viel Handarbeit, dem konsequenten Einsatz von Holzfässern und dem Vertrauen in die Spontanvergärung distanziert sie sich vom austauschbaren Massenprodukt. Das unbestrittene Highlight ihres Portfolios sind die Riesling-Lagenweine vom legendären Roten Hang in Nierstein – steinige, ertragsschwache Steillagen, die den Reben tiefe Wurzeln abverlangen. Die Belohnung sind hochelegante, mineralische Kunstwerke. Die Rotweine, allen voran die Spätburgunder Reserve, reifen bis zu zwei Jahre im Barrique. Der Erfolg gibt ihr Recht: Die Kreationen von Lisa Bunn schmücken längst die Weinkarten nationaler Spitzenrestaurants.

Karl H. Johner: 2011 Chardonnay SJ
Karl H. Johner: 2011 Chardonnay SJKarl H. Johner: 2011 Chardonnay SJ

2. Patrick Johner (Weingut Johner, Baden) – Die Symbiose aus High-Tech und Barrique

Anbaugebiet: Baden (Kaiserstuhl) | Fokus: Grauburgunder, Weißburgunder & Pinot Noir

Das Weingut Johner am Kaiserstuhl gilt seit jeher als Brutstätte für Querdenker. Schon Vater Karl-Heinz zählte zu den großen Unorthodoxen der Szene, der seine Weine bereits in den 1985er Jahren zu 100 % im Barrique ausbaute – was damals von Prüfbehörden noch als „Fehlton“ abgestraft wurde. Sohn Patrick Johner führt dieses genetische Erbe der Innovation konsequent fort. Er verbindet handwerkliche Perfektion im Weinberg mit modernster digitaler Intelligenz. Optische Sortieranlagen, präzise Weinbergskartierung und technikgestützte Arbeitserleichterung sind für den IT-begeisterten Winzer Werkzeuge zur ultimativen Qualitätssteigerung.

Gleichzeitig beweist das Weingut globale Visionen: Als eines der ersten deutschen Güter etablierte die Familie ein hochkarätiges zweites Standbein in Neuseeland (Johner Estate). Stilistisch haben sich die Weine über die Jahre genial weiterentwickelt: Weg vom opulenten Holz-Einsatz der Anfangstage, hin zu vibrierender Frische, mineralischer Eleganz und feingliedriger Frucht, die den Vulkanboden des Kaiserstuhls perfekt widerspiegelt.

3. Victoria Lergenmüller (Weingut Sankt Annaberg, Pfalz) – Monopol-Rieslinge aus den Wolken

Anbaugebiet: Pfalz | Fokus: Puristische Steilstlagen-Rieslinge

Victoria Lergenmüller wurde das Weinmachen in die Wiege gelegt – ihre Familie blickt auf eine Weinbautradition seit 1538 zurück. Dennoch suchte sie sich die extremste Herausforderung aus, als sie die Verantwortung für das Weingut Sankt Annaberg übernahm. Das höchstgelegene Weingut der Pfalz galt lange als ungeschliffener Rohdiamant. Auf markanten Steilstlagen mit kargen Schiefer- und Sandsteinböden kultiviert sie auf rund sieben Hektar ausschließlich Riesling.

Ihre Philosophie basiert auf bedingungsloser Handlese, Spontanvergärung und dem Feingefühl für großes Holz. Inzwischen hat sie das Gut erfolgreich auf biologischen Anbau umgestellt. „Ich gebe meinen Weinen Zeit. Ich lasse mich und die Weine nicht stressen“, sagt sie gelassen. Diese Ruhe schmeckt man: Ihre Rieslinge sind keine lauten Fruchtbomben, sondern intellektuelle, knochentrockene und extrem lagerfähige Charakterweine, die in den besten Weinbars der Republik ein Zuhause gefunden
haben.

Wein von 3 2020 Riesling trocken
Grünes Risotto mit Wein von 3 Riesling trocken
Wein von 3 2020 Riesling trocken
Wein von 3 Riesling trocken

4. Alexander von Halem (Wein von 3, Franken) – Der avantgardistische Schlosswein

Anbaugebiet: Franken | Fokus: Unorthodoxe Cuvées & Naturweine

Wenn sich ein kunstsinniger Schlossherr und Hotelier mit visionären Weinmachern verbündet, entsteht selten etwas Alltägliches. Alexander von Halem hauchte dem Barockschloss Zeilitzheim neues Leben ein und gründete mit Freunden das Projekt „Wein von 3“. Frei von fränkischen Bocksbeutel-Klischees und traditionellen Klassifikationsgrenzen vinifizieren sie charakterstarke Qualitätsweine auf wenigen Hektar.

Die Etiketten tragen eigenwillige, historische Namen wie die weiße Cuvée „Wolf jr.“ oder der Rotling „Melusine“. Im Fokus steht die kompromisslose Rückkehr zur Natur: Verzicht auf Herbizide und Pestizide, intensive Handarbeit und ein minimalinvasiver Ausbau im Keller. Die Kreationen von „Wein von 3“ nehmen bewusst nicht an den klassischen Landesprämierungen teil, haben sich dafür aber einen festen Kultstatus in der urbanen Gastronomie und Naturweinszene erarbeitet.

5. Agnes Schütte (Ökoweingut Schütte, Rheinhessen) – Die Pionierin der Nachhaltigkeit

Anbaugebiet: Rheinhessen | Fokus: Bioweine sur lie & High-End Alkoholfrei

Während viele Betriebe erst in den letzten Jahren auf den Öko-Zug aufgesprungen sind, wird im Ökoweingut Schütte der biologische Weinbau seit Generationen gelebt. Die studierte Archäologin Agnes Schütte übernahm den elterlichen Vier-Hektar-Betrieb und verfeinerte das Konzept durch die Wiederbelebung traditioneller, naturnaher Handwerkskunst. Ihre Weine werden mit langem Hefelager (sur lie) ausgebaut, was ihnen eine enorme Tiefe und Langlebigkeit verleiht.

Gleichzeitig hat sie ein visionäres Gespür für moderne Konsumtrends bewiesen: Die steigende Nachfrage nach erstklassigen alkoholfreien Alternativen beantwortete sie mit einer eigenen Linie sortenreiner Premium-Traubensäfte. Ihr verperlter Traubensaft „Elise“ – benannt nach der Großmutter – gilt in der gehobenen Gastronomie als einer der besten und komplexesten Sektersatze für
anspruchsvolle Genießer, die auf Alkohol verzichten möchten.

6. Johannes Bürkle (Weingut Simon-Bürkle, Hessische Bergstraße) – Der Granit-Rocker

Anbaugebiet: Hessische Bergstraße | Fokus: Granit-Riesling & Burgunder

Ein schwerer familiärer Schicksalsschlag zwang Johannes Bürkle während seiner internationalen Lehrjahre in Südafrika zur plötzlichen Rückkehr. Er übernahm das Weingut Simon-Bürkle an der Hessischen Bergstraße – einem der kleinsten und unterschätztesten Anbaugebiete Deutschlands. Bürkle etablierte sofort ein neues Qualitätsregime: „Aus schlechten Trauben kommt kein guter Wein. Unser oberstes Gebot ist, nur absolut gesunde Trauben zu ernten.“

Dazu stellte er die Lese komplett auf kleine 15-kg-Kisten um, um jegliche Mikro-Oxidation beim Transport zu verhindern. Im Keller gilt das Prinzip des kontrollierten Nichtstuns: Die Weine werden so wenig wie möglich bewegt. Das unbestrittene Aushängeschild ist sein „Granit Riesling“, der die einzigartige, mineralische Urgesteins-Struktur der Hessischen Bergstraße fulminant auf die Zunge bringt. Durch ein starkes Online-Konzept und exzellente Qualitäten hat er das Gut zu einer festen nationalen Adresse gemacht.

7. Tina Pfaffmann (Weingut Tina Pfaffmann, Pfalz) – Emotion und Steingut

Anbaugebiet: Pfalz | Fokus: Facettenreiche Rieslinge & unfiltrierte Raritäten

Tina Pfaffmann ist eine Winzerin, die nach reinen Bauchgefühl und mit unbändiger Leidenschaft agiert. „Ich liebe die Rieslinge, weil sie so unglaublich facettenreich sind“, erklärt sie. Statt die Weine in ein technologisches Korsett zu zwängen, lässt sie der Natur im Keller freien Lauf. Dadurch spiegeln ihre Jahrgänge die echten, ungeschminkten Wetterkapriolen des Jahres wider – mal mit messerscharfer Säure, mal mit betörender, harmonischer Restsüße.

Eine absolute Besonderheit in ihrem Keller ist der Ausbau im historischen Steingutbehälter. Der darin gereifte „Steingut Riesling“ besticht durch eine ganz eigene, faszinierend kreidige Mineralität und Textur. Obwohl sie in der Bewirtschaftung extrem naturnah und de facto biologisch arbeitet, verzichtet sie bewusst auf starre Zertifizierungs-Etiketten. Ihre markanten, emotionalen Flaschen-Designs sind ein Statement für Wein mit Ecken, Kanten und Seele.

Junge wilde Winzer - Portrait 10 deutscher Winzer: Lisa Bunn, Patrick Johner, Victoria Lergenmüller, Alexander von Halem, Agnes Schütte, Johannes Bürkle, Tina Pfaffmann, Martin Gerlach, Eva Fricke, Christine Huff

8. Martin Gerlach (Gerlachsmühle, Mosel) – Der Steillagen-Rebell

Anbaugebiet: Mosel | Fokus: Schiefer-Rieslinge aus der Spontanvergärung

Auch Martin Gerlach musste im zarten Alter von 20 Jahren nach dem plötzlichen Tod des Vaters eine existenzielle Entscheidung treffen. Entgegen aller Ratschläge übernahm er die traditionsreiche Gerlachsmühle an der Mosel, um das großelterliche Erbe zu bewahren. Mit Erfolg: Die anfängliche Rebfläche wurde durch gezielte Zukäufe in spektakulären, schiefergeprägten Steillagen erweitert.

Um der Jugend den Zugang zu hochwertigem Wein zu ebnen, setzte Gerlach früh auf provokante und frische Vermarktungsideen. Sein „Dangerous Riesling“ mit dem markanten Totenkopfetikett wurde zum absoluten Kultwein. Hinter dem provokanten Marketing steckt jedoch kompromissloses Handwerk: Gerlach setzt konsequent auf die Risiken und Chancen der Spontanvergärung. Die Weine zeigen die klassische Mosel-Stilistik – feinherb, vibrierend lebendig und tief mineralisch – übersetzt in eine moderne, urbane Sprache.

9. Eva Fricke (Weingut Eva Fricke, Rheingau) – Die weltweite Hundert-Punkte-Ikone

Anbaugebiet: Rheingau | Fokus: Puristische Biodynamie & Raritäten

Die gebürtige Bremerin Eva Fricke hat eine der faszinierendsten Karrieren der Weinbranche hingelegt. Nach ihrem Studium in Geisenheim und Stationen im Spitzenweinbau baute sie parallel ihr eigenes Weingut Eva Fricke im Rheingau auf. Heute ist sie keine reine „Jungwinzerin“ mehr, sondern eine feste, weltweit gefeierte Ikone. Sie bewirtschaftet extreme Steilstlagen in Lorch und Rüdesheim mit einem enormen Anteil an uralten, wurzelechten Reben.

Eva Fricke arbeitet streng biologisch-dynamisch und verzichtet im Keller auf jegliche Schönungsmittel. Ihre Rieslinge faszinieren durch eine laserartig präzise Klarheit, salzige Mineralität und ungeschminktes Terroir. Die internationale Kritik überschlägt sich regelmäßig mit Lobeshymnen; die absoluten Spitzen-Raritäten ihres Hauses wurden vom renommierten Wine Advocate (Robert Parker) bereits mit den magischen 100 Punkten ausgezeichnet. Ein weltweites Aushängeschild für das absolute Premium-Segment des deutschen Weinbaus.

10. Christine Huff (Weingut Fritz Ekkehard Huff, Rheinhessen) – Die
transatlantische Symbiose

Als Christine Huff ihren Eltern eröffnete, das rheinhessische Traditions-Weingut Fritz Ekkehard Huff weiterführen zu wollen, erntete sie zunächst Skepsis – zu hart schien das wirtschaftliche Pflaster. Doch die Leidenschaft siegte. Sie kaufte historische Steillagen-Parzellen am berühmten Roten Hang zurück und verdoppelte die Rebfläche. Ein genialer Katalysator des Erfolgs ist ihr neuseeländischer Ehemann Jeremy Bird. Während Christine das önologische Fundament und die tiefe Verwurzelung in der Tradition sichert, bringt Jeremy den dynamischen, unkonventionellen Geist der Übersee-Weinwelt ein.

Er entwarf die moderne, extrem erfolgreiche „Bird“-Linie (Green Bird, Red Bird), die eine frische, urbane Zielgruppe begeistert. Bei den großen Lagenweinen hingegen zeigt Christine Huff ihr ganzes handwerkliches Können: Herbe, charakterstarke Rieslinge, die sich ihre Mineralstoffe tief aus dem Gestein holen. Die perfekte Symbiose aus rheinhessischer Seele und internationalem Esprit.

Junge wilde Winzer: Das Erbe der Rebellen

Wenn die Bewegung der „jungen wilden Winzer“ eines bewiesen hat, dann dass wahrer Charakter nicht im Gleichschritt entsteht. Was diese zehn unterschiedlichen Winzerpersönlichkeiten eint, ist der unbedingte, fast schon fanatische Wille zur Qualität. Durch radikale Ertragsreduktion, maximale Entschleunigung im Keller, das Vertrauen in die wilde Spontanvergärung und den tiefen Respekt vor dem Ökosystem Weinberg haben sie die deutsche Weinlandschaft nachhaltig revitalisiert. Aus den einstigen wilden Rebellen sind die hochrespektierten Grand Cru-Macher von heute geworden. Ein Beweis dafür, dass es sich immer lohnt, eigene Wege zu gehen – für den Winzer im Weinberg ebenso wie für den Genießer im Glas.


Disclosure: 1.) Dieser Artikel ist ein Update eines von mir verfassten Artikels für ein Wein-Spezial der Abenteuer & Reisen. 2.) Das Titelbild ist mit Gemini, ein weiteres Bild mit ChatGPT erstellt, da ich selbst keine passenderen Bilder vorliegen habe. Beide KI’s haben den gleichen Prompt bekommen. Welches Ergebnis gefällt Euch besser? Lasst es uns gerne wissen.

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