Bataviawerf: Wilde Seefahrerromantik in den Niederlanden

Bataviawerf
Wilde Seefahrerromantik bietet die Bataviawerf im niederländischen Flevoland, in der seit den achtziger Jahren historische Segelschiffe aus dem 17. Jahrhundert nachgebaut werden. Ist die „Batavia“ bereits fertiggestellt und kann besichtigt werden, wird an „De 7 Provincien“ noch gebaut. Für Le Gourmand – Das Geniesser-Magazin besuchte Anika-Okje Erdmann die historische Werft.

BataviawerfFlevoland, die jüngste Provinz der Niederlande, hat viel zu bieten. Landschaftlich „typisch Holland“, nämlich flach wie ein Teller, ist Flevoland durch das Poldermodell entstanden. Die findigen Niederländer haben eine ganze Provinz dem Meer abgerungen. Durch geschicktes Eindeichen und Abpumpen sind hier beinah 2.500 km² entstanden, die rund 15 Meter unter dem Meeresspiegel liegen.

Auf Flevoland, neben der Hauptstadt Leyliestad, ist eine historische Werft entstanden. Diese hat sich darauf spezialisiert, historische Schiffe aus dem Goldenen Zeitalter zu rekonstruieren. Soweit nichts Besonderes, aber das Projekt wird nur über Spenden und Freiwillige getragen. Des Weiteren werden nur historische Werkzeuge und Materialien verwendet.

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Bataviawerf
Das erste Projekt war die Batavia, ein Schiff aus dem 17 Jahrhundert, das als weltweit beste Rekonstruktion eines Schiffes der Vereinigde Oostindische Companie (VOC) gilt. Nach zehnjähriger Bauzeit wurde sie 1995 zu Wasser gelassen. Die originale „Batavia“ ist auf ihrer ersten Reise nach Java mit 341 Menschen an Bord auf ein Riff gelaufen und untergegangen. Diese Geschichte hat allerdings wenig mit Seefahrerromantik zu tun, sondern vielmehr mit Meuterei, Mord und Totschlag.

Bataviawerf
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Nach niederländischem Recht war nicht der Kapitän Ariaen Jakobsz der Leiter der Expedition, sondern der Oberkaufmann Francisco Pelaert. Diese waren in der Vergangenheit bereits aneinander geraten und waren sich nicht wirklich „grün“. Mit an Bord war auch Unterkaufmann  Jeronimus Cornelisz, der aus den Niederlanden wegen Korruption fliehen wollte. Jakobsz und Cornelisz entwickelten einen Plan zur Übernahme des Schiffes, um mit dem geladenen Silber und Gold ein neues Leben zu beginnen. Sie hatten sogar eine kleine Gruppe um sich geschart und versuchten mehrmals Pelaert in eine Falle zu locken. Doch alle Versuche der Meuterei scheiterten.

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Nachdem sie Kapstadt (Cape Town), wo sie einen Zwischenstopp machten, wieder verlassen haben, navigierte Kapitän Jakobsz das Schiff absichtlich von der Flotte weg. Durch einen Navigationsfehler, da der Ausguck den Schaum von den Wellen als Mondlicht deutete, lief die „Batavia“ auf ein Riff. 40 Menschen starben, der Rest konnte sich mit Booten auf eine nahe gelegene Insel retten. Von dort aus versuchte Jacobsz, Plesaert, Senior Offiziere, weitere Crewmitglieder und ein paar Passagiere mit Hilfe eines Langbootes Trinkwasser zu finden. Doch dies scheiterte. Schließlich machten sie sich auf den Weg in die Stadt Batavia, das heutige Jakarta, wo sie nach 33 Tagen ankamen.

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Jeronimus Cornelisz wurde auf der Insel zurückgelassen und hatte das Kommando über die Überlebenden. Es war ihm klar, dass er wegen Meuterei angeklagt werden würde, sollte die Expedition die Stadt Batavia erreichen. So entstand bei ihm der Plan, das Rettungsschiff zu kapern und mit diesem zu entkommen. Er hatte auch weitere Pläne, ein eigenes Königreich mit Hilfe des Goldes und Silbers der „Batavia“, zu erreichten. Dazu entledigte er sich aller potentiellen Gegner. Er fing an, alle Waffen und Lebensmittel zu verwalten, er schickte Soldaten auf „Expeditionen“ zu weiteren Inseln, welche er dort sich selbst überließ. Insgesamt töteten er und seine Anhänger in den zwei Monaten bis zu deren Rettung mindestens 110 Männer, Frauen und Kinder. Von den ursprünglich 341 Menschen erreichten nur 68 den Hafen von Batavia. Cornelisz starb später vermutlich im Gefängnis von Batavia.

Bataviawerf
Momentan wird an einem weiteren Projekt gearbeitet: „De 7 Provinciën“. Diese hat unter dem niederländischen Admiral Michiel de Ruyter im 17. Jahrhundert viele Seeschlachten geführt.

Bataviawerf
Zwar ist „De 7 Provinciën“ nur von außen zu besichtigen, doch so ist es möglich in die „Batavia“ hineinzugehen und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es war, auf einem Handelsschiff des 17. Jahrhunderts gefahren zu sein. Da ist nichts mit „Jack Sparrow“ Romantik zu fühlen.

Bataviawerf
Die Zwischendecks sind so niedrig, dass gerade Kinder aufrecht laufen können. Die Crew schlief in Schichten, die normalen Passagiere durften einmal am Tag für etwa fünf Minuten auf das Oberdeck. Der Gestank muss unglaublich gewesen sein. Eine Mischung aus Menschen, Exkrementen und der Küche, die ebenfalls unter Deck war.

Bataviawerf
Die Projekte werden von einer Stiftung getragen. An den Schiffen arbeiten Freiwillige und Langzeitarbeitslose, die wieder ins Berufsleben integriert werden sollen. Überall finden sich freundliche Menschen, die bereitwillig Auskunft über die Geschichte der Schiffe geben. Auf der Batavia selber werden auch Mitmachaktionen angeboten. So kann in die Takelage geklettert werden oder an Kursen für Seemannsknoten teilgenommen werden.

Mehr Infos gibts hier.

Die Autorin Anika-Okje Erdmann lebt in Bremen und San Francisco und war für Le Gourmand bereits in Groningen unterwegs.

Dörfer in der Stadt: Groninger Gasthuizen

Middengasthuis
Dank Geocaching versteckte Stadtschönheiten finden. Wer ist nicht darauf aus, innerhalb einer Großstadt eine Oase des Friendes zu finden? Touristen, die Groningen besuchen, sehen oftmals nur die offensichtlichen Highlights der Stadt. Den Martinitoren, das Stadhuis, den Grote Markt, Vismarkt und die Aa-Kerk. Eventuell trinken sie noch ein Biertje bei den „Drie Gezusters“, Europas größter Bar. Aber damit haben sie die eigentlichen Schmuckstücke der Stadt gar nicht gesehen. Als aktive, geradezu davon besessene Geocacherin, komme ich in den Städten die ich besuche, an die schönsten Stellen. Sehr oft sind diese nicht mal den Einheimischen bekannt. Auf einer dieser Touren fand ich in Groningen die sogenannten Gasthuizen. Dessen Schönheit ist atemberaubend, die Zeit scheint stillgestanden zu sein und es mutet an, wie in einer Puppenstube.

Den Lärm der Stadt hinter sich lassen, ohne dazu die Stadt zu verlassen? Ist das überhaupt möglich? In Groningen ist diese Frage mit Ja zu beantworten. Denn hier gibt es in der Innenstadt die sogenannten „Gasthuizen“. Dieses sind Innenhöfe, teilweise noch aus dem Mittelalter, oftmals mit kleinen Parkanlagen und manchmal auch einer Kirche.

Gasthuizen haben eine Jahrhunderte lange Tradition. Durch den Erlass von Papst Stephan V. im Jahr 816, war jeder Bischof dazu verpflichtet, ein Armenhaus zu unterhalten. Jahrhunderte später wurde diese  Tradition von frommen Mitbürgern übernommen. Fortan boten diese den Armen, Witwen, Alten, Kranken und manchmal auch Pilgern, aus reiner Nächstenliebe und natürlich gegen einen kleinen Obolus Obdach an. (mehr …)