Naturhotel Chesa Valisa: Tradition und Nachhaltigkeit im Kleinwalsertal

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13 Generationen: Allein diese Zahl beeindruckt, egal, was dahinter kommt. Wenn ein Haus, ein Gasthof, ein Hotel seit 13 Generationen einer Familie gehört und die 14. bereits in den Startlöchern steht, dann beeindruckt das noch viel mehr. Mehr kurios als beeindruckend ist ausserdem die Skilift-Ampel, die wir kreuzen, also wir zum Hotel fahren. Das Naturhotel Chesa Valisa und die Familien Schuster und Kessler gehören nun schon seit dieser beeindruckend langen Zeit untrennbar mit dem Kleinwalsertal zusammen. Wir besuchten das Biohotel Chesa Valisa zur Bergscout Challenge.

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Die Kooperation der Bio-Hotels ist mir persönlich schon lange sehr sympathisch. Während meines Volontariates bei der Hotelfachzeitschrift First Class war ich der zuständige Redakteur für die Artikel über diese Hotels. Jeden Monat wurde ein Bio-Hotel den Lesern präsentiert. Dafür bekamen die einzelnen Hotels xyz Exemplare der Fachzeitschrift geliefert. So hält der Verlag B&L Medien seine Druckauflage schön hoch. Diese Praxis ist üblich bei den vielen namhaften Zeitungen und Zeitschriften, die viele tausend Exemplare als kostenlose Bordexemplare an die Airlines geben. Ich erhielt in dieser Zeit einen tieferen Einblick in die Philosophie der Kooperation der Bio-Hotels sowie die Unterschiede zwischen den einzelnen Hotels. Von der Frühstückspension über das Fastenhotel bis zum 4-Sterne-Top-Hotel sind unter dem Dach der Bio-Hotels viele Übernachtungsmöglichkeiten versammelt. Das Naturhotel Chesa Valisa unter der Leitung von Klaus und Sieglinde Kessler gehört unfraglich zur Spitze der Kooperation.

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Biohotel_Naturhotel_Chesa_Valisa_Dez2012_19Das Haus in Hirschegg im Kleinwalsertal ist ein ausgesprochen schönes Bio-Hotel, das eine wunderbare Symbiose aus Alt und Modern darstellt. Besonders beeindruckt mich, dass das Haus seit so vielen Jahrhunderten in Familienhand ist. So etwas ist wirkliche Nachhaltigkeit. Dabei findet sich der Bio-Gedanke auch in der ausgesprochen köstlich-kreativen Küche wieder. Das Frühstücksbuffet weiß mit ein paar feinen Besonderheiten zu glänzen, so etwa einem ganz frischen, warmem Schinkenbraten zum Selbstaufschneiden, frischen regionalen Würsten und Käse.

Biohotel_Naturhotel_Chesa_Valisa_Dez2012_20Die Gastronomie ist in vielerlei Hinsicht erstklassig. Die Mitgliedschaft bei den Bio-Hotels steht für sich. Außerdem ist es Mitglied bei den Eurotoques, die Grüne Haube, eine Auszeichnung in Österreich für exzellente Bio-Küche, wurde dem Hotel verliehen. Die Speisekarte bietet sowohl Kreationen edler regionaler Küche wie auch Klassiker aus Österreich und dem Allgäu wie Kaiserschmarren und Kässpatzn.

Biohotel Naturhotel Chesa Valisa Dez2012_09In diesem Jahr ist das Hotel bereits seit zehn Jahren Mitglied der Bio-Hotels. Doch hat die Familie schon vor 20 Jahren damit angefangen, das Haus konsequent biologisch-ökologisch-nachhaltig auszurichten. Der Gastgeber und Inhaber Klaus Kessler erklärt mir, dass diese Ausrichtung nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt geschehen kann. Es ist ein permanenter Prozess, der sich dynamisch verändert. Bestimmte Veränderungen können nur langfristig und mit Rücksicht auf Verträge und Nachbarn geschaffen werden. So ist das Hotel bereits seit langem komplett frei von Heizöl und hat auf eine Pelletheizung und Fernwärme von der Genossenschaft der Walserbauern umgestellt. „Wir verstehen Ökologie als Kreislauf von Wertschöpfung in kleinen Distanzen“, verdeutlicht er.

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Naturhotel Chesa Valisa: Die 4 Bausteine der Nachhaltigkeit

Die Familie versteht Nachhaltigkeit in vier Bausteinen:

Baustein I: Die Natur um das Haus herum und wie wir damit umgehen

  • Lokaler Einkauf bei den Walserbauern: Nachhaltigkeit fängt in der kleinsten Umgebung an.
  • Gefühl von Gegenseitigkeit mit Bauern: Wir sind alle in einem Boot
  • Unterstützung beim Transformationsprozess: Mittlerweile gibt es 14 zertifizierte Bio-Bauern im Tal, noch vor 10 Jahren gab es nur einen einzigen Bio-Bauern
  • Anschliessend folgte die Gründung einer Genossenschaft für Molkerei
  • die Chancen stehen gut, bald zu 100% ein Biotal zu sein

Baustein II: Baubiologie und vernünftige Architektur

  • Das moderne Hotel beinhaltet auch Sachen, die von altem Haus abgelegt sind
  • Geölte Fußböden
  • Vollholzmöbel
  • Latexmatratzen
  • Netzfreischalter
  • Lehmwände
  • nachhaltige Architektur: Der Architekt Prof. Hermann Kaufmann, ein berühmter Vertreter der Vorarlberger Holzbaulinie, knüpft an die alte Linie, an alte Traditionen an: klar und edel gestaltete er die modernen Bereiche, ohne mit den alten, traditionellen Bereichen zu stark zu brechen.

Baustein III: Bio & Regional sind untrennbar miteinander verbunden

  • „Ein Bio-Apfel aus China bspw. kommt uns nicht ins Haus.“
  • „Wir zahlen 30% mehr, als wenn wir konventionell kaufen würden“: Zum Zeitpunkt unseres Besuches kostete der Liter konventionelle Milch etwa 30 Cent, während die frische Biomilch aus dem Tal den Hotelier 85 Cent kostet.
  • 100% Bio in der Küche ohne Kompromisse
  • Ausschliesslich österreichischer Wein – auch wenn Deutschland gleich nebenan ist

Baustein IV: Wellness und Fitness im Spa Bereich

  • Ayruveda: Wellness-Ayurveda, keine medizinische Ayurveda, kein Medical Wellness.
  • Kosmetik mit 2 Bio-Linien: die Kosmetiklinie Pharmos Natur Green Luxury sowie Marías Organic Care aus Salzburg.
  • EHC Zertifizierung Eco-Zert
  • „Wir wollen der Spitzenreiter unter den Bio-Hotels sein: Wir belohnen Gäste fürs Auto stehen lassen. Wir stellen auch die Langlauf-Ausrüstung oder im Sommer Mountain-Bikes kostenlos.
  • „Käse für Kilometer Askesen“: Für alle, die ihr Auto im Urlaub stehen lassen und so einen Beitrag zur guten Walser Luft beisteuern, die mit der Bahn anreisen oder bei Ankunft den Autoschlüssel abgeben, erhalten als Dankeschön ein Stück Walser Bergkäse. Dafür sind die Gäste dennoch mobil, denn der Walserbus fährt zum Nulltarif alle 7 Minuten.

Schon allein der Walserbus bietet für das Kleinwalsertal ein perfektes, leistungsfähiges Verkehrssystem. Dieser regionale Linienbus verbindet nicht etwa nur die Hauptorte des Tales, auch die kleineren Ortsteile werden mit Nebenlinien angefahren. So bietet das Kleinwalsertal mit 28 Bussen auf 5 Linien einen Service für durchschnittlich 4 Mio. Fahrgäste pro Jahr. Der Verkehr im Tal hat sich um ca. 30% reduziert.

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Naturhotel Chesa Valisa: Das Hotel mit der Skilift-Ampel

Die Anfahrt zum Naturhotel Chesa Valisa ist durchaus etwas kurios. Zumindest im Winter. Wir biegen von der Hauptstrasse auf die Zufahrt zum Hotel ein – und stehen vor einer Ampel. Diese steht gerade auf Rot. Doch uns kreuzen keine Autos, sondern Skifahrer. Das Chesa Valisa liegt an der wohl einzigen Skilift-Ampel Österreichs. Die Schaltung auf Grün erfolgt automatisch via Induktionsschleife. Gerade im Winter sollte man, insbesondere wenn man – wie wir – mit einem normalen Mittelklassewagen unterwegs ist – dann ordentlich Vollgas geben, um über die gute, dichte Schneeschicht für die Skifahrer hinüberzufahren. Für die Steigung braucht man eh etwas mehr Anlauf. Zum Skifahren liegt das Hotel ideal: Mit dem besagten Skilift kommen die Skifahrer zu sieben weiteren Liften und Pisten, über den Skigleitweg geht es direkt zum Ifen und Walmendinger Horn.

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Ayurveda im Chesa Valisa

Wir schmelzen dahin unter den geübten und gezielt zupackenden Fingern der Masseurin. Der Stirnölguss hilft uns, den Kopf zu entspannen. Das Naturhotel Chesa Valisa hat ein dermassen erstklassiges Wellness-Angebot mit verschiedenen Massagen, Packungen, Bädern, Schönheitspflege-Möglilchkeiten und Ayurveda, dass es im Relax-Guide zwei Lilien als Auszeichnung trägt. Das Hotel macht allerdings keine falschen Ayurveda-Versprechungen. Richtiges Ayurveda ist in Europa, unter unseren hiesigen Lebens- und Essbedingungen sowie der Zeit, die den Gästen für Urlaub zur Verfügung steht, sowieso nicht wirklich möglich. Das Hotel bietet stattdessen einzelne ayurvedische Anwendungen an, die als Individuelle Wellnessanwendungen zu verstehen sind. So wird auch nicht mehr als zweimal wöchentlich ayurvedisch kochen angeboten. Das Hotel will nicht mehr als neugierig machen auf das Thema, das allerdings richtig. Ein chinesischer Koch und ein Ayurveda-Therapeut runden das Angebot ab.

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Naturhotel Chesa Valisa: Das Generationenhotel

Das Stammhaus ist über 500 Jahre alt. Es wurde gebaut im Jahre 1507 (Kolumbus machte gerade seine 3. Amerikareise). Als gestricktes Holzhaus ist das Naturhotel in seinem Kern immer noch das traditionelle Walserhaus. In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde aus dem Bauernhof unter der Führung von Karolina Schuster langsam eine Fremdenpension (die „Pension Schuster“) und nach dem zweiten Weltkrieg unter Max und Tilli Kessler (eine geb. Schuster) ein Gasthof, der sich schnell großer Beliebtheit erfreute. Das Haus gehört nicht nur bereits seit Generationen der gleichen Familie, es kommen auch schon seit Generationen Familien in dies Hotel zum Urlaub. Die Stammgäste sind das Besondere an diesem Hotel, sie schätzen die intakte Natur rund um das Haus, das gesunde Wohnen sowie die bewusste Ernährung. Dabei kommen die Gäste aus allen Gesellschaftsschichten, es ist kein Luxus-Ghetto-Hotel ebensowenig wie ein Business-Hotel. Die Gäste kommen aus Deutschland, der Schweiz, Niederlande, Frankreich und natürlich Österreich. Eine Auslastung von jährlich 85% spricht für ein sehr gesundes Hotel, dabei liegt der durchschnittliche Zimmerpreis im Sommer bei etwa 92 Euro, im Winter bei 112 Euro. Dabei sind die Sommer- wie auch die Wintersaison gleich bedeutend, das Hotel ist in beiden Saisonen gleich ausgelastet.

Fazit:
Das Naturhotel Chesa Valisa ist idyllisch gelegen im Kleinwalsertal, verfolgt eine wunderschöne Philosophie, einen holistischen Ansatz, der Geist und Gaumen gleichermassen verwöhnt und entspannt. Es ist eine perfekte Basis für Sommer- wie Winterurlaub. Dabei ist es gross wie auch klein genug, es ist kein Riesenhotel, kein unpersönlicher Kasten, der irgendeiner gesichtslosen Kette gehört – und das alles macht das Hotel so besonders.

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Götz A. Primke

Herausgeber, Chefredakteur, Reisejournalist, Reiseblogger, Foodjournalist, Foodblogger bei Le Gourmand - Das Geniesser-Magazin
Restaurantfachmann, Dipl.-Betriebswirt (FH) und Journalist - und immer schon Geniesser. Feinschmeckender Vielfrass, viel essender Feinschmecker. Immer auf der Suche nach Genuss und Genüssen, Destinationen, Kulturen, Charakteren und Geschichten. Reisejournalist, Reiseblogger, Foodjournalist, Foodblogger.

Götz A. Primke did a complete hotel business apprenticeship in a 5 star hotel in Berlin and completed his university years at the university of applied sciences in Munich with a degree as Diplom-Betriebswirt in tourism economics. Following some years as editor in a german renowned hotel business magazine he started to work as freelance journalist, travel journalist, travel blogger, food journalist and food blogger. His articles are published in german newspapers, magazines, web-sites and on his own platform Le Gourmand http://www.legourmand.de/ . He writes about travel, destinations, hotels, restaurants, food & beverages, cooking, gourmandise cuisine and everything that tastes good.
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