Martina & Moritz: „Wir sind keine Köche, sondern Journalisten“

by Götz A. Primke
Martina & Moritz: „Wir sind keine Köche, sondern Journalisten“

Seit Jahrzehnten kochen Martina Meuth und Bernd „Moritz“ Neuner-Duttenhofer gemeinsam im Fernsehen. Bei einer Lesung im historischen Tonnengewölbe von Champagne Characters in München erzählen sie von den Anfängen des Kochfernsehens, von Recherche und Lebensmittelqualität, von ihren kulinarischen Landschaften und davon, wie aus zwei Journalisten ein Fernsehkochpaar wird. Nicola Neumann begleitet den Abend mit Champagner. Und irgendwann wird aus Fernsehgeschichte sogar eine Liebesgeschichte.

Es gibt Räume, die einer Geschichte schon eine Atmosphäre geben, bevor das erste Wort gefallen ist. Das Kellergeschoß von Champagne Characters in München gehört dazu. Unter dem historischen Tonnengewölbe stehen keine akkurat aufgereihten Kongreßstühle. Die Gäste sitzen auf einem Sammelsurium unterschiedlicher Stühle, antiquarisch wirkend, offenbar über Jahre mit viel Liebe zusammengetragen. Nichts sieht durchgestylt aus, und gerade deshalb paßt alles zusammen. Vorne sitzen Martina und Moritz.

Martina Meuth und Bernd „Moritz“ Neuner-Duttenhofer muß man einem deutschen Fernsehpublikum kaum vorstellen. Über Jahrzehnte kochen sie gemeinsam vor der Kamera. Nach eigener Aussage und nach zusätzlicher Recherche gibt es weltweit neben „Kochen mit Martina & Moritz“ nur ein weiteres Kochformat in Japan, das mit denselben Protagonisten über einen ähnlich langen Zeitraum läuft. Ein bemerkenswerter Rekord für zwei Menschen, die an diesem Abend einen Satz sagen, der zunächst fast wie Understatement klingt:

„Wir sind ja keine Köche, sondern wir sind Journalisten.“

Je länger der Abend dauert, desto deutlicher wird: Dieser Satz erklärt einen großen Teil ihres Erfolges. Zwischendurch kommt Nicola Neumann mit Champagner. Sie schenkt aus, erzählt vom Winzer, von Stil, Struktur und Charakter des Weines, fragt, ob noch jemand etwas im Glas hat, und gibt den Abend wieder zurück an Martina und Moritz. Es ist Lesung, Gespräch, kulinarische Zeitreise und Verkostung zugleich. Und gerade weil die Grenzen so schön verschwimmen, entsteht ein Abend, aus dem man weit mehr mitnimmt als einige Anekdoten aus einem langen Fernsehleben.

Martina & Moritz: „Wir sind keine Köche, sondern Journalisten“

Martina & Moritz im Tonnengewölbe von Champagne Characters

Nicola Neumann kenne ich seit ungefähr 15 Jahren. Danach verlieren wir uns für lange Zeit aus den Augen. Mindestens zehn Jahre dürften seit unserer letzten Begegnung vergangen sein. Umso schöner ist es, ausgerechnet hier wieder zusammenzutreffen. Auch Martina und Bernd kenne ich persönlich. Wir sind gemeinsam Mitglied im Food Editors Club. Und doch ist dieser Abend für mich keine Wiedersehensveranstaltung unter Kollegen. Denn Martina und Moritz beginnen irgendwann, über ihre Arbeit so grundsätzlich zu sprechen, daß aus Erinnerungen an frühere Fernsehsendungen plötzlich eine kleine Geschichte des kulinarischen Journalismus in Deutschland wird.

Sie erzählen nicht chronologisch. Die beiden werfen sich Sätze zu, korrigieren Jahreszahlen, widersprechen einander, erinnern sich an Nebensächlichkeiten, die plötzlich wichtiger werden als das, was sie ursprünglich erzählen wollten. Genau so lebt der Abend. Wer Martina und Moritz aus dem Fernsehen kennt, erkennt sofort ihre Dynamik wieder. Martina setzt an. Moritz ergänzt. Martina korrigiert. Moritz protestiert. Einer schweift ab, der andere holt die Geschichte zurück. Und manchmal schweifen beide gemeinsam ab. Dann kommt Nicola mit dem nächsten Champagner.

„Wir sind keine Köche, sondern Journalisten“

Irgendwann fragt jemand aus dem Publikum, von wem sie eigentlich kochen gelernt haben. Von Profiköchen? Aus Büchern? Durch Zuschauen? Durch die Familie? Die Antwort kommt beinahe beiläufig. „Alles.“ Und dann folgt jener Satz:

„Wir sind ja keine Köche, sondern wir sind Journalisten.“

Martina und Moritz beschreiben anschließend das Handwerkszeug, das sie in ihr kulinarisches Leben mitnehmen: recherchieren, lesen, die richtigen Menschen finden, die richtigen Fragen stellen, zuhören und das Gehörte anschließend selbst überprüfen und ausprobieren. Das ist eine erstaunlich präzise Definition ihrer Arbeit. Denn ihr Fernsehen lebt eben nicht davon, daß zwei Menschen besonders fotogen Petersilie hacken können. Es lebt davon, daß sie wissen wollen, weshalb etwas funktioniert.

Was macht gutes Fleisch aus? Warum schmeckt dieses Stück besser als jenes? Was muß ich beim Metzger fragen? Warum bereitet ein Produzent etwas genau so zu? Was unterscheidet eine Zutat von einer anderen? Weshalb gehört ein Gericht in eine bestimmte Landschaft? Martina formuliert einen Gedanken, der weit über eine Kochsendung hinausreicht: Man müsse die richtigen Fragen überhaupt erst kennen, um Antworten zu bekommen, die einen weiterbringen. Genau deshalb gehen die beiden für ihre Sendungen zum Metzger, auf den Markt oder zu Produzenten. Nicht, um dort dekorative Bilder für einen Einspieler zu drehen, sondern stellvertretend für ihre Zuschauer.

Sie fragen. Und sie lassen sich erklären. Das klingt heute selbstverständlich. Es ist es nicht.

Nicht zeigen, daß man rührt – erklären, warum man rührt

Als Martina und Moritz ihr gemeinsames Fernsehkonzept entwickeln, gefällt ihnen vieles nicht, was damals als Kochfernsehen gilt. Sie beschreiben Sendungen, in denen ein Koch im Topf rührt und dem Zuschauer gleichzeitig erklärt, daß er nun im Topf rührt. Genau das wollen sie nicht. Sie wollen sich gegenseitig die Bälle zuspielen. Sie wollen erklären, warum sie etwas tun. Das ist ein kleiner Unterschied mit großen Folgen.

Denn Kochen besteht für sie nicht aus einer Folge von Arbeitsanweisungen. Es besteht aus Entscheidungen. Warum hohe Hitze? Warum dieses Fleischstück? Warum diese Konsistenz? Warum jetzt Salz? Warum dieses Gemüse? Warum funktioniert eine alte Technik möglicherweise besser als eine gerade moderne? Aus dem Vormachen wird Vermittlung. Und aus einer Rezeptsendung wird im besten Moment Journalismus. Vielleicht liegt genau darin ein Grund dafür, daß Martina und Moritz über Jahrzehnte funktionieren. Kochmoden kommen und gehen. Das Bedürfnis, etwas zu verstehen, bleibt.

Als Kochfernsehen noch keine Zukunft haben soll

Die Geschichte ihrer Fernsehanfänge klingt aus heutiger Sicht beinahe absurd. Martina hat bereits Fernseherfahrung gesammelt, unter anderem gemeinsam mit Wolfgang Menge in einem frühen WDR-Format. Schon damals kocht sie vor Publikum. Menge sorgt für Unruhe und Unterhaltung. Doch eine reine Kochsendung hält man offenbar nicht überall für ausreichend fernsehtauglich. Es soll noch mehr passieren, noch mehr Unterhaltung hinein, mehr Show.

Kochen allein? Wer will so etwas sehen? Ein paar Jahre später stehen Martina und Moritz gemeinsam vor der Kamera. Auch ihre ersten Produktionen haben wenig mit dem glattpolierten Studiokochen späterer Jahrzehnte gemein. Gedreht wird zunächst in ihrer privaten Küche im Schwarzwald. Eine kleine Schlauchküche. Der Herd am Ende. Die Kamera muß irgendwie dazwischenpassen. Draußen steht der Ü-Wagen.

Und unmittelbar vor einer der ersten Aufzeichnungen schneit es kräftig. Martina und Moritz erinnern sich an rund 50 Zentimeter Neuschnee.  Für die Sendung haben sie Wildkräuter eingeplant. Löwenzahn, Brunnenkresse, Bärlauch. Nur liegt ein guter Teil dessen, was eben noch nach Frühling aussieht, plötzlich unter Schnee. Fernsehen ist eben auch Improvisation. Der Verwalter räumt mit dem Traktor. Die Fernsehleute schaufeln. Irgendwie kommt der Ü-Wagen an seinen Platz. Und gekocht wird trotzdem.

Lammkeule, Tafelkultur und ein Fernsehtisch

Zur ersten Phase der Sendung gehört etwas, das Martina und Moritz später vermissen: Gäste sitzen mit am Tisch. Nach dem Kochen wird gegessen. Nicht bloß probiert. Gegessen. Gemeinsam. Martina benutzt dafür an diesem Abend ein schönes, inzwischen beinahe altmodisch klingendes Wort: Tafelkultur.

Die Gäste ermöglichen ein Gespräch über das Essen. Man kann fragen, erklären, widersprechen, erzählen. Ein Ernährungswissenschaftler muß nicht vor eine Kamera gesetzt werden, um einen vorbereiteten Satz abzuliefern. Er sitzt am Tisch und spricht über das, was tatsächlich auf dem Teller liegt. Mit späteren Sparzwängen verschwindet diese Tafelrunde. Schade, finden Martina und Moritz bis heute. Denn gemeinsames Essen ist für sie nie bloß Nahrungsaufnahme. Kochen führt an den Tisch. Und am Tisch beginnt das Gespräch. Dann unterbricht Nicola. Jetzt gibt es Champagner.

Martina & Moritz: „Wir sind keine Köche, sondern Journalisten“, Nicola Neumann, Champagne Characters

Champagner als dramaturgische Pause

Der erste Champagner des Abends wirkt geradlinig, schlank, elegant und frisch.

Pierre Moncuit: Chardonnay mit Schmelz und Eleganz

Den Auftakt macht Pierre Moncuit aus Le Mesnil-sur-Oger. Das Familienweingut bewirtschaftet 20 Hektar, davon 15 Hektar Grand-Cru-Lagen in Le Mesnil-sur-Oger; Nicole Moncuit verantwortet die Weinbereitung. Hier steht Chardonnay im Mittelpunkt. Der Champagner zeigt sich elegant und geradlinig, besitzt zugleich aber jene angenehme Fülle und Ruhe, die verstehen läßt, was Nicola mit ihrer ganz eigenen Charakterkunde meint. „Schmelzig“ ist eines der Worte, die an diesem Abend fallen – ein Champagner, der nicht mit Kraft imponieren muß, sondern mit Finesse und Eleganz den Abend eröffnet.

Nicola läßt ihn bewußt als Einstieg stehen. Danach verändert sie die Richtung deutlich. Der nächste Champagner bringt mehr Kraft mit, Pinot Noir spielt eine wichtigere Rolle, Holz kommt ins Spiel. Nicola beschreibt ihn als fülliger, als Wein, den man sich durchaus zu gebratenem Fleisch vorstellen kann.

Martina & Moritz: „Wir sind keine Köche, sondern Journalisten“, Nicola Neumann, Champagne Characters

William Saintot: Ein kräftiger Champagner für die Tafel

Deutlich kräftiger setzt William Saintot aus Avenay-Val-d’Or den Gegenpunkt. Morgan Trébuchet führt die Geschichte des 1955 gegründeten Weinguts weiter; die Weinberge liegen unter anderem in Avenay-Val-d’Or, Mutigny und Bisseuil. Die Grundweine werden überwiegend im Holz ausgebaut, die Flaschen reifen lange auf der Hefe. Das Ergebnis ist ein Champagner mit mehr Körper, Tiefe und Struktur – kräftig, komplex und ausgesprochen gastronomisch. Genau deshalb funktioniert Nicolas Gedanke so gut, ihn nicht nur als Aperitif zu verstehen: Dieser Champagner verlangt geradezu nach einem Essen und kann ohne weiteres auch gebratenes Fleisch begleiten.

Der Unterschied ist nicht akademisch. Man schmeckt ihn. Und während Martina und Moritz gerade über Lammkeule, Fleisch und Tischkultur sprechen, bekommt der Champagner plötzlich selbst eine kulinarische Funktion. Er ist nicht länger Pausengetränk. Er gehört zum Gespräch.

Was muß ich eigentlich beim Metzger fragen?

Diese Frage führt direkt zurück zu dem, was Martina und Moritz unter Journalismus verstehen. Sie erzählen von frühen Sendungen, in denen sie mit Metzgern sprechen. Es geht um Stücke, Zuschnitte und Qualität. Um Dinge, die der Kunde erkennen oder erfragen muß. Denn wenn ich nicht weiß, daß es etwas zu fragen gibt, frage ich auch nicht. Eine kleine Fleischpartie am Filet wird an diesem Abend zum Beispiel für mehrere Minuten zum Thema. Nicht, weil Martina und Moritz daraus ein Lehrstück machen wollen, sondern weil genau darin ihr Prinzip sichtbar wird: hinschauen, nachfragen, verstehen.

Das gleiche gilt für Fleischqualität überhaupt. Sie interessieren sich schon früh nicht nur für das Rezept „Steak“, sondern für das Tier, das Stück, die Reifung und das Fett. Das ist nicht spektakulär. Aber es verändert Kochen. Wer nur ein Rezept kennt, kann es nachkochen. Wer das Produkt versteht, kann entscheiden.

Kulinarische Landschaften statt Rezeptsammlungen

Besonders aufmerksam werde ich, als Martina und Moritz von ihren „Kulinarischen Landschaften“ erzählen. Mitte der achtziger Jahre reisen sie in die Toskana. Aus einem ursprünglich wesentlich enger gedachten Buchprojekt entwickeln sie ein anderes Konzept. Rezepte allein reichen ihnen nicht. Wenn ein Buch eine Region erzählen soll, muß es auch die Menschen erzählen, die diese Region prägen. Also reisen sie wieder und wieder dorthin. Zu unterschiedlichen Jahreszeiten.

Sie sprechen mit Winzern, Bauern, Produzenten, Hausfrauen und Restaurateuren. Sie lassen sich Adressen geben. Eine Empfehlung führt zur nächsten. Wenn verschiedene Menschen denselben Produzenten nennen, fahren sie hin. Recherche als Schneeballsystem. Kein Internet. Keine schnell zusammengesuchte Liste der „zehn besten Adressen“. Menschen empfehlen Menschen. Produzenten führen zu anderen Produzenten. Und daraus entsteht allmählich das Bild einer Landschaft.

Beim Zuhören erkenne ich darin vieles wieder, was für mich selbst kulinarischen Reisejournalismus ausmacht. Eine Region erschließt sich nicht durch eine Aneinanderreihung von Restaurantbewertungen. Sie entsteht aus Landschaft, Landwirtschaft, Produkten, Küche und den Menschen, die damit arbeiten. Martina und Moritz nennen ihre Bücher „kulinarische Landschaften“. Der Begriff trifft es noch immer.

Text und Bild entstehen gemeinsam

Auch fotografisch wählen sie damals einen ungewöhnlichen Weg. Sie reisen zusammen mit einem Fotografen. Das klingt banal, ist in der damaligen Magazin- und Buchproduktion aber keineswegs selbstverständlich. Martina und Moritz erinnern sich an Reportagen, für die ein Autor zu einer bestimmten Jahreszeit reist, während der Fotograf Monate später Bilder liefern soll. Dann erzählt der Text vom Frühjahr und das Bild zeigt womöglich längst den Herbst.

Bei ihren Projekten soll das nicht passieren. Text, Bild, Essen und Begegnungen entstehen zur gleichen Zeit. Heute erscheint diese Vorstellung beinahe selbstverständlich. Damals ist sie ein Konzept. Auch darin zeigt sich wieder der journalistische Kern ihrer Arbeit: Das Bild soll nicht illustrieren, was irgendwann irgendwo stattgefunden hat. Es soll Teil derselben Recherche sein.

Von der „Freundin“ zum Kochjournalismus

Martina erzählt, wie ungewöhnlich es in ihrer frühen journalistischen Laufbahn wirkt, daß sich eine ernstzunehmende Journalistin überhaupt mit Kochen beschäftigt. Bei der Zeitschrift „Freundin“ bewirbt sie sich zunächst keineswegs für Rezepte. Sie will Reportagen schreiben, Interviews führen, Geschichten erzählen. Mode und Kosmetik interessieren sie weniger. Den Kochteil des Heftes, sagt sie beim Vorstellungsgespräch sinngemäß, halte sie allerdings für verbesserungsfähig. Später erinnert sich ihr Chefredakteur daran.

Ob sie ihn denn besser machen wolle? Und plötzlich hat sie den Kochteil „an der Backe“, wie sie es heute formuliert. Kollegen reagieren erstaunt. Martina schreibt Kochrezepte? Heute wirkt das fast komisch. Foodjournalismus, Restaurantkritik, Kochbücher, kulinarische Magazine und ganze Medienmarken rund um Essen gehören längst zum Alltag.

Damals muß Kochen offenbar erst noch beweisen, daß es ein ernstzunehmendes journalistisches Thema sein kann. Martina und Moritz erleben diese Veränderung nicht nur. Sie gehören zu denen, die sie mit vorantreiben.

Moritz, die Universität und das Essen für die Kommilitonen

Moritz gelangt auf einem mindestens ebenso eigenwilligen Weg in den kulinarischen Journalismus. Er studiert vieles. Biochemie spielt eine Rolle, später Theaterwissenschaft, Zeitungswissenschaft, Kunstgeschichte und Soziologie. Die akademische Geradlinigkeit hält sich offenbar in Grenzen. Aber Bildung schadet bekanntlich nicht. Vor allem die Kunstgeschichte hilft ihm später bei den Reisen. Kirchen, Bilder, Symbole und kulturelle Zusammenhänge lassen sich anders lesen, wenn man weiß, was man sieht. Und gekocht hat er ohnehin. Als Student findet er das Essen in der Mensa offenbar derart wenig überzeugend, daß er selbst einkauft und für Kommilitonen kocht. Auch hier taucht wieder jenes Muster auf, das sich durch das ganze Leben der beiden zieht: Etwas reicht ihnen nicht. Also wollen sie wissen, ob es besser geht.

Ein französisches Studentenleben mit eigenem Weinschrank

Eine der herrlichsten Abschweifungen des Abends führt nach Frankreich. Moritz erzählt von einem Studienaufenthalt in Tours. Dort entdeckt er, daß eine Mensa nicht zwangsläufig so aussehen muß wie eine deutsche Mensa jener Zeit. Mehrere Gänge gehören offenbar zum Alltag. Und dann erzählt er von Schließfächern beziehungsweise kleinen Fächern für Studenten. Ein Teil ungekühlt. Ein Teil gekühlt. Was muß gekühlt werden? Natürlich Weißwein.

Man kann also seinen Wein mitbringen, gegebenenfalls Käse dazu, alles lagern und zum Essen holen. Moritz erzählt diese Geschichte mit sichtlicher Freude. Und plötzlich versteht man auch, warum Wein später in ihren kulinarischen Landschaften niemals bloß Begleitung bleibt. Essen ist immer Teil einer Kultur.

Zwei Gläser fallen zu Boden

Irgendwann fragt jemand, wie Martina und Moritz sich eigentlich näherkommen. Jetzt wird aus Journalismus eine Liebesgeschichte. Sie kennen sich bereits beruflich. Die Redaktionen liegen im selben Verlagshaus beziehungsweise in unmittelbarer Nähe. Martina kennt Texte und Bücher von Moritz. Sie schätzt, wie er über Lebensmittelqualität schreibt. Dann führt eine Pressereise nach Dänemark. Skagen. Heringsindustrie. Journalisten unterwegs.

Martina und Moritz treffen sich unterwegs wieder. Und irgendwann steht Martina mit einem Glas da, unterhält sich mit ihm – und das Glas fällt herunter. Peinlich. Sie bekommt ein neues. Und auch das landet offenbar kurz darauf am Boden. Jetzt, erzählt Martina, habe sie sich schon gefragt, was eigentlich mit ihr los sei.

Oder genauer: Ob das vielleicht etwas mit diesem Mann zu tun habe. Am Abend sitzen beide beim Essen nebeneinander. Es gibt Scampi. Nicht das, was auf vielen Speisekarten unter diesem Namen läuft, sondern Langoustines. Sie essen die für sie vorgesehenen Portionen. Dann bestellen sie sie offenbar gleich noch einmal als Hauptgericht. Und wenn man ihrer Erinnerung an diesem Abend folgt, hätte man sie wahrscheinlich auch zum Dessert noch einmal essen können.

Man fällt auf. Aber man versteht sich. Der Keim ist gelegt. Viel kulinarischer kann eine Liebesgeschichte eigentlich kaum beginnen.

„Warum sind Sie immer so streng zu Ihrem Mann?“

Wer Martina und Moritz im Fernsehen sieht, kennt die Rollen. Martina weiß, wo es langgeht. Moritz weiß meistens ebenfalls, wo es langgeht. Nur nicht immer in dieselbe Richtung. Martina erzählt, daß sie auf der Straße besonders von Männern immer wieder nach einem Lob für die Sendung irgendwann eine bestimmte Frage gestellt bekommt. Warum sind Sie eigentlich immer so streng zu Ihrem Mann?

Ihre Antwort: „Weil er es braucht.“ Das Publikum lacht. Moritz auch. Aber die Geschichte dahinter ist interessant. Die Rollenverteilung ist nicht vollständig zufällig. Martina bringt aus ihrer früheren Fernseharbeit bereits Erfahrung mit einem Partner mit, dem sie auf die Finger klopfen muß. Man bemerkt, daß diese Reibung beim Publikum funktioniert.

Also wird daraus ein Element der gemeinsamen Sendung. Nicht erfunden. Aber zugespitzt. Fernsehen eben. Ein Redakteur des WDR findet die Rollenverteilung irgendwann offenbar problematisch. Moritz müsse sich mehr wehren, so die sinngemäße Forderung. Also drehen sie den Spieß für eine Sendung um. Nun kommandiert Moritz. Das Ergebnis scheint die Kritik eher zu widerlegen als zu bestätigen. Und Martina und Moritz kehren zu jener Dynamik zurück, die ohnehin ihre eigene ist. Vielleicht liegt auch darin ein Teil ihres Erfolges. Die Zuschauer sehen keine künstliche Harmonie. Sie sehen zwei Menschen, die sich widersprechen können, ohne ihre Gemeinsamkeit in Frage zu stellen.

„Kochen hat keine Zukunft“

Der vielleicht schönste Treppenwitz ihrer Fernsehgeschichte folgt einige Zeit später. 1992 endet ihr damaliges ARD-Format beziehungsweise ihre Beteiligung daran. Nach ihrer Erinnerung lautet eine Begründung sinngemäß, Kochen im Fernsehen habe keine Zukunft. Das muß man sich heute auf der Zunge zergehen lassen.

Kochen. Im Fernsehen. Keine Zukunft. Ein halbes Jahr später meldet sich der Sender erneut. Andere Versuche funktionieren offenbar nicht wie erhofft. Ob Martina und Moritz vielleicht doch wieder kochen könnten? Sie können. Das Format wandert ins Dritte Programm. Das Produktionsbudget sinkt. Im Laufe der Jahre verändern sich Umfang und Rhythmus. Aber Martina und Moritz bleiben. Jahrzehntelang. Während Kochshows entstehen und verschwinden, Wettbewerbe kommen und gehen und Fernsehküchen ständig neu erfunden werden, stehen diese beiden weiter nebeneinander. Und kochen.

Kein Museum, sondern richtiges Essen

Auch hinter den Kulissen halten sie an einem einfachen Prinzip fest: Was gekocht wird, ist Essen. Keine Attrappe. Keine reine Fotoproduktion. Nach den Aufzeichnungen ißt das Team. Die Fernsehleute kommen offenbar gern zu Martina und Moritz, weil es dort gut zu essen gibt. Auch das ist so eine kleine Geschichte, die viel über das Verhältnis der beiden zum Kochen erzählt. Das Gericht existiert nicht für die Kamera. Die Kamera ist da, weil gekocht wird.

Martina & Moritz: „Wir sind keine Köche, sondern Journalisten“, Nicola Neumann, Champagne Characters

Nicola Neumann und die Geheimsprache des Champagners

Dann kommt wieder Nicola. Und inzwischen fällt auf, daß sie an diesem Abend gar nicht nur die Gastgeberin ist. Sie erzählt eine ganz ähnliche Geschichte wie Martina und Moritz. Auch sie beschäftigt die Frage: Wie vermittelt man Wissen, ohne die Menschen damit zu erschlagen?

Als Nicola vor rund 15 Jahren mit Champagner beginnt, moderiert sie Verkostungen zunächst auf die klassische Weise. Winzer. Ort. Herkunft. Fakten. Und sie merkt: Die Menschen steigen aus. Man kann ihnen ansehen, daß sie schon beim zweiten Satz wissen, daß sie sich ohnehin nichts davon merken werden. Also entwickelt sie eine andere Sprache.

Champagner bekommen Charaktere. Der eine wirkt fein und elegant. Der andere kraftvoll. Ein anderer schmelzig. Man erinnert sich plötzlich nicht mehr an eine technische Datenkolonne, sondern an einen Typ. Nicola nennt es an diesem Abend selbst eine Art Geheimsprache, die aus ihren Verkostungen entsteht. Und diese Sprache funktioniert.

Wenn der Wein nicht nach siebzehn Früchten riechen muß

Nicola hat wenig Interesse daran, Menschen bei einer Champagnerprobe mit Aromenlisten einzuschüchtern. Rosmarin. Hagebutte. Zimt. Minze. Apfel sowieso. Man kann all das in einem Wein finden. Man muß es aber nicht. Ihr geht es stärker darum, daß jemand ausdrücken kann, was ihm gefällt. Mag ich Säure? Mag ich es cremiger? Schmelziger? Kräftiger? Geradliniger?

Das hilft im Restaurant womöglich mehr als die Fähigkeit, aus einem Glas sieben Obstsorten herauszudeklinieren. Niemand müsse sich verrückt machen, wenn er nicht jede einzelne Aromabeschreibung nachvollziehen könne. Hauptsache, sagt Nicola sinngemäß, der Champagner gehe ein bißchen ans Herz. Und man trinke ihn mit netten Leuten. Besser kann man diesen Abend eigentlich kaum zusammenfassen.

Martina & Moritz: „Wir sind keine Köche, sondern Journalisten“, Nicola Neumann, Champagne Characters

Der dritte Champagner: ein Wein für den Kamin

Nicola schenkt den nächsten Champagner ein. Sie beschreibt ihn als schmelziger, angenehmer, beinahe als Kaminwein. Worte wie „barmherzig“ und „lebensbejahend“ fallen.

Copin-Cautel: Ein Champagner für den Kamin

Zum Abschluß kommt Copin-Cautel aus Vandières ins Glas, ein Familienweingut, dessen Geschichte bis 2011 zurückreicht. Der Champagner stammt von sieben Hektar Weinbergen, die sich auf drei Gemeinden verteilen. Philippe und Séverin Copin bewirtschaften ihre Parzellen biologisch; die Etiketten zeigen Familienfotos und erzählen damit auch von der eigenen Herkunft. An diesem Abend paßt zu ihm Nicolas wunderbar unakademische Bezeichnung vom „Kaminwein“: ein Champagner, der schmelzig und angenehm wirkt, Wärme und Ruhe ausstrahlt und nicht analytisch zerlegt werden muß, um in Erinnerung zu bleiben.

Das klingt zunächst weit entfernt von klassischer Weinsprache. Und ist doch erstaunlich präzise. Denn man kann sich darunter etwas vorstellen. Vielleicht ist das die schönste Parallele dieses Abends. Martina und Moritz wollen nicht erklären, daß sie im Topf rühren. Sie wollen erklären, warum. Nicola will nicht beweisen, wie viele Champagnerbegriffe sie kennt. Sie will vermitteln, wie ein Wein wirkt. In beiden Fällen steht das Wissen nicht im Mittelpunkt, um sich selbst zu zeigen. Es soll Genuss ermöglichen.

Champagne und die Produzenten

Später erzählen Martina und Moritz von einer Reise in die Champagne, die sie vorbereiten. Nicola hilft ihnen mit Kontakten und Empfehlungen. Auch dabei interessiert sie besonders die Seite der Produzenten. Sie sprechen über Winzer, die ihre Trauben nicht ausschließlich an große Häuser abgeben, sondern selbst Champagner erzeugen. Über Eigenständigkeit. Über unterschiedliche Handschriften. Über den Stolz darauf, ein eigenes Produkt aus den eigenen Trauben zu schaffen. Das paßt zu ihrer Arbeit. Denn Produzenten spielen bei Martina und Moritz seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle. Man kann eine Landschaft nicht erzählen, ohne diejenigen zu besuchen, die sie bearbeiten. Und man kann Champagner nicht vollständig verstehen, wenn man ausschließlich den Markennamen auf dem Etikett betrachtet.

Martina & Moritz: „Wir sind keine Köche, sondern Journalisten“

Mehr als neunzig Bücher

Martina und Moritz zählen irgendwann selbst nach. Nach ihrer Angabe stehen inzwischen 93 Bücher und 35 Sonderhefte im Regal; das aktuelle Buch wäre Nummer 94. Das Bücherregal reicht offenbar nicht mehr. „Entweder anbauen oder aufhören“, lautet sinngemäß die Konsequenz. Auch das paßt zu ihnen. Kein großes Pathos. Keine Bilanz eines Lebenswerks. Stattdessen ein Platzproblem.

Das aktuelle Buch „Kochen mit Martina und Moritz – Aus Liebe zum Genuss: Das große Best-of-Kochbuch mit den beliebtesten Rezepten“ ist jetzt erhältlich. Dieses Buch versammelt ihre beliebtesten Rezepte aus über 30 Jahren Kochen im WDR: authentisch, gelingsicher und oft fein weiterentwickelt. Ob schwäbische Klassiker, mediterrane Lieblingsgerichte oder Entdeckungen aus fernen Küchen.

Schnüsskes & Öhrkes – und eine alte Le-Gourmand-Geschichte

Gegen Ende des Abends melde ich mich selbst zu Wort. Denn während Martina und Moritz von ihren Rezepten, von Zuschauerreaktionen und von Gerichten erzählen, fällt mir ein Rezept ein, das ich vor Jahren nachgekocht und auf Le Gourmand veröffentlicht habe: Schnüsskes & Öhrkes.

Schweineschnauze und Schweineohren. Kein Gericht für Menschen, die nur Filet als Fleisch akzeptieren. Und deshalb eigentlich ein ziemlich typisches Martina-&-Moritz-Thema. Ich erzähle auch von meinem Ärger mit den alten WDR-Videos. Immer wieder habe ich in Le-Gourmand-Artikeln auf Beiträge oder Videos verwiesen, die später aus den Online-Angeboten verschwinden. Dann bleibt ein Artikel zurück, dessen eingebetteter Film plötzlich nicht mehr funktioniert.

Martina und Moritz können nichts dafür. Die Verweildauern in den Mediatheken folgen den Regeln des Senders. Aber kaum fällt der Name „Schnüsskes & Öhrkes“, sind wir schon wieder mitten im Thema Lebensmittel. Martina erinnert sich an Recherchen rund um Schlachthöfe und Innereien. Was passiert mit den Teilen eines Tieres, die kaum noch jemand verlangt? Wo bekommt man Hirn? Kalbskopf? Innereien?

Und schon führt der Weg gedanklich wieder nach Frankreich und in die Champagne, wo ein Kalbskopf ganz anders auf den Teller kommen kann als in Süddeutschland. Genau deshalb mag ich solche Gespräche. Ein Rezept ist nie nur ein Rezept. Es öffnet eine Tür.

Martina & Moritz: „Wir sind keine Köche, sondern Journalisten“, Le Gourmand Götz A. Primke

Kochen als Kulturtechnik

Irgendwann nähert sich der Abend seinem Ende. Natürlich nicht geradlinig. Noch eine Frage. Noch eine Geschichte. Noch ein Glas. Und dann formulieren Martina und Moritz einen Gedanken, der fast noch besser zu ihrem Lebenswerk paßt als jeder Rekord. Sie halten Kochen für eine Kulturtechnik. So selbstverständlich wie Lesen und Schreiben. Jeder sollte es können.

Nicht, weil sonst gesellschaftlicher Untergang droht. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Nicht, weil eine bestimmte Ernährungsweise moralisch überlegen sei. Sondern weil Kochen Vergnügen macht. Weil es Unabhängigkeit schafft. Weil es Wissen verlangt. Weil es Neugier belohnt. Und weil am Ende Menschen gemeinsam an einem Tisch sitzen können. Vielleicht erklärt auch das die außergewöhnliche Langlebigkeit von Martina und Moritz. Sie verkaufen Kochen nie als Spektakel. Sie behandeln es auch nicht als Religion.

Sie nehmen es ernst, ohne feierlich zu werden. Sie interessieren sich für Lebensmittel, Menschen und Zusammenhänge. Sie reisen. Sie fragen. Sie probieren. Sie widersprechen einander. Und dann kochen sie. Im Gewölbe von Champagne Characters hebt Nicola wieder eine Flasche. Die Gläser werden noch einmal gefüllt. Martina und Moritz erzählen weiter. Und nach all den Jahrzehnten Fernsehgeschichte bleibt am Ende ausgerechnet jener Satz hängen, mit dem sie ihren eigenen Ruhm am elegantesten relativieren:

„Wir sind ja keine Köche, sondern wir sind Journalisten.“

Vielleicht sind sie gerade deshalb so gute Fernsehköche geworden.


Service: Das Buch von Martina Meuth und Bernd „Moritz“ Neuner-Duttenhofer: “Kochen mit Martina und Moritz – Aus Liebe zum Genuss: Das große Best-of-Kochbuch mit den beliebtesten Rezepten kann mit diesem Link erworben werden. Dies ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Euch kostet das keinen Cent mehr, ich bekomme ein paar wenige Cent zur Finanzierung dieses Online-Magazins. Herzlichen Dank also im voraus!

Related Articles

Leave a Comment

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.