Atrevido Olivenöl bringt eine Spezialität aus Katalonien nach Deutschland, die normalerweise vor allem rund um die Olivenernte zu bekommen ist: frisches, ungefiltertes Olivenöl aus Arbequina-Oliven. Es wird unmittelbar nach der Ernte verarbeitet, ungefiltert abgefüllt und soll möglichst frisch genossen werden. Le Gourmand hat das Saisonöl probiert – und sich angesehen, was hinter Atrevido und dem Olivenbauern Albert Farré aus Tarragona steckt.
Frisches Olivenöl hat etwas Saisonales. Wenn im Herbst in den Anbaugebieten rund um das Mittelmeer die Olivenernte beginnt, wird in den Mühlen das neue Öl gewonnen. Besonders unmittelbar lässt es sich ungefiltert erleben: trüb, frisch abgefüllt und mit jenen Aromen, die sich mit zunehmender Lagerung verändern. In Spanien bekommt man solches Öl häufig dort, wo es entsteht – direkt an der Mühle.
Atrevido Olivenöl aus 100 Prozent Arbequina
Albert Farré baut in Figuerola del Camp in der Provinz Tarragona vor allem Arbequina-Oliven an. Die Olivenhaine werden nach Angaben von Atrevido biologisch und regenerativ bewirtschaftet. Dabei geht es nicht allein um den Verzicht auf bestimmte Pflanzenschutzmittel, sondern auch um Bodenleben und Biodiversität in den Hainen.
Die Arbequina ist eng mit Katalonien verbunden. Im Vergleich mit manch kräftiger Olivensorte entstehen aus ihr häufig eher elegante, fruchtige Öle mit vergleichsweise milder Bitterkeit und Schärfe. Typische Beschreibungen reichen von frischem Gras und grünen Früchten bis zu Mandel, Apfel, Tomate oder Artischocke. Auch Atrevido beschreibt sein Arbequina-Öl mit Noten von Gras, Tomate, Artischocke, Mandel und Apfel.
Die Oliven werden nach der Ernte möglichst schnell verarbeitet. Gerade bei hochwertigem nativem Olivenöl extra ist das von Bedeutung: Zwischen Ernte und Verarbeitung sollte möglichst wenig Zeit verstreichen.
Was bedeutet ungefiltertes Olivenöl?
Nach der Extraktion enthält frisch gewonnenes Olivenöl noch feinste Wassertröpfchen und Schwebstoffe aus der Olive. Bei einem gefilterten Öl werden diese entfernt. Das ungefilterte Öl behält sie zunächst – und erscheint deshalb charakteristisch trüb.
Genau darin liegt der Reiz eines solchen Olio nuovo, des „neuen Öls“ der aktuellen Ernte. Es ist kein Produkt, das jahrelang im Küchenschrank stehen sollte, sondern eines, das von seiner Frische lebt.
Atrevido füllte das ungefilterte Arbequina-Öl der Ernte 2025 deshalb unmittelbar nach der Verarbeitung in Dosen ab. Diese schützen das Öl vor Licht, einem der wesentlichen Feinde von Olivenöl. Verkauft wurde das Saisonöl nur von November bis Ende Dezember beziehungsweise solange der Vorrat reichte. Atrevido empfahl, das ungefilterte Öl innerhalb von etwa drei Monaten zu verbrauchen.
Das ist auch der wesentliche Unterschied zum regulären Atrevido Olivenöl. Das aktuelle gefilterte Arbequina-Öl wird inzwischen in einer licht- und luftgeschützten Zwei-Liter-Bag-in-Box angeboten und ist für eine wesentlich längere Lagerung gedacht.
Wie schmeckt das ungefilterte Atrevido Olivenöl?
Auf dem Papier klingt das ungefilterte Öl ziemlich expressiv. Atrevido nennt unter anderem Tomate, frisch geschnittenes Gras und Artischocke sowie Mandel und Apfel. Hinzu sollen eine leichte Bitterkeit und eine pfeffrige Note kommen.
Das weckt Erwartungen.
Bei meiner eigenen Verkostung präsentiert sich das Atrevido Olivenöl allerdings deutlich zurückhaltender, als diese Beschreibung vermuten lässt.
Im Duft und am Gaumen lässt sich eine leichte grasige Note erkennen, dazu kommen Anklänge von Artischocke und grünem Apfel. Die einzelnen Aromen bleiben jedoch eher dezent. Es ist ein mildes Öl, das sich nicht in den Vordergrund drängt.
Das kann durchaus gewollt sein und passt grundsätzlich zur Arbequina. Wer allerdings kräftige Olivenöle mit ausgeprägter Fruchtigkeit, deutlicher Bitterkeit und jener charakteristischen Schärfe im Hals bevorzugt, dürfte vom ungefilterten Atrevido mehr Intensität erwarten.

Pur lassen sich die feinen grünen Noten des Atrevido Olivenöls durchaus nachvollziehen: etwas Gras, Artischocke und grüner Apfel. In der Küche wird es schwieriger. Zu Tomaten, Mozzarella oder Burrata funktioniert seine Milde durchaus gut, in einem Dressing mit Essig, Kräutern und weiteren Zutaten tritt das Öl jedoch schnell in den Hintergrund. Wer Olivenöl nicht nur als Bestandteil des Dressings, sondern als prägendes Aroma einsetzen möchte, dürfte sich mehr Ausdruck wünschen.
Das muss kein Nachteil sein. Nicht jedes Gericht verlangt nach einem Olivenöl, das sämtliche anderen Zutaten übertönt. Wer sein Öl jedoch ganz bewusst als aromatische Komponente einsetzt, sollte wissen, dass Atrevido trotz seiner ungefilterten Abfüllung auf der eher milden Seite bleibt.
Vom Olivenhain direkt zum Verbraucher
Interessant an Atrevido ist deshalb für mich weniger ein vermeintlich spektakuläres Geschmackserlebnis als die Idee dahinter.
Peter Zandee lernte Albert Farré und dessen Olivenöl kennen, nachdem er bereits einige Jahre in Spanien gelebt hatte. Zur Erntezeit erlebte er dort jene Praxis, die in vielen Olivenregionen selbstverständlich ist: Menschen aus der Umgebung kommen zur Mühle, um das gerade produzierte, noch ungefilterte Öl zu kaufen.
2024 nahm Zandee zunächst eine kleine Menge für Freunde und Bekannte mit in die Niederlande. Daraus entwickelte sich schließlich Atrevido. Statt das Öl über mehrere Handelsstufen zu verkaufen, arbeitet Zandee direkt mit Farré zusammen und lässt es von Spanien an die Kunden verschicken.
Das Konzept beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf das Saisonöl. Atrevido verkauft auch gefiltertes natives Olivenöl extra aus 100 Prozent Arbequina. Das ungefilterte Öl soll dagegen die Ausnahme bleiben, die mit der jeweiligen neuen Ernte verbunden ist.
Ungefiltertes Olivenöl bleibt ein Saisonprodukt
Und vielleicht ist genau das der interessanteste Aspekt an Atrevido: Olivenöl wieder als frisches landwirtschaftliches Produkt wahrzunehmen und nicht als anonyme Flasche Fett, die irgendwann im Supermarktregal landet.
Weinliebhaber interessieren sich selbstverständlich für Jahrgang, Rebsorte, Produzenten und Herkunft. Bei Olivenöl spielen Sorte, Erntezeitpunkt, Verarbeitung, Lagerung und Produzent ebenfalls eine entscheidende Rolle – trotzdem werden diese Angaben beim Einkauf erstaunlich häufig kaum beachtet.
Das ungefilterte Atrevido Arbequina erzählt zumindest eine konkrete Geschichte: eine Olivensorte, ein Produzent, eine Landschaft und eine bestimmte Erntezeit.
Sensorisch hat mich das Öl nicht vollständig überzeugt. Dafür ist es mir zu zurückhaltend. Die leicht grasigen Noten, etwas Artischocke und grüner Apfel sind durchaus vorhanden, bleiben aber dezent.
Die Idee, frisch gewonnenes ungefiltertes Olivenöl unmittelbar nach der Ernte aus Katalonien nach Deutschland zu bringen, finde ich trotzdem spannend. Denn sie erinnert daran, dass gutes Olivenöl eben nicht einfach nur Olivenöl ist.
